Im Schatten der Historie
8. März 2026
Kunst und Kultur nach 1945 in Ost und West
Die zeithistorischen und auch die kunstwissenschaftlichen Großerzählungen waren lange von der Vorstellung eines demokratischen (West) oder antifaschistischen (Ost) Neubeginns im Kunstbetrieb nach 1945 geprägt. Dieses Narrativ hat sich für den Westen noch mehr als für den Osten als falsch erwiesen. Für die Bundesrepublik wurden in den letzten Jahren ideologische und personelle Kontinuitäten nicht nur anhand von Emil Nolde oder der weltbekannten Ausstellung documenta fundiert nachgewiesen.
Im vorliegenden Band untersuchen nun Historiker:innen und Kunsthistoriker:innen an verschiedenen Beispielen die Bedeutung des »Betriebssystems Kunst« dafür, wie die NS-Herrschaft »aufgearbeitet« und wie nach deren Ende nur sehr zaghaft Demokratisierungsprozesse eingeleitet wurden. Im Anschluss an das ausführliche Vorwort widmen sich die 13 Beiträge personellen Kontinuitäten und Netzwerken, den Wandlungen des ästhetischen Kanons sowie dem veränderten gesellschaftlichen Gebrauch von Kunst in beiden deutschen Staaten und beleuchten darüber hinaus, in welcher Weise Kunst im Systemkonflikt des Kalten Krieges funktionalisiert wurde.

Jutta Braun und Winfried Süß (Hg.): Kunst und Kultur nach dem Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Band 40. Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 280 Seiten, 24 Euro
Konkret geschieht dies anhand der Beschreibung der Biografien von Einzelpersonen, wie etwa der Kommunistin Lea Grundig, der Frauenrechtlerin Minna Cauer oder des Arisierungsprofiteurs und späteren DDR-Kulturfunktionärs Heinz Mansfeld. Weiter werden Institutionen in den Blick genommen: die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Landesmuseum Oldenburg, der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen sowie das Georg Kolbe Museum Berlin. Nora Jaeger berichtet über eine wegweisende, wenn nicht bahnbrechende Studie von Hildegard Brenner. »Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus« erschien erstmals 1963 und basierte auf Quellenstudium, aber auch auf Interviews mit Zeitzeugen aus der NS-Zeit. Die Publikation behandelte u.a. erstmals den nazistischen Kunstraub in Frankreich.
Christian Fuhrmeister zeigt anhand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker im Zeitraum 1945 bis 1962 wie dieser emigrierte Kunsthistoriker:innen weiter ausgrenzte und sich für eine Rückkehr belasteter Mitglieder in wichtige Positionen stark machte. Die eigene Biografie wurde beschönigt, Mitgefühl nur für das eigene Schicksal und das der ab 1945 entlassenen NS-Belasteten aufgebracht. Die Emigration und noch mehr die Ermordung der europäischen Jüd:nnen wurde beschwiegen. Der Band zeigt eindrücklich, dass bei der Aufarbeitung des durchaus relevanten Themas Kunst und (Nachwirkungen des) Nationalsozialismus noch vieles unerforscht ist.


























