Blütezeit des Geschichtsrevisionismus
8. März 2026
In Budapest und Dresden tümmelte sich auch im Februar 2026 die extreme Rechte
Wenn der Winter seinem Ende zuneigt, dann beginnt fast gleichzeitig die jährliche Blütezeit des Geschichtsrevisionismus. Je weiter das Jahr 1945 bis zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, voranschritt, je mehr sich die Niederlagen der NS-Wehrmacht und ihrer Verbündeten häuften, je stärker die faschistischen Regime ihrem Ende entgegentaumelten, desto mehr Geschichten wurden für die heutigen Nazis geliefert. Geschichten von »Helden«, Geschichten von »Märtyrern«, von »unschuldigen Opfern«, Heldengedenken und Opfergedenken. Wachgehalten in jährlichen Ritualen.
Eines dieser Rituale findet jedes Jahr um den 13. Februar zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens statt. Erst klein, dann immer größer. Am ersten dieser Märsche 1995 nahmen rund 200 Neonazis, vorwiegend aus der NPD und der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), teil. Organisator Günter Deckert, Vorsitzender der NPD, wurde noch bei der Anreise festgenommen. Aus diesen bescheidenen Anfängen, denen kaum Widerstand entgegengesetzt wurde, wurde dann auf dem Höhepunkt mit bis zu 6.500 Teilnehmenden der größte Neonaziaufmarsch Europas.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Die NPD heißt heute »Heimat« und ist nur noch ein Schatten einstmaliger Stärke. Die JLO ist heute weitgehend inaktiv. Und die Bedeutung des 13. Februar für die Naziszene wurde durch die massenhaften Gegenaktionen und erfolgreichen Blockaden der Jahre 2010/11 gebrochen. Der Rückgang der Teilnahmezahlen war massiv. Selbst die Bürgergesellschaft der Stadt Dresden reagierte seit dieser Zeit mit einer symbolischen Menschenkette um die Altstadt.
Auch diese Zeiten sind längst vorbei. Von 200 ist die Zahl der Neonazidemonstranten 2026 wieder auf knapp 2.000 angewachsen. Mit deutlich jüngerer Klientel. Inhaltlich geändert hat sich nichts. Geschichtsrevisionismus ist ungebrochen das Hauptthema. Statt der von einer Expertenkommission festgestellten Totenzahl von maximal 25.000 beharrt man darauf, dass es zehn Mal so viele gewesen seien. Ein »Bombenholocaust«, wie ungestraft behauptet wird. Die Redner? Schrammen jeweils hart an der Strafbarkeitsgrenze vorbei. Ihr Publikum versteht die Botschaft.
Noch sind die Antifaschistinnen und Antifaschisten deutlich in der Überzahl. Weit mehr als 3.000 waren es in diesem Jahr, die in drei Demonstrationszügen ihren Widerstand gegen Nazipropaganda kundtaten. Aber es sind Veränderungen festzustellen. Die überregionale Mobilisierung fehlte.
Ortswechsel. Von den kleinen zu den großen Problemen. Budapest. Dort wird jährlich von Neonazis wie »Blood & Honour« und der »Légió Hungária« der »Tag der Ehre« veranstaltet, ein Event zum Gedenken an den gescheiterten Ausbruchsversuch deutscher und ungarischer Truppen aus dem belagerten Budapest am 11. Februar 1945. Die gute Nachricht zuerst: Der »Tag der Ehre« war in diesem Jahr offiziell untersagt. Die schlechte Nachricht: Niemand kümmerte sich darum. Es fanden ungestört Gedenkrituale in der Stadt statt. Und der Gedenkmarsch wurde als »sportliche Gedenkveranstaltung« deklariert und konnte ebenfalls mit mehreren tausend Teilnehmern ungestört durchgeführt werden, wobei die Neonazis oftmals ein Outfit trugen, das an Wehrmachts- und SS-Uniformen angelehnt war. Wie in den Vorjahren waren zahlreiche Kader der Neonaziszene aus Deutschland angereist.
Protest und Gegenaktivitäten hatten sie nicht zu befürchten. Die Regierung Orbán hatte alles getan, damit sie ihre Nazipropaganda ungestört entfalten konnten. Alle antifaschistischen Demos und Kundgebungen in Budapest gegen dieses NS verherrlichende Event wurden verboten. Sie bekamen ein Framing als »Demonstrationen zur Unterstützung terroristischer Gruppen«, sie könnten »eine Plattform für die Durchsetzung der ›Antifa‹-Ideologie bieten«. Quasi als Höhepunkt heißt es in der Verbotsverfügung: »Es kann eindeutig geschlossen werden, dass die geplante Versammlung mit Aktivitäten in Verbindung steht, die als terroristische Organisation eingestuft wurden. Zur Unterstützung terroristischer Gruppen dürfen keine Demonstrationen organisiert werden.«
Budapest – ein Beispiel für staatlich geförderten Geschichtsrevisionismus, für von höchster Stelle unterstützte NS-Relativierung. Die Faschisierung in Ungarn unter Orbán ist mehrere Schritte weiter als in Deutschland. Auch durch Demonstrationen wie die in Dresden könnten wir dafür sorgen, dass sich die Verhältnisse nicht angleichen.


























