Alte Assoziationen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Warum Teile der deutschen Rechten gerade pro-russisch sind

 

Der russische Präsident Vladimir Putin findet derzeit nicht viel Rückhalt in der deutschen Medienlandschaft. Eine Ausnahme bilden die Zeitungen und Magazine der extremen Rechten, die sich seit Ausbruch der Ukraine-Krise nahezu geschlossen hinter ihn stellen.

Überraschend ist dies dann nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass das extrem rechte Lager in Deutschland im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges in der »Russland-Frage« weniger homogen gewesen ist, als es die späteren historischen Ereignisse in Russland erscheinen lassen. Tatsächlich zog sich ein ideologischer Konflikt über die »richtige« Ostpolitik bis in die Mitte der 1930er Jahre hin, an deren Ende das NS-Regime divergierende Meinungen mundtot machte. Bis dahin argumentierte eine Gruppe von Autoren, u.a. Hans Schwarz, Giselher Wirsing und Ernst Niekisch sowie Zeitschriften wie »Der Nahe Osten« und »Widerstand« für eine Bündnisoption mit Russland, die heute angesichts der Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion außerordentlich befremdlich wirkt.

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Der Übergang von der althergebrachten preußisch-zaristischen Liaison zu einer nationalistisch-völkischen begann mit der ersten deutschen Werkausgabe (1905 – 1915) der Romane Fjodor Dostojevskijs und zwar ausgerechnet durch einen der wichtigsten Vertreter der späteren sogenannten Konservativen Revolution, Arthur Möller van den Bruck. Diesem verdankt die Welt immerhin das Schlagwort »Das Dritte Reich« als dem Titel seines Hauptwerkes.

Wer die politischen Schriften Dostojevskijs auf Deutsch lesen will, muss bis heute auf Möllers Ausgabe zurückgreifen. Der russische Romancier begeisterte seinen deutschen Herausgeber und in der Folge weitere nationalistische Autoren durch seinen betonten Antiliberalismus und seine grundsätzliche Ablehnung des »Westens«. In praktische Politik begann Möller seine Haltung im Propagandastab der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg umzusetzen. Doch recht auffällig suchte er russische Leser davon zu überzeugen, dass das Heil Russlands im Süden zu suchen sei, der Kampf gegen Deutschland in der Zwischenzone vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer hingegen gar nicht im russischen Interesse liege. Tief enttäuscht zeigte sich Möller dann 1917 angesichts der Oktoberrevolution. Doch der Schreck legte sich ab etwa 1920. Möller und mit ihm einige andere, begannen das entstehende Sowjet-System umzuinterpretieren. »Der Bolschewismus ist russisch. Und er ist nur russisch.« war seine Losung. Gemeint war, dass der westliche Bazillus des Marxismus im russischen Volk ohnehin nicht viel Schaden anrichten könnte. Bis 1932/1933 spitzte sich diese Interpretation z.B. bei Niekisch bis zu offener Begeisterung für den eisigen »militarisierten Arbeitsstaat« Sowjetunion zu. Die Sowjet-union sei das »neue Potsdam« hieß es, voller Treue, Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft. Man hangelte sich an Assoziationsketten entlang, in der der »Westen« mit »Liberalismus« und »Kapitalismus«, der »Osten« hingegen mit »Sozialismus« und »Staat« verbunden wurde.

Die minoritäre rechtsextreme russlandorientierte Fraktion meldete sich nach 1945 in Form kleiner »nationalneutralistischer« Gruppen zurück, um dann Anfang der 1990er Jahre, vom doch lästigen Kommunismus endlich befreit, mit Ideologen wie Reinhard Oberlercher wieder von der »eurasischen Achse« träumen zu können.

Seit Anfang 2014 nun ist Möllers Traum der Wirklichkeit deutlich näher gerückt. Zum ersten Mal dominiert die »Ostorientierung« das Denken des deutschen Rechtsextremismus. Gleichzeitig kooperieren nicht mehr nur windige russische Neonazis mit ihren deutschen Geistesgenossen, sondern Akteure des aktuellen russischen Herrschaftsapparates, in Form verschiedener »Präsidentenberater«. Prof. Alexander Dugin, der als wichtigster geopolitischer Berater Putins vorgestellt wird, wird bspw. im neofaschistischen Nachrichtenmagazin »Zuerst!« breiter Raum eingeräumt. Dessen Buch »Konflikte der Zukunft« erscheint denn auch in einem der Verlage Dietmar Muniers. Wie schon Möller100 Jahre zuvor möchte Dugin dem »westlichen Ziel eines globalen Liberalismus und Kapitalismus unter der Führung der USA« einen »eurasischen Block zusammen mit Russland« entgegenstellen, in dem die »europäischen Völker« ihre »Identität« bewahren könnten. Kein Wunder, dass das Begeisterung im deutschen Neofaschismus auslöst.