Wir wollten sie ändern

geschrieben von
Die Fragen stellte Regina Girod

5. September 2013

antifa-Gespräch mit Ulrich Rabe über Entnazifizierung in
Ostdeutschland

März-April 2010

Dr. Ulrich Rabe ist Mitbegründer des BdA in Meckleburg Vorpommern

Die von Ulrich Rabe erstellte Übersetzung des Artikels »L’échec de la dénazification en RFA« (Die fehlgeschlagene Entnazifizierung in der BRD) von Jean-Luc Bellanger aus der Zeitung »Le Patriote Résistant« vom Januar 2010 ist im Internet unter www. antifa.vvn-bda.de zu finden.

Interessenten können die gedruckte Version auch bei der Redaktion bestellen.

antifa: In der Zeitschrift: »Le Patriote Résistant« vom Januar 2010 erschien ein Artikel über die Entnazifizierung in den westlichen Besatzungszonen und der BRD, den du für die Leser der antifa übersetzt hast. Warum?

Ulrich Rabe: Ich habe die Entnazifizierung im Osten erlebt und aus diesem Artikel Interessantes über den Prozess im Westen erfahren. Er basiert auf gründlichen Recherchen von Verfassern, die in der Jetztzeit leben und die Dinge aus heutiger Sicht betrachten. Besonders interessierten mich Zielstellung und Form der Entnazifizierung durch die westlichen Alliierten. Bei aller Differenziertheit in der Durchführung durch die einzelnen Besatzungsmächte, hatten sie dazu zunächst gemeinsame Abmachungen in folgender Richtung getroffen:

1. Die Entnazifizierung wird von den westlichen Alliierten durchgeführt

2. Jeder Deutsche über 18 Jahren hat einen Fragebogen auszufüllen. Die Beantwortung der Fragen soll als Grundlage zur Einordnung in fünf Kategorien von Schuld dienen (von »unbelastet« bis »schuldig«).

3. Die Einordnung erfolgt zunächst durch Beauftragte der jeweiligen Besatzungsmacht. Danach durch »Spruchkammern«, die von Deutschen besetzt waren und unter der Aufsicht der jeweiligen Besatzungsmacht arbeiten.

antifa: Du betonst die Durchführung durch »die westlichen Alliierten«?

Ulrich Rabe: In der Bevölkerung wirkte damals noch die Nazipropaganda. Wie sollte es auch anders sein? Handlungen der Besatzungsmächte stießen also bei vielen Deutschen a priori auf Widerstand. Ich habe so etwas 1945-46 persönlich erlebt und musste mich damit auseinandersetzen. Ich lernte zu dieser Zeit in der »Sowjetischen Aktiengesellschaft Benzinwerk Böhlen« und wollte dort eine Betriebsgruppe der »Antifa-Jugend« (der späteren Freien Deutschen Jugend) aufbauen. In einer großen Versammlung sollte die Gründung der Gruppe erfolgen. Der Widerstand der Jugendlichen war erheblich und deutlich. Also entsandte der sowjetische Generaldirektor des Werkes einen jungen Politoffizier der Roten Armee in die Versammlung. Die Versammlung endete mit einem Fiasko. Die Jugendlichen schrien: »Was will denn der, kommt hierher nach Deutschland und will uns belehren.« »Wir lassen unseren Führer nicht beleidigen. Wir sind Deutsche. Die sollen abhauen!«, usw. Die meisten Jugendlichen waren noch völlig in der Nazipropaganda befangen. Das war offenbar die Haltung vieler Deutscher in dieser Zeit, die Jugendlichen sprachen es nur aus. Unter solchen Voraussetzungen hatte die Aktion natürlich nur geringe Aussichten auf Erfolg.

antifa: Später wurde die Entnazifizierung im Westen von deutschen »Spruchkammern« übernommen. Damit entfiel doch das Problem »Besatzungsmacht«?

Ulrich Rabe: Die Frage ist doch, was für Deutsche in diesen »Spruchkammern« wirkten. Jedenfalls befanden sie nur 0,5% als »Schuldige«, 99,5% als »Mitläufer« oder »Entlastete«. Das sagt sicher auch etwas aus über die Besetzung der Spruchkammern.

antifa: Und in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) war das anders?

Ulrich Rabe: Nach meiner Heimkehr aus dem Lager und meinem Beitritt in die SPD wurde ich in die örtliche Kommission zur Anerkennung als »Verfolgter des Naziregimes« berufen und hatte die Interessen der »rassisch Verfolgten« zu vertreten. So konnte ich später nicht auch noch in der »Entnazifizierungskommission« mitarbeiten. Ich erlebte diese Sache trotzdem hautnah. Wohl gemerkt – in der sowjetischen Besatzungszone. Zunächst wurden hier alle bisherigen Führungskräfte aus den Schaltzentralen entfernt. Also die Leute, die die Naziherrschaft in Verwaltung, Justiz, Polizei, Armee, Handel, Finanzwirtschaft und vor allem in der Erziehung getragen hatten. Ende 1946 waren in der SBZ insgesamt 390 478 ehemalige Nazis aus solchen Stellen entlassen worden. Ihnen wurde damit die Macht aus der Hand geschlagen.

antifa: Wer übernahm ihre Aufgaben? .

Ulrich Rabe: Dafür musste ein hoher Preis gezahlt werden. Die neu Beauftragten waren Nazigegner, Antifaschisten, die ehrlich und mutig gegen die Nazis gekämpft hatten und Leute, die von den Nazis schlimme Wunden und Verluste erlitten hatten. Also eben Antifaschisten. Aber sie hatten meist keinerlei fachliche Voraussetzungen. Heinrich Rau, gelernter Metallpresser, wurde Minister für Planung. Der spätere Verteidigungsminister hatte in Spanien gegen den Faschismus gekämpft, als Leutnant. Aber er war kein General. Der Außenminister war gelernter Schneider, usw. So ging das hinunter bis zur Ebene Bürgermeister, Richter, Lehrer. Dabei ging aber auch viel schief. Anderseits erlebte ich in meinem Heimatort, dass der Mann, der bis zur Kapitulation Bürgermeister war, den Auftrag erhielt, den Neuen einzuarbeiten. Das wurde dann bei seiner Entnazifizierung gewürdigt. Er hatte ja gezeigt, dass er an einer neuen Zukunft mitarbeiten wollte.

antifa: Das heißt, in der SBZ wollte man auf jeden Fall auch eine Entnazifizierung?

Ulrich Rabe: Wir wollten jedem möglichen Wiederentstehen des Nazismus den Boden entziehen. Dazu war die »Entnazifizierung« der erste Schritt. Zur Entnazifizierung der Bürger wurden Gespräche geführt. Die Betroffenen konnten Zeugnisse vorlegen und Haltungen begründen, sie hatten Deutsche vor sich, die aus ihrem Ort stammten, die ihre Familie kannten, ihren Werdegang und ihr Verhalten. Leute, die aber auch sehr wohl wussten, wie die Nazipropaganda gewirkt hatte – vielleicht sogar in ihrer eigenen Familie. Aber es gab auch ehemalige Nazis, die entzogen sich dieser Art Entnazifizierung und gingen in den Westen. Sie bewiesen damit, dass sie Nazis geblieben waren und wussten, dass sie dort nichts Schlimmes zu erwarten hatten. Viele wurden, im Gegenteil, dort unterstützt und gefördert.

antifa: Konnte es denn bei dieser Form der Entnazifizierung trotzdem zu Ungerechtigkeiten kommen?

Ulrich Rabe: Leider doch. Es gab viel Bitteres wie oft bei Umbrüchen dieser Dimension. Auch Ungerechtigkeit, Denunziationen, ungeprüfte Verurteilungen und Deportationen in entsetzliche Lager. Viele kamen nicht zurück. Ich erlebte auch bei der Enteignung bittere Ungerechtigkeiten. Die Familie eines Schulkameraden, Großgrundbesitzer, hatte sich auf die Seite unserer jüdischen Familie gestellt, hatte versucht, mich in der NS-Zeit vor Diskriminierung zu schützen. Ich konnte ihnen nicht helfen. Der Pächter eines Grundbesitzes in unserem Ort half Ostarbeitern, kleidete und ernährte sie, sorgte für ihre medizinische Betreuung. Er wurde enteignet, unsere Versuche, auf seine Haltung aufmerksam zu machen, schlugen fehl. Aber es gab auch Erfreuliches. Ich konnte drei meiner ehemaligen Lehrer, von denen zwei NSDAP-Mitglieder waren, bescheinigen, dass sie erfolgreich versucht hatten, mich zu schützen. Einer schaffte es sogar, mir verbotenerweise zum Abitur zu verhelfen. Ihre Entnazifizierung war nach wenigen Minuten beendet. Sie wurden wieder eingestellt.

antifa: Und wie ging es weiter mit den ehemaligen Nazis?

Ulrich Rabe: Natürlich ganz unterschiedlich. Wir gingen von einer Grundüberlegung aus: Die große Mehrheit der Deutschen war von der Nazipropaganda überzeugt worden, viele waren sogar begeistert. Doch wie sollte man ein neues Deutschland aufbauen ohne die Deutschen? Mit ein paar Antifaschisten und einigen Sympathisanten? Das konnte nichts werden. Blieben die meisten Nazis, konnten sie uns nur schaden. Es gab nur einen Weg, wir mussten sie abbringen von ihrer Haltung. Wir mussten sie einbeziehen, interessieren, ja vielleicht sogar begeistern für den Aufbau eines neuen, eines antifaschistischen Deutschlands. Zunächst wurde ihnen eine »Bewährung« verordnet. Je nach ihrer Schuld in der Vergangenheit und ihrem gegenwärtigem Verhalten. Das ließ zweifellos viel Raum für subjektive Bewertung. Danach aber wurden sie als normale Bürger in die Gemeinschaft aufgenommen. Die Vergangenheit war Vergangenheit. Sie hatten alle Rechte und Möglichkeiten. Sie konnten auch in allen zugelassenen Parteien mitwirken. Bellanger weist darauf hin, dass auch in die SED ehemalige Nazis aufgenommen wurden. Das stimmt wirklich. Ich kannte die Leiterin einer örtlichen »Frauenschaft«, eine überzeugte Nationalsozialistin. Sie musste einige Wochen zur »Bewährung« zwischen Bahngleisen Unkraut zupfen. Eine sehr anstrengende, schmutzige Arbeit. Völlig ungewohnt und schmachvoll für die Gattin eines ehemaligen Beamten. Dann war sie freie Bürgerin, es gab keine Vorwürfe, keine Einschränkungen mehr. Sie versuchte, sich ehrlich mit der neuen Umwelt auseinanderzusetzen, in ihr zu leben. Männer leisteten meist körperliche Arbeit in der Landwirtschaft, bei der Waldarbeit oder in der Industrie und wurden dort mit den neuen Ideen – und auch mit den neuen Problemen – konfrontiert.

antifa: Wie wurden denn die Defizite beseitigt, die durch die massenweise Entlassung leitender Nazis entstanden?

Ulrich Rabe: Das erforderte viel Geduld und Zeit, dabei drängten die Probleme. Der Mangel an geeigneten Kadern führte zu Fehlern, die Zeit und Geld, aber auch Vertrauen bei der Bevölkerung kosteten. Langfristig musste eine neue Intelligenz herangebildet werden. So wurden Arbeiter- und Bauernkinder geworben, sich für einer höhere Bildung zu entscheiden. Für viele eine völlig fremde Welt, verbunden mit ungewohnten Mühen und Entbehrungen. Und nicht jeder schaffte es. Zunächst mussten sie die Hochschulreife erwerben, dann studieren, oft bei Professoren, denen Leute ihrer Herkunft fremd waren. Inzwischen kämpften die eingesetzten Kader hart und hatten kaum Zeit, sich weiter zu bilden. Später versuchten manche von ihnen, sich gegen die neu ausgebildeten Leute zu wehren und ihr Vorankommen zu behindern. Doch auch diese Probleme wurden überwunden.

antifa: Welches Fazit würdest du heute über die Kämpfe der Nachkriegszeit ziehen?

Ulrich Rabe: Wir glaubten, der Nazismus sei vernichtet. Irrtum, wir kämpfen heute wieder.