Recherchen ermöglicht

2. Januar 2026

Digitalisierungsprojekt der VVN-BdA-Bundesvereinigung abgeschlossen

Ein kleiner Archivtraum ist mit der Digitalisierung des Organisations- und Kriegsverbrecherarchivs der VVN-BdA in Erfüllung gegangen. Über vier Jahre hinweg wurden die Materialien professionell gescannt. Das Ergebnis sind mehrere Festplatten mit insgesamt über 600 Gigabyte Daten in Form hochauflösender Fotografien.

Die Archive der VVN-BdA sind, wie unsere Vereinigung selbst, föderal strukturiert. Sie wurden seit Gründung 1947 auf Kreis-, Landes-, und Bundesebene von ehrenamtlich und hauptamtlich Aktiven angelegt. Unsere Archive unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Geographische und thematische Sammlungsschwerpunkte, Laufzeiten und Bestände, Zustand und Zugänglichkeit der Dokumente sind sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Standorte Köln und Berlin

Die Bundesvereinigung verfügt über zwei Archivstandorte – einen in Köln und einen in Berlin. Die Unterlagen in Berlin waren nun Teil eines großen Digitalisierungsprojekts. In Köln befindet sich das Hartmut-Meyer-Archiv als zentrales Neofaschismusarchiv inklusive eines Revanchismusarchivs, das aus der Sammlung Georg Herde hervorgegangen ist. In Berlin werden die Organisationsakten der VVN-BdA-Bundesvereinigung und ihrer Vorläuferverbände (VVN, IVVdN und BdA) archiviert sowie das Kriegsverbrecherarchiv und sämtliche Ausgaben der antifaschistischen Wochenzeitung Die Tat.

Wer beispielsweise wissen möchte, wie sich die VVN kurz nach der Befreiung um Überlebende kümmerte, wie das Präsidium der VVN arbeitete oder was auf den Bundeskongressen etwa 1963, 1971 oder 1989 diskutiert wurde, wird hier fündig werden. Ein großer Teil der Aktivitäten unseres Verbands und der Debatten, die unsere Kamerad*innen in früheren Jahrzehnten beschäftigten, sind im Organisationsarchiv abgebildet.

Das Kriegsverbrecherarchiv umfasst die Rechercheergebnisse des hauptamtlichen Apparats zum Thema NS-Täter*innen und Prozesse. Alphabetisch sortiert finden sich hier Materialien, die die Mitarbeiter*innen der VVN in der Geschäftsstelle in der Rossertstraße in Frankfurt am Main ab den 1960er-Jahren bis zur Schließung der Geschäftsstelle 1990 zusammengetragen haben. Ziel dieser umfangreichen Arbeit war es zum einen, NS-Täter*innen vor Gericht zu bringen und die Anklagen mit Beweismaterial zu stützen, und zum anderen, diese Prozesse zu beobachten, kritisch zu begleiten und bei Bedarf zu intervenieren. So finden sich in diesen Unterlagen, neben dem gesammelten belastenden Material, Presseberichte und Korrespondenzen mit Staatsanwaltschaften und Justizministerium. Außerdem wurden Materialien zu NS-Richtern und Juristen gesammelt, die in der BRD wieder im Justizapparat tätig waren.

Die Tat – antifaschistische Wochenzeitung wurde über den VVN-eigenen Röderberg-Verlag veröffentlicht. Das großformatige Blatt war die »Wochenzeitung der deutschen Widerstandsbewegung« und »Interessenorgan der Hinterbliebenen und Opfer des NS-Regimes«. Sie erschien ab 1949. Die Bände von 1952 bis 1985 liegen nun nahezu vollständig digital vor.

Kooperation mit Museum aus Washington

Dass es gelungen ist, diese drei Bestände (Organisationsarchiv, Kriegsverbrecherarchiv und Die Tat) zu digitalisieren, verdanken wir einer Kooperation mit dem United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington. Aufgrund der Einzigartigkeit unserer Akten trat das USHMM 2021 an uns heran und machte das Angebot, die Kosten für professionelle Scans zu übernehmen. Dadurch wurde es möglich, das Material für uns zu digitalisieren. Nach erfolgreicher Umsetzung verblieb ein Satz der Daten beim USHMM, die Rechte liegen jedoch nach wie vor bei uns als Eigentümer des Archivmaterials.

Dieses Projekt war nicht ohne einen großen Anteil ehrenamtlicher Arbeit durchführbar. Dass die Digitalisierung möglich wurde, verdanken wir zu einem großen Teil unserem ehrenamtlichen Archivar Wilhelm Girod. Wilhelm hat in mühevollster Kleinstarbeit über mehrere Jahre hinweg jeden Ordner und jede Kiste in die Hand genommen, von Klammern, Heftern und anderem Metall befreit und so aufbereitet, dass es überhaupt erst an die Digitalisierungsfirma übergeben werden konnte. Nicht nur einmal hat er sich in den spannenden Dokumenten festgelesen und kennt das Archiv nun wie kein Zweiter.

Großer Glücksfall

Es ist ein großer Glücksfall, dass wir nun über diese Digitalisate verfügen und sie für Forscher*innen und Interessierte zugänglich machen können. Die Festplatten liegen bei der Bundesvereinigung in Berlin und können auf inhaltlich begründete Anfrage eingesehen werden. In manchen Fällen werden auch einzelne Scans verschickt. Eine Onlinestellung ist nicht vorgesehen. Schön wäre es jedoch, wenn es uns gelänge, die Daten so aufzubereiten, dass sie nach Schlagworten und Namen durchsucht werden können. Das ist (noch) Zukunftsmusik. Aber man darf ja träumen.

Maxi Schneider