Kompass für sein Leben
6. Juli 2025
Vor einhundert Jahren, am 3. August 1925, wurde Günter Pappenheim geboren
Ein professioneller Akkordeonist hatte die ersten Töne der französischen Nationalhymne gespielt, als sich im Festsaal die Gäste aus Frankreich und dann alle Anwesenden von den Plätzen erhoben. Die Franzosen sangen ihre »Marseillaise« textsicher. Auf einem kleinen Tisch war eine Ziehharmonika mit Gebrauchsspuren ausgestellt. In der ersten Reihe neben dem Botschafter Frankreichs in Deutschland stand Günter Pappenheim, ein würdiger Alter mit seinen 92 Jahren. Auf Erlass des französischen Präsidenten waren ihm an diesem 27. Januar 2017 in Erfurt die Insignien eines Kommandeurs der Ehrenlegion Frankreichs überreicht worden. Eine der höchsten staatlichen Auszeichnungen der Französischen Republik für einen deutschen Antifaschisten!
Das war insofern bemerkenswert, als der Vorschlag, Günter mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren, mit der lapidaren Begründung »nicht auszeichnungswürdig« ablehnend beschieden worden war. Der Botschafter Frankreichs zeichnete den Lebensweg des Geehrten nach. Günter ergänzte in seinen Dankesworten, und es kam die ausgestellte Ziehharmonika in Rede. Um die zu besitzen, hatte der Lehrling vom kargen Lehrlingsgeld lange gespart. Inzwischen war er Schlosser in der Werkzeugfabrik »Gebrüder Heller« in Schmalkalden. In der mittäglichen Arbeitspause am 14. Juli 1943 hatte er die »Marseillaise« auf der Ziehharmonika gespielt. An diesem Tage gedachten die zur Zwangsarbeit eingesetzten französischen Kriegsgefangenen in der Fabrik des Sturms auf die Bastille und der Revolution von 1789. Der Tag war ihr Nationalfeiertag, und je kräftiger sie sangen, desto leidenschaftlicher spielte Günter. Von einem deutschen Kollegen denunziert, wurde Günter in der Fabrik von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und nach Suhl gebracht.
In den einsetzenden Verhören wurde er misshandelt. Man hatte in der Fabrik eine illegale Widerstandsgruppe vermutet und hoffte, durch die Vernehmungen Hinweise auf Hintermänner zu erhalten. Da die erwünschten Ergebnisse ausblieben, musste Günter in das Arbeitserziehungslager Am Gleichberg in Römhild, wo ihm der »Schutzhaftbefehl« erteilt wurde. Am 15. Oktober 1943 erfolgte die Einweisung in das KZ Buchenwald mit dem Grund »staatsfeindliche Einstellung«. Mit dem roten Winkel gekennzeichnet, erhielt er die Häftlingsnummer 22514 und kam zunächst in das Kleine Lager. Dort wurde er von Häftlingen, die dem organisierten illegalen Widerstand angehörten, als Sohn des bekannten sozialdemokratischen Thüringer Genossen Ludwig Pappenheim erkannt, den die Nazis bereits im Januar 1934 im KZ Börgermoor bestialisch ermordet hatten.
Fortan spürte er Solidarität und fühlte sich nicht mehr verlassen. Als es gelungen war, Günter aus schweren Arbeitskommandos herauszulösen und in die Gewehrproduktion der Gustloff-Werke einzugliedern, bezog man ihn in Sabotagehandlungen ein. Aus Sicherheitsgründen wurde er im Kommando Gerätekammer untergebracht. Bei der Arbeit darin erfuhr er am 11. April 1945, dass sich bewaffnete Häftlinge dem Tor nähern würden. Dann hörte er aus den Lagerlautsprechern den ersten Lagerältesten Hans Eiden: »… Kameraden, wir sind frei! …«
Am 19. April 1945 gehörte er zu den Überlebenden, die auf dem ehemaligen Appellplatz die Toten ehrten und den »Schwur von Buchenwald« leisteten. Dieser Schwur, so sagte Günter später, sei Kompass für sein Leben geworden. Er kehrte nach Schmalkalden zurück und begann sich dem Neuaufbau zu widmen. Bald wurde er in SED-Funktionen berufen, beendete akademische Studien als Diplom-Gesellschaftswissenschaftler und als Volkswirt, arbeitete in Staats- und Parteifunktionen, erfuhr Anerkennung durch hohe staatliche Auszeichnungen der DDR. Mit Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse 1990 ging Günter in den Ruhestand. Mit aller Energie wandte er sich der ehrenamtlichen Arbeit in der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e. V. zu.
Mit Nachdruck verwahrte er sich gegen Angriffe auf das antifaschistische Vermächtnis und geschichtsrevisionistische Auffassungen. Er war Erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Vorsitzender der LAG Buchenwald-Dora, Mitglied des Ehrenpräsidiums der FIR, ausgezeichnet wurde er mit dem Verdienstorden des Freistaats Thüringen, und er war Ehrenbürger von Weimar.
Die für sein Leben so bedeutsame Ziehharmonika übergab er anlässlich eines Kongresses an die französischen Kameraden, zu denen er ein besonders inniges Verhältnis hatte. Als er zum Kommandeur der Ehrenlegion Frankreichs ernannt wurde, brachten sie das Instrument wieder nach Deutschland mit der Bitte, es in die ständige historische Ausstellung der Gedenkstätte Buchenwald zu integrieren. Sie wird gegenwärtig auf einer Schautafel mit einem Begleittext gezeigt.
Günter war gefragter Zeitzeuge und wandte sich verständnisvoll im Besonderen den jüngeren Generationen zu. Seine vielseitigen Bemühungen waren stets darauf gerichtet, den Grundgedanken des Schwurs von Buchenwald zu vermitteln und sich für seine Verwirklichung einzusetzen. Es war seine tiefste Überzeugung, dass es zu einer Welt des Friedens und der Freiheit, ohne Faschismus keine Alternative gibt.
Sein letztes Statement gab Günter Pappenheim (3. August 1925–31. März 2021) für das virtuelle Gedenken anlässlich des 76. Befreiungstages in Buchenwald am 20. März 2021 ab. Darin heißt es: »Kriege sind in der Welt, und es wird immer mehr getan, für neue Kriege aufzurüsten als dagegen. Von Freiheit wird geredet, aber greifbar ist sie nicht. Es werden zur Verhinderung von Freiheit immer neue Instrumente geschaffen. (…) Europaweit haben sich menschenfeindliche, aggressive Parteien und Gruppen ungehindert etablieren können. Sie sitzen in Parlamenten, sie beleben das Völkische, predigen Hass und Gewalt und: Sie werden von nicht wenigen gewählt. (…) Diese Tatsachen verlangen nach meinem Appell an Euch, die uns Nachfolgenden: Bewahrt den ›Schwur von Buchenwald‹ als das Vermächtnis des antifaschistischen Widerstands! Lasst keine Möglichkeit ungenutzt, die Demagogen zu demaskieren. In einer Welt des Friedens und der Freiheit bedarf es keiner Gewalt, keines Rassismus. Hass und das Recht des Stärkeren sind unmenschlich! (…) Ich wünsche Euch Gesundheit und Kraft, der Weg ist steinig, aber gemeinsam zu bewältigen. Ich grüße Euch mit den Worten des tschechischen Antifaschisten Julius Fučik: ›(…) Und im Leben gibt es keine Zuschauer. (…)
Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!‹ (9. Juni 1943)«
Das mag Günters Vermächtnis sein.