Messe als Knotenpunkt

2. Januar 2026

Wie Verlage, AfD-nahe Akteur*innen und Medien rechte Milieus vernetzen

Am 8. und 9. November fand in Halle an der Saale die rechte Buchmesse »Seitenwechsel« mit rund einhundert Aussteller*innen statt. Ort der Veranstaltung war das Gelände der Halle Messe, die von der Zwerenz-Gruppe aus Dresden betrieben wird. Ebenfalls in deren Portfolio: Die Messe Gießen, in der Anfang November das Gründungstreffen der neuen Parteijugend der AfD stattfand (siehe Seite 5).

Als Veranstalterin in Halle trat die Buchhändlerin Susanne Dagen aus Dresden auf, die gemeinsam mit ihrem Partner Michael Bormann im Stadtteil Loschwitz das Kulturhaus beziehungsweise Buchhaus Loschwitz samt angeschlossenem Verlag betreibt. Dagen wurde 2019 für die Freien Wähler in den Dresdner Stadtrat gewählt und sitzt dort nunmehr in der Fraktion der AfD. Außerdem veröffentlicht sie seit 2018 gemeinsam mit Ellen Kositza und wechselnden Gästen auf YouTube Videos unter dem Titel »Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen«. Ihr bislang wahrscheinlich bekanntester Gast dort war Martin Sellner. Ellen Kositza ist die Ehefrau von Götz Kubitschek, dem Inhaber des Verlags Antaios, in dem wiederum 2024 Sellners Buch »Remigration. Ein Vorschlag« erschien.

Der Verlag Antaios war mit einem Stand auf der Messe vertreten, ebenso wie die der »Identitäten Bewegung« nahestehenden Verlage Jungeuropa und Oikos, der rechte Comicverlag Hydra Comics und der neu-rechte Ares Verlag aus Österreich. Ebenfalls prominent vertreten war die rechte Medienlandschaft. So hatten unter anderem Compact, Cato, Junge Freiheit, Krautzone, Tichys Einblick, Zuerst! und Tumult jeweils eigene Stände. Auch das Magazin Aufgewacht!, herausgegeben von der SVM Sächsische Versand und Medien UG mit Sitz in Chemnitz, war vor Ort. Das Magazin der extrem rechten Kleinstpartei Freie Sachsen ist kürzlich mit der Deutschen Stimme der Partei Die Heimat (ehemals NPD) fusioniert und erscheint seit März 2025 unter dem Namen Aufgewacht – Deutsche Stimme. Ein durchaus naheliegender Schritt, denn immerhin sitzt der Bundesvorsitzende und sächsische Landesvorsitzende von Die Heimat, Peter Schreiber, für die Freien Sachsen im Kreistag des Landkreises Meißen und im Stadtrat von Strehla.

Darüber hinaus wurde ein reichhaltiges Rahmenprogramm geboten. So hielt der »Münchner Querdenker-Professor« (taz) Michael Meyen einen verschwörungsideologischen Vortrag über den »Staatsfunk« und erklärte, der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk werde von »der Macht« kontrolliert. Götz Kubitschek unterhielt sich mit dem verurteilten Volksverhetzer Aron Pielka, der erst im Mai vorzeitig aus der Haft entlassen worden war, und Diether Dehm las aus seinem aktuellen Roman.

Gloria von Thurn und Taxis wiederum ließ sich eine Stunde lang von Alexander Kissler von Nius interviewen und erzählte unter anderem, Friedrich Merz habe eigentlich nichts zu sagen, weil ja seit 60 Jahren die Linke Deutschland regiere. »Genderideologie« sei verdeckter Sozialismus und die Antifa »die neue SA, aber das darf man ja nicht sagen«.

Gastgeber für die rechte Buchmesse »Seitenwechsel« war die »Halle Messe«, betrieben von der Zwerenz-Gruppe. Foto: Jan Tölva

Gastgeber für die rechte Buchmesse »Seitenwechsel« war die »Halle Messe«, betrieben von der Zwerenz-Gruppe. Foto: Jan Tölva

Gleich zwei Podiumsdiskussionen wurden von der Fraktion Europa der Souveränen Nationen (ESN) im EU-Parlament, einer Sammlung extrem rechter Parteien, der unter anderem die AfD angehört, durchgeführt. So sprach zunächst der EU-Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der ESN Alexander Sell mit Lukáš Kopáč von der slowakischen Partei Hnutie Republika (Republika-Bewegung) und Milan Urban von der tschechischen Partei Svoboda a přímá demokracie (Freiheit und direkte Demokratie). Danach sprach die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Delegation im EU-Parlament Irmhild Boßdorf mit Tom Zwitser vom niederländischen Verlag De Blauwe Tijger und Sia von Riva vom rechten Frauennetzwerk Lukreta über rechte Ästhetik und Lebensstile.

Mit laut Veranstalterangaben 6.000 Besu-cher*innen war die Messe sehr gut besucht und kann ganz sicher als ein Erfolg der neuen und extremen Rechten gelten – auch weil es ihr gelang, mit bürgerlichen Rechtskonservativen, »Identitären« und eher antiintellektuellen AfD-Wähler*innen sehr unterschiedliche Milieus anzusprechen. Mit den großen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt am Main mit ihren 2.000 beziehungsweise 4.000 Aussteller*innen und jeweils über 200.000 Besucher*innen kann sie jedoch nicht konkurrieren. Auch wurden bei weitem nicht alle Stände von Verlagen betrieben. Neben einer ganzen Reihe von Ständen mit Kunsthandwerk war etwa die Firma Bader Cruising des ehemaligen stellvertretenden Landesvorsitzenden der AfD in Sachsen-Anhalt Burkhard Bader für Katamarane dabei und der ehemalige Freiburger AfD-Stadtrat Dubravko Mandic für seine Anwaltskanzlei. Die rechte Influencerin Michelle Gollan alias eingollan verkaufte Baseballcaps und Mützen mit dem Slogan »Make Germany Great Again«.

Vor der Halle und anderen Orten in der Stadt gab es am Wochenende, aber auch bereits in den Wochen zuvor zahlreiche antifaschistische Proteste. Am 7. und 8. November 2026 soll es am selben Ort eine Neuauflage der Messe geben. Grund genug, schon jetzt den Gegenprotest zu organisieren.

Jan Tölva