Opfer ohne Lobby

geschrieben von
Regina Girod

5. September 2013

Ein Dokumentarfilm über Schicksale von Heimkindern im Faschismus

März-April 2010

Die Unwertigen

Dokumentarfilm von Renate Günther-Greene, Deutschland 2009, 86 min

Rund um den 27. Januar zeigte der Arbeitskreis »Marginalisierte gestern und heute« auf mehreren Veranstaltungen in Berlin und Potsdam den Dokumentarfilm »Die Unwertigen« von Renate Günther-Greene. Die Veranstalter, u. a. unterstützt von der Berliner VVN-BdA, ver.di und dem Filmverband Brandenburg, nahmen damit den Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus zum Anlass, an eine weitgehend vergessene Opfergruppe zu erinnern. Denn in dem Film berichten Menschen über ihr Schicksal, die den Faschismus als Heimkinder (bzw. in einem Fall als Häftling des Jugend KZ Moringen), erlitten. Waltraud Richard, Günther Discher, Richard Sucker und Elfriede Rybak stehen für viele namenlose Opfer, deren Leidensweg zum Teil auch nach dem Sieg über den Faschismus nicht zu Ende war. Aus unterschiedlichen Gründen nicht in das herrschende Wertsystem passend, wurden sie als »unwertig« ausgesondert, misshandelt, ausgebeutet und für den Rest des Lebens gezeichnet.

»In den Heimen und Psychiatrien der Bundesrepublik hielt sich faschistisches Gedankengut besonders lange«, erklärt die Psychologin Gertrude Zovkic vor der Kamera. »Die Anstalten befanden sich quasi außerhalb der Gesellschaft, in ihnen lebten Menschen ohne Lobby, das Personal und die Ärzte hatten ihre Ausbildung während der Nazizeit gemacht und nichts dazugelernt.« So wurde Elfriede Rybak, die als Schulkind wegen »Lernschwäche« in den Kalmenhof in Idstein eingewiesen wurde, mehr als 30 Jahre in der Psychiatrie festgehalten- als kostenlose Arbeitskraft. Sie sei ein »Überbleibsel aus dem dritten Reich« erklärte man der Psychologin, was ja nichts anderes bedeutete, als dass man sie aus irgend einem Grund am Leben gelassen hatte. Und genau so war es. Ab 1941 wurden im Kalmenhof etwa 600 Kinder ermordet. Alle wussten davon. »Hab‘ jetzt noch Angst … ganz plötzlich kommt des«, sagt die alte Frau heute. Ihr Schicksal ist vielleicht das Ergreifendste von den vier im Film dokumentierten, weil das Stigma »unwertig« den größten Teil ihres Lebens überschattete. Sie durfte nichts lernen, blieb Analphabetin, musste auf dem Feld und später in der Küche schwer arbeiten. Sie heiratete in der Anstalt, die sie bis zu ihrer »Befreiung« durch Gertrude Zovkic im Jahr 1970 nicht verlassen durfte. Ihre drei Kinder wurden ihr sofort nach der Geburt weggenommen, sie war ja »erziehungsunfähig«. Einer ihrer Söhne fährt sie im Film im Rollstuhl über das Gelände der Klinik, in die er selbst als 11-jähriges »schwererziehbares« Heimkind zurückkam. Seine Mutter sah er nur manchmal, zufällig und von weitem.

Leider hat der Film jedoch trotz seiner beeindruckenden Protagonisten deutliche konzeptionelle Schwächen. Offenbar vertraute die Autorin den Schilderungen der Betroffenen selbst nicht genug. Das beständige Hin- und Herspringen zwischen den vier Lebensgeschichten wirkt verwirrend, nebensächliche Zeugenaussagen wechseln sich ab mit erschütternden Dokumenten und an den Reaktionen der überwiegend jungen Kinobesucher war abzulesen, dass ohne fundierte Geschichtskenntnisse die Spezifik der faschistischen Zeit nicht zu verstehen war. Sehr merkwürdig wirkte auf mich auch die Eingangssequenz des Films. Eine Reihe von Ausschnitten aus nazistischen Propagandafilmen zeigt Kinder und Jugendliche auf Massenveranstaltungen der HJ, in Sportstadien und bei Aufzügen, alles sehr militaristisch und auf »Gemeinschaft« getrimmt. Dazu eine Stimme aus dem Off: »Nie zuvor und nie danach hatte die Jugend einen solchen Stellenwert im Staat wie im Dritten Reich. Aber es gab auch die Anderen, die ›Unwertigen‹ …«

Faschistische Propagandabilder zu benutzen ist ja heute modern geworden, doch nach meiner Auffassung verbietet sich die unkommentierte Würdigung der »Bedeutung der Jugend« in jener Zeit. Nicht nur, weil sie die Gesamtaussage des nachfolgenden Films zurücknimmt, sondern auch, weil diese Bedeutung tatsächlich darin bestand, als Kanonenfutter und williges Werkzeug in Eroberungskriegen zu dienen. Das Aussortieren und »Ausmerzen« von »Unwertigen« war logische Konsequenz eines unmenschlichen Wertsystems, in dem das Individuum generell wenig zählte, selbst wenn es scheinbar der Norm entsprach. Durch das Fehlen dieses grundlegend kritischen Ansatzes erscheinen dann auch die Anmaßung und das ungeheure Unrecht, die der Film so eindrücklich dokumentiert, irgendwie subjektiv und zufällig – und damit letztlich relativiert. Schade.