Radikale Verengung
12. März 2025
Zum Artikel »Hilfloser Antifaschismus« in junge Welt zur VVN-BdA nach einer antifa-Buchrezension
Vorbemerkung der Redaktion
Am 21. Februar, zwei Tage vor der Bundestagswahl, erschien in der Tageszeitung junge Welt (jW) scheinbar ausgelöst durch die Buchrezension »Systematisches Ausblenden« von Thomas Hacker in der antifa-Januar-/Februarausgabe (siehe auch Seite 16 dieser Ausgabe) ein von der Buchherausgeberin Susann Witt-Stahl verfasster zweiseitiger Beitrag zur VVN-BdA (Link: kurzlinks.de/vvn-bda-jw). Wir dokumentieren – in der Druckversion aus Platzgründen leicht gekürzt – einen Beitrag von Luise Gutmann, Harald Munding und Christian Viefhaus (Sprecher:innen der VVN-BdA-Landesvereinigung Bayern) vom 23. Februar zur Vorbereitung einer Konferenz »Antifaschistische Strategien«.
Leserbrief:
(…) »Eine tapfer und beharrlich an friedenspolitischen Grundsätzen festhaltende Basis« der VVN-BdA wird von der Verfasserin Susann Witt-Stahl ins Feld geführt gegen den sogenannten »Überbau« respektive das »Establishment der VVN-BdA«. Offensiver kann der Spaltungsversuch kaum formuliert werden. Er ist nur konsequent, denn der ganze Artikel zielt auf eine möglichst radikale Verengung des Antifaschismus. Witt-Stahl wendet sich namentlich gegen Cornelia Kerth, Florian Gutsche, Nils Becker, Andreas Siegmund-Schultze, Thomas Willms, Maxi Schneider und Thomas Hacker, inhaltlich aber gegen die Grundprinzipien unserer VVN-Arbeit.
Werfen wir hierfür einen Blick in unseren »Zukunftsentwurf Antifaschismus« (vvn-bda.de/ueberuns): »Heute ist die VVN-BdA eine partei- und spektrenübergreifende Organisation, in der es unterschiedliche Zugänge zum Antifaschismus gibt.« Und weiter: »Die politische Vielfalt unserer Mitgliedschaft macht die Besinnung auf das gemeinsame Anliegen notwendig. Dazu gehört, dass wir kein, von einer einheitlichen Weltanschauung geprägtes Verständnis von Faschismus und Antifaschismus haben.«
Susann Witt-Stahl hat ihren Zugang zum Antifaschismus. Jeden anderen Zugang außer den eigenen als »hilflosen Antifaschismus« (wahlweise auch als »konformistische Haltung«, »Antifa von oben«, »integrierender Teil der Restaurationsideologie« usw. usf.) zu diffamieren, mag manchen ihrer Leser*innen gefallen, diese Distinktionsstrategie aber implizit einer partei- und spektrenübergreifenden Organisation wie der VVN-BdA zu empfehlen, ist Unsinn und muss von uns allen zurückgewiesen werden.
Die Liste derer, mit denen für Witt-Stahl kein richtiger, wahrhafter Antifaschismus zu machen ist, ist lang: Jungle World, die »auf den Kurs der deutschen Restauration eingeschwenkte Linkspartei«, SPD- und Grünen-nahe NGOs (Heinrich-Böll-Stiftung, Amadeu-Antonio-Stiftung) usw. Wenn aber selbst die Linkspartei als Bündnispartnerin ausscheidet, dürfte die gesellschaftliche Relevanz schnell gegen null gehen. Eine Meinung ist nicht zwingend deswegen falsch, weil sie nur von Wenigen geteilt wird. Eine VVN-BdA auf Witt-Stahls Kurs wäre aber nicht nur eine sehr kleine, sondern auch eine sehr arme Veranstaltung. Von ihr hätte selbst eine Susann Witt-Stahl exakt gar nichts.
Im Artikel schwingt bereits eingangs ein Vorwurf gegen Nazigegner mit, »die Faschismus weitgehend auf AfD reduzieren«. Und Witt-Stahl hat recht: Das ist die in unserem Zukunftsentwurf beschriebene »Besinnung auf das gemeinsame Anliegen«. Witt-Stahl tut so, als wäre die »Brandmauer« ein ehrloses Unterfangen, »hinter der Politiker von CDU bis zur Linken schon lange gemeinsame Sache mit der AfD machen«, z. B. bei der »Verstümmelung des Antisemitismusbegriffs«. Und das scheint der springende Punkt. Witt-Stahl und der VVN-BdA in ihrer überwiegenden Mehrheit geht es um völlig verschiedene Dinge: Für die VVN-BdA ist gesellschaftliche Breite gegen die erste faschistische Partei mit perspektivischer Regierungsoption in Deutschland nach 1945 essenziell. Witt-Stahl möchte Israel und die Ukraine kritisieren dürfen (was sie darf).
Was im Artikel »Hilfloser Antifaschismus« hellhörig macht, ist das permanente Geraune über DIE DA OBEN. Es schwingt mit in der durchgängigen Bezeichnung größtenteils ehrenamtlich Engagierter als »Establishment« und »Überbau«. Positionen, die nicht die eigenen sind, müssen in irgendeiner Art Betrug an den Massen sein. Dies wird auch deutlich, wenn Thomas Hacker laut Witt-Stahl etwas abstreitet, »was selbst die Bundeszentrale für politische Bildung zugegeben hat«. Dieser Satz bedeutet ja nichts anderes, als dass die Bundeszentrale für politische Bildung an anderer Stelle wissentlich Informationen zurückhält, um sie nur unter Druck zuzugeben. Wir sind aber anders als z. B. in Russland frei, uns zu informieren und die meisten von uns tun es (hoffentlich) über verschiedene Kanäle, z. B. auch über die junge Welt. Warum mit Verschwörungsglauben auf unterschiedliche Positionierung reagieren, vor allem dann, wenn die eigene Position eine marginalisierte ist?
Wir werben dafür, unseren »Zukunftsentwurf Antifaschismus« ernst zu nehmen, den »partei- und spektrenübergreifenden« Charakter unserer Organisation als ihre Stärke zu begreifen, sich »auf das gemeinsame Anliegen« zu besinnen und unsere ganze Kraft einzubringen in das gesellschaftliche Ringen gegen den neuen, blauen Faschismus in Deutschland. Susann Witt-Stahl darf das gerne als »hilflosen Antifaschismus« betrachten. Dass es aber auch die Art von Antifaschismus sein soll, so Witt-Stahl, »den der deutsche Imperialismus für seine Ideologien zur Formierung einer kriegstüchtigen Volksgemeinschaft braucht«, lässt vermuten, dass wir mit weiteren Angriffen zu rechnen haben. Den Vorwurf, Treiber einer »Volksgemeinschaft« zu sein, erhob gegen antifaschistisches Engagement übrigens schon vor 24 Jahren und dann immer wieder die Zeitschrift Bahamas. Als vorgebliche Kennerin antideutscher Milieus und Kampfbegriffe wird Susann Witt-Stahl das wissen. (…)
Marginalie:
Weiterhin dokumentieren wir einen Leserbrief von Ulrich Sander aus Dortmund auf den Witt-Stahl-Artikel, der in der jW vom 22./23. Februar veröffentlicht wurde.
Goethe klagte nicht
Die junge Welt hat eine Konferenz zum Ukraine-Krieg veranstaltet. Sodann wurde aus den Referaten der Konferenz ein Buch zusammengestellt. Dies führte dazu, dass in der Zeitschrift der VVN-BdA, antifa, eine Rezension zum Buch erschien. Diese gefiel nicht allen, schon gar nicht einem der zitierten Referenten. Der kam auf den Einfall, dagegen juristisch vorzugehen. Er fand kein Gericht, das sich mit so etwas befasst, klar. Man erinnere sich an Goethe, der Rezensionen ganz und gar ablehnte. Zum Glück ging er nicht vor Gericht, denn das hätte zu seiner Zeit schlimme Folgen für die Kritiker, etwa Kerkerhaft, gehabt. Er schrieb dazu: Lasst mich die Rezensionen schreiben, denn ich kenne meine Werke am besten. Ganz anders die junge Welt. Sie verteidigt das juristische Vorgehen gegen die antifa und lässt dazu unter der Rubrik »Thema« zwei Seiten gegen die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/BdA vom Stapel. Die demokratisch gewählten Gremien der VVN-BdA werden darin ständig als »VVN-Establishment« bezeichnet. Die Autorin liefert mal wieder ein Beispiel ihrer Begriffsstutzigkeit, sie ist unfähig zu begreifen, dass Antifaschismus Bündnispolitik bedeutet, dass die VVN-BdA eine Bündnisorganisation ist. Meine Meinung zu den zwei Seiten: Thema verfehlt, Versetzung gefährdet.
Ulrich Sander, Dortmund