Es kommt darauf an zu widersprechen

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Zum 9. November: Gespräch mit Andrej Hermlin über Antisemitismus

antifa: Du warnst immer wieder vor dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Vor dem Hintergrund der Demonstrationen in Solidarität zur Gaza oder auch der Al Quds Demonstration in Berlin, spielen viele Deutsche jetzt die verfolgte Unschuld und machen vor allem Migranten für den Antisemitismus hierzulande verantwortlich. Was hältst Du davon?

Andrej Hermlin: Das ist ein simpler Trick. Gerade in der Presse wird in letzter Zeit behauptet, der Antisemitismus hierzulande sei der Antisemitismus jener Menschen, die aus arabischen Ländern zu uns gekommen sind. Dass der dort besonders verbreitet ist, ist unstrittig. Aber die deutschen Antisemiten mit diesem Verweis gleichsam aus ihrer Verantwortung zu entlassen, ist natürlich billig. In Wahrheit verhält es sich so, dass sich hier plötzlich Menschen miteinander verbünden, die eigentlich sonst nichts miteinander zu tun haben. Nämlich Neonazis, Palästinenser, Araber, linke Antisemiten.

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Es ist momentan in unsere Gesellschaft eine Tendenz zu erkennen, alles in Frage zu stellen. Die Leute raunen: Die Regierung belügt uns, die Medien belügen uns, es ist eine große Verschwörung der Amerikaner und Juden im Verbund mit den Medien, der NSA, und der FED (Zentralbank der USA) im Gange. Es gab ja diese Montagsdemonstrationen, die durchs Land schwappten, mir schienen sie auf eine Entfremdung zwischen großen Teilen der Bevölkerung einerseits und der Regierung andererseits hinzuweisen. Ich bin bekanntlich kein großer Sympathisant dieser Regierung und will sie gar nicht verteidigen, aber wenn eine Gesellschaft in dieser Weise auseinanderfällt – ich habe das ja in anderer Form in der DDR erlebt – dann kommt man in schweres Fahrwasser.

antifa: Was lässt sich deiner Meinung nach, gegen den wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland tun? Lässt sich überhaupt etwas dagegen tun?

Andrej Hermlin: Wahrscheinlich werde ich damit wenig Begeisterung auslösen, aber ich glaube ehrlich gesagt, dass man nicht wirklich etwas dagegen tun kann. Natürlich könnte man jetzt mit Banalitäten kommen und sagen: ja wir müssen aufklären, man muss Veranstaltungen machen, man muss Demonstrationen, Lichterketten organisieren, mit Menschen sprechen und so weiter und so fort. Ich sag ja auch nicht, dass man das nicht tun soll – nur glaube ich nicht an die Wirkung solcher Maßnahmen. Wir haben in Deutschland eine Situation relativer wirtschaftlicher Stabilität, von der zugegeben nur ein Teil der Bevölkerung profitiert. Trotzdem sind die wirtschaftlichen Verhältnisse immer noch recht erträglich für die breite Masse der Bevölkerung. Insofern rechne ich persönlich nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden völligen Zerfall dieser Gesellschaft. Aber es gibt Zeichen an der Wand…

Wenn die wirtschaftliche und soziale Situation sich hierzulande verschlechtern würde und gleichzeitig eine erfolgreiche und charismatisch geführte rechte Bewegung entstünde, dann wäre alles möglich auch die Umdrehung der Verhältnisse in Deutschland. Und dann würde der Antisemitismus von dem wir heute reden zu einer größeren und sehr viel bedrohlicheren gesellschaftlichen Kraft werden. Für diesen Fall habe ich persönlich vorgesorgt, ich werde dann nicht mehr hier sein mit meiner Familie. Ich werde den Fehler meines Großvaters nicht wiederholen, der in der Reichskristallnacht nach Sachsenhausen gebracht wurde, weil er zu lange gewartet hatte. Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt. Ich hoffe, dass der Kelch an uns vorbei geht. Aber sicher bin ich mir nicht.

Es wird immer wieder behauptet, das alles, was wir im Moment erlebten, sei ja kein Antisemitismus. Die Leute sagen: ich habe nichts gegen Juden, ich kritisiere Israel. Es bleibt die Frage: was ist eigentlich Antisemitismus? Wie definiere ich das? Wenn ich sagte: Antisemit ist derjenige, der für die Wiedererrichtung von Gaskammern ist – nun, dann fänden wir wohl nur sehr wenige Antisemiten unter den Deutschen. Wenn ich aber die Deutschen fragte: Glaubt ihr, dass die Juden die Welt beherrschen? Glaubt ihr, dass es Zeit ist aufzuhören von der Shoah zu reden, würde ich zweifellos die entsprechenden, ernüchternden Antworten bekommen.

Graduell abgestuft, glaube ich, ist eine Mehrheit der Deutschen antisemitisch eingestellt. Ich weiß, dass ich dafür keinen empirischen Beweis beibringen kann und es werden mir auch viele Leute widersprechen. Ich glaube es aber trotzdem. Übrigens hat die Übertreibung dieses Problems Deutschland stets weniger geschadet als die Verharmlosung desselben.

Ich gebe nicht auf, noch nicht. Jede unwidersprochene antisemitische, rassistische Bemerkung ist eine Niederlage. Es kommt also darauf an zu widersprechen. Ich will am nächsten Morgen beim Rasieren noch mein Spiegelbild ertragen können und sicher sein: Ich habe nicht versagt, ich habe widersprochen. Ich hoffe darauf, dass der Antisemitismus bleibt was er ist – ein Wahn, der noch im Verborgenen wütet. Ich hoffe darauf, dass er mich nicht aus diesem Land vertreibt. Hoffen darf man ja noch.

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