Feldzug gegen die UdSSR

geschrieben von Ulrich Schneider

8. März 2026

Quellenreiche Studie zum deutschen Überfall erschienen

Jochen Hellbeck ist Autor der Studie »Ein Krieg wie kein anderer«. Der Professor an der Rutgers University ist bereits vor einigen Jahren mit dem Band »Die Stalingrad-Protokolle« in Erscheinung getreten. Darin gelang es ihm, ausgehend von den Erinnerungen der Soldaten beider Seiten, die Dramatik dieser Schlacht, die tatsächlich eine Kriegswende der faschistischen Expansion bedeutete, »von unten« zu beleuchten. Sein neues Buch ist die Fortsetzung dieses Projekts. Es enttäuscht die Erwartungen nicht.

Der Autor beginnt seine etwa 500-seitige Darstellung nicht mit der Kriegsplanung, sondern mit der ideologischen Grundausrichtung der NS-Bewegung, deren Antibolschewismus aus seiner Sicht konstitutiv für alle politischen Entscheidungen in den folgenden Jahren der »Kampfzeit«, aber auch nach der Machtübertragung 1933 war. Er ordnet dabei auch den Antisemitismus, der sich in letzter Konsequenz zur eliminatorischen Form entwickelte, in seiner Bedeutung für das faschistische Projekt neu ein. Er bezeichnet dies als »Triebfeder« des NS-Regimes, die sich in den Massenmorden an den sowjetischen Juden ausdrückte und »zur Blaupause für den Holocaust in ganz Europa« wurde. Erhellend sind in seiner Darstellung die Beispiele für die Konsistenz dieser Ideologie, die sich insbesondere gegen die sowjetischen Juden richtete, die in der NS-Vorstellung als reale Bedrohung aufgebaut wurden.

Höchster Blutzoll für Sowjetbürger

In den Kapiteln zum Krieg selbst geht es ihm nicht nur um die militärische Entwicklung, sondern er dokumentiert vielfach die Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, die durch Hunger, Verschleppung zur Zwangsarbeit und andere Terrormaßnahmen drangsaliert wurde. Die Menschen in der UdSSR zahlten den höchsten Blutzoll, wie der Autor zeigt. Gleichzeitig belegt er, wie das Wissen um diese Verbrechen den Widerstandswillen der Bevölkerung und den Kampfgeist der Soldaten der Roten Armee beeinflusste, wodurch diese trotz aller Widrigkeiten den Weg bis Berlin 1945 schafften.

Manchmal etwas schwer auszuhalten sind die zitierten Quellen, in denen in Briefen und Berichten – vom einfachen Gefreiten bis zur Joseph-Goebbels-Propaganda – die Verbrechen gegen sowjetische Zivilisten oder »Kommissare«, die per se als »jüdische Untermenschen« galten, geschildert werden. Damit zeigt der Autor aber, wie weitgehend die ideo-logische Übereinstimmung zwischen den faschistischen Kriegszielen und der tagtäglichen Umsetzung an der Front war. Er macht deutlich, dass die deutsche Gesellschaft durchaus in Ansätzen über diese Verbrechen schon während des Krieges informiert war. Wie sich an diesen Verbrechen auch Kollaborateure – zum Beispiel ukrainische Nationalisten – beteiligten, wird im Kapitel zu den Verbrechen in Lemberg gezeigt.

»Tätergemeinschaft« zusammengehalten

In den letzten Kapiteln beschäftigt sich der Autor auch mit der Agonie des NS-Regimes 1945, als es gelang, mit der propagandistischen Parole »Sieg oder Bolschewismus« die »Volksgemeinschaft« als »Tätergemeinschaft« bis zum Ende zusammenzuhalten. Kritisch hinterfragt Hellbeck den juristischen Umgang mit den Massenverbrechen im Vernichtungskrieg sowie die öffentliche Erinnerung, die erst spät bereit war, diese Verbrechen anzuerkennen, und stellt fest, dass in der neueren US-Historiographie mittlerweile die Rolle der UdSSR weitgehend ausgeblendet wird. Daraus leitet er seinen Ansatz ab, er wolle der »herrschenden Amnesie und der vorsätzlichen Verdrängung entgegenwirken und der UdSSR den ihr gebührenden Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zurückgeben«.

Das leistet er auf der Grundlage eines umfangreichen Quellen- und Materialreichtums, wobei er bislang wenig erschlossene russischsprachige Archiv-bestände (etwa den Nachlass von Ilja Ehrenburg) ebenfalls nutzte. Auf ungefähr 150 Druckseiten listet der Verfasser Belege und verwendete Literatur auf.

Geschichts-Mainstream revidiert

Mit Blick auf die genannte Ignoranz wird in der Verlagsankündigung behauptet, der Band liefere »eine Revision«, eine »Neubewertung des Zweiten Weltkriegs und einen erweiterten Blick auf die Entstehung des Holocaust«. Zu einer solchen Aussage kann man jedoch nur kommen, wenn man zwei Dinge ausblendet: die umfangreiche Literatur der DDR-Geschichtsforschung zum Zweiten Weltkrieg und die Materialien, die im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Debatte über die Ausstellung »Vernichtungskrieg« entstanden sind. Dort wurden viele der von Hellbeck in seiner geschlossenen Darstellung entwickelten Positionen bereits mit Dokumenten belegt ausgeführt. Dieses historische Wissen ist jedoch in den vergangenen Jahren in der akademischen Zunft und der öffentlichen Debatte vielfach verdrängt worden. Insofern revidiert Hellbeck vor allem den akademischen Geschichts-Mainstream und liefert eine verdienstvolle Studie, die den Vernichtungskrieg und seine ideologischen Wurzeln erneut in das öffentliche Bewusstsein rückt.

Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025, 688 Seiten, 36 Euro