Verweigerung und Mut

geschrieben von
Dietrich Schulze

5. September 2013

Für andere riskierten sie in den Lagern ihr Leben

Mai-Juni 2010

Hilde Wagner: »Der Kapo der Kretiner«. Pahl-Rugenstein-Verlag, 2009, Bonn

Anja Tuckermann: »Denk nicht, wir bleiben hier!« – Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner. Carl Hanser Verlag, München 2005

Der 34-jährige deutsche Kommunist Karl Wagner und der 11-jährige Sinto-Junge Hugo Höllenreiner; Dachau/Allach im Juli 1943, Auschwitz im Februar 1945. Beide setzten das eigene Leben für andere Menschen aufs Spiel. Nicht gegensätzlicher könnten die Formen ihres Widerstands und die Begleitumstände sein. Und dennoch verbindet sie ein starkes inneres Band, eine Botschaft von großer Eindringlichkeit. Sie empfanden sich nicht als Helden. Sie taten, was sie tun mussten.

Allach im Juli 1943. Gespannte Stille im Dachauer KZ-Außenlager Allach. Die Häftlinge sind zum Appell angetreten. Lagerführer Jarolin schreit: »Lagerältester!« Auf einem Bock soll ein sowjetischer Häftling die Prügelstrafe beziehen. Karl Wagner, aus dem Stammlager Dachau abkommandiert, tritt vor. Jarolin zu Karl: »Schlagen!« Karl: »Ich schlage nicht!« Jarolin: »Warum schlägst du nicht?« Karl: »Ich kann nicht schlagen!« Jarolin mit diabolischem Grinsen: »Versuch’s!« Karl in zurückhaltender Tonlage: »Ich schlage nicht!«. Jarolin zieht die Pistole und brüllt: »Du verweigerst den Befehl, du Kommunistenschwein, das habe ich doch gewusst!« Karl streift seine Armbinde ab und legt sie auf den Bock. Die SS-Bestie ist verwirrt. Wollte sie doch den unbequemen Lagerältesten vor versammelter Mannschaft als Schläger vorführen und damit sein Ansehen zerstören. Dessen demonstrative Rückgabe der Lagerfunktion verbunden mit den selbstbewussten Antworten, löst gemischte Empfindungen in dem SS-Mann aus. Was er nicht wusste: Die illegale Dachauer Widerstandsorganisation hatte die Verweigerung des Schlagens beschlossen. Nur, wer würde das als Erster tun? Jarolin war von Karls beherrschter, im SS-System nicht vorgesehenen Funktionsrückgabe so beeindruckt, dass er ihn nicht sofort niederschoss. Karl wurde zwar hart bestraft, Stehbunker und Stockhiebe konnten tödlich sein. Doch sein Widerstand sprach sich wie ein Lauffeuer herum und ermutigte seine Häftlingskameraden.

Karl Wagner nutzte seine Funktion, die Sabotage der Rüstungsproduktion zu organisieren, zusätzliche Essensrationen für die Mithäftlinge zu beschaffen und vieles mehr. Er rettete Hunderten das Leben. Später erlebte er dank der umsichtigen illegalen Widerstandsorganisation die Befreiung in Buchenwald. Dem Mörder Jarolin wurde der Prozess gemacht. Er wurde gehenkt.

Auschwitz im Februar 1945. Der 11-jährige Hugo Höllenreiner soll getrennt von seiner Familie, die im März 1943 nach Auschwitz deportiert worden war, auf Transport geschickt werden. In wenigen Monaten, konfrontiert mit unvorstellbaren Verbrechen, war er zum Erwachsenen geworden. Ihn bewegte ein einziger Gedanke »Wo ist meine Familie? Ich habe versprochen, auf meine Familie aufzupassen. Meine Familie ist ohne mich. Sie stirbt ohne mich und ich muss etwas tun. Ich dachte mir, nein, ich bleib hier. Meine Familie ist hier. Lieber sollen sie mich erschießen.« Seine Freunde halten ihn noch fest. Er aber läuft weg, gelangt an einen Güterbahnhof mit zwanzig, dreißig Güterwaggons. Von weitem sieht er seine Schwester Frieda. Nun haben seine Gedanken ein klares Ziel: »Jetzt kann ich nur noch eins machen. Ich laufe jetzt hin. Werd ich erschossen, werd ich erschossen. Ohne meine Familie geh ich nicht weg.« Und er läuft mitten durch die SS-Postenkette, an beiden Seiten Hunde, Schritt für Schritt. Und er wusste: »Wenn ein Hund bellt, werd ich erschossen.« Die SS-Schergen müssen den mutigen Jungen wie ein Wesen von einem anderen Stern empfunden haben. Ihre Stimmung übertrug sich auf die Wachhunde. Sie haben nicht angeschlagen. Hugo war weder zu ängstlich noch zu forsch vorangeschritten. Seine aus innerem Kampf geborene Mischung aus Entschlossenheit und Vorsicht, geleitet von seinem unbedingten Willen, die Familie nicht im Stich zu lassen, hat ihm das Leben gerettet. Er gelangte zu Mutter und Schwester. Gemeinsam mit seiner engeren Familie überlebte er. Das Vernichtungslager wurde von der Roten Armee befreit.