Überlebende Partisanen

geschrieben von
Markus Tervoren

5. September 2013

Berliner VVN-BdA Mitglieder knüpfen Kontakte nach Israel

Juli-Aug. 2010

Kurz vor Ostern und Pessach traf unsere Reisegruppe, darunter eine inoffizielle »Berliner VVN-BdA-Delegation« in Jerusalem ein. Vor uns lagen zwölf Tage Israel – so angefüllt mit Eindrücken, Erlebnissen und Gesprächen, dass sich dieser Bericht auf zwei Begegnungen beschränken muss.

Am Tag nach unserer Ankunft machten wir uns auf in das Kibbuz Na’An, um Jacov Tsur, den Vorstand der Vereinigung der Überlebenden von Ravensbrück und Sachsenhausen in Israel zu besuchen. Geboren 1925 in der Tschechoslowakei, überlebte er die KZs Theresienstadt, Auschwitz und Sachsenhausen. 1946 wanderte er in Palästina ein. Nach einer Busreise nach Ramle, einer Stadt etwa 70 km nordwestlich von Jerusalem, begrüßt er uns vor dem Kibbuzladen. Er beginnt mit einer Anekdote. Stalin sei hier sehr beliebt gewesen, denn er habe die Nazis besiegt und habe danach veranlasst, dass via Tschechoslowakei Waffen in den jungen Staat Israel geliefert wurden. Wir lernen Na’An kennen, das Elternhaus (Altersheim), den Kindergarten, die kleinen Werkstätten, die kleinen Wohnhäuser, die Pflegestation, das Kulturhaus, die Gemeinschaftskantine. Wir treffen einige ältere Menschen, ihre Geburtsorte liegen in Deutschland. Von der VVN-BdA haben sie noch nie etwas gehört, aber sie wünschen uns Erfolg bei unserem Engagement. Inmitten des Kibbuz steht ein Panzer aus dem Unabhängigkeitskrieg, an dem viele Einwohner als Mitglieder der Haganah (der eher sozialdemokratisch geprägten zionistischen paramilitärischen Untergrundorganisation) teilnahmen. Nach dem Mittagessen in der Kibbuzkantine setzen wir uns im Cafe zusammen. Jacov erzählt von seinem zweiten Leben, sein zweiter Geburtstag war der 24. April 1945, sein Tag der Befreiung nach dem Todesmarsch in Below. Seine zweite Heimat ist Israel und Na’An. Er erzählt von der sozialistischen Gemeinschaft im Kibbuz, die mit der Zeit immer individualisierter geworden ist, aber auch heute allen 900 Mitgliedern ein Auskommen und soziale Sicherheit bietet. Wir hören Stolz auf dieses Aufbauwerk heraus und Wehmut darüber, dass die Ideale der Kibbuzim nicht mehr auf die Gesellschaft abstrahlen. Auch er selbst sei pragmatischer geworden und von links politisch in die Mitte gewandert. Heute ist er Mitglied der Kadima-Partei.

Wenige Tage später begrüßt uns Bella Shotten vor einem Wohnhaus in Tel Aviv. Sie ist im Vorstand der Organisation »Generation to Generation – Bearers of the Holocaust and Heroism Legacy«, die sich mit der Vermittlung des Holocaust und des jüdischen Widerstands an und durch die »zweite Generation« beschäftigt. Sie ist die Tochter jüdischer Partisanen. »Meine Eltern redeten mit ihren Freunden immer nur über den »Wald« (gemeint ist das Leben der Partisanen und Flüchtlinge in den Wäldern) aber sie redeten darüber nicht mit mir« bringt sie ihr lebenslanges Dilemma auf den Punkt. Sie bringt uns in ein kleinen Büros zu Baruch Shub, dem Vorsitzenden der Partisanenorganisation. Mitglied des Direktoriums von Yad Vashem und im Verwaltungsrat der Claims Conference. Er ist 1924 in Wilna geboren. Die »Einsatzgruppen« der Nazis ermordeten seine gesamte Familie, seine Eltern und fünf Geschwister. Nach der Liquidierung des Wilnaer Ghettos durch die Nazis, schloss er sich mit der »Trockay Brigade« in den Rudniki Wäldern, der zentralen Partisanen Organisation der Roten Armee an. 1945 erreicht er mit einem Haganah Schiff Palästina und nimmt am Unabhängigkeitskampf teil. Baruch begrüßt uns freundlich, aber zurückhaltend, es falle ihm immer noch schwer, mit Deutschen zu reden. Als wir uns und die VVN-BdA vorstellen taut er auf, bietet uns Wodka an, »so ist das üblich bei uns Partisanen« lächelt er, als einige wegen der frühen Stunde ablehnen wollen. Er erzählt uns bewegt von seiner Begegnung mit SchülerInnen in Hamburg 2008, den ersten Deutschen, mit denen er wieder geredet habe, »Sie kamen mir vor wie Engel« beschreibt er ihre Anteilnahme. Wir erzählen von der VVN-BdA, ihrer Geschichte. Er hat nie davon gehört, bietet uns aber an, auf Deutsch weiterzureden, als unser Englisch ein wenig holpert. Auch bei uns gibt es Rassisten, manche würde ich sogar Nazis nennen, sagt er, aber in Hinblick auf die Diskussionen über die israelische Politik schränkt er ein, »ihr habt nicht das Recht dazu. You are Outsiders.« Bei einem nächsten Besuch in Israel will er uns das zentrale Partisanen-Denkmal zeigen, es liegt im Panzermuseum der IDF in Latrun. Wir werden diese Einladung gerne annehmen.