Im Teufelskreis der Projektionen

geschrieben von Maxi Schneider

8. März 2026

Erinnerungspolitische Verwerfungen nach dem 7. Oktober 2023

Das antisemitische Massaker durch Hamas und Verbündete am 7. Oktober 2023 mit mindestens 1.200 ermordeten Israelis und 240 verschleppten Geiseln und die darauffolgende Kriegsführung gegen den Gazastreifen durch Israel, die für die palästinische Zivilbevölkerung dramatische Auswirkungen genozidalen Ausmaßes hat, hat hierzulande zu tiefgreifenden politischen Verwerfungen geführt. Wahrscheinlich hat schon dieser Satz auf verschiedenen Seiten unterschiedliche Widerstände ausgelöst. Es ist gar nicht möglich, einen solchen Text zu schreiben, ohne Irritationen auszulösen. Zu verfahren und kompliziert ist die Lage – voll von Projektionen, Unterstellungen, Verletzungen, Bedrohungen und existenziellen Ängs-ten. Die Auseinandersetzungen und Spaltungen betreffen die Erinnerungskultur in Deutschland und beschäftigen uns als Antifaschist*innen besonders stark.

Zum einen wird der Kampf gegen Antisemitismus über die sogenannte Staatsräson instrumentalisiert, um rassistische Repression in Deutschland zu legitimieren und Kriegsverbrechen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zu rechtfertigen. Zum anderen steigen antisemitische Attacken unter dem Deckmantel des Antizionismus seit dem 7. Oktober rasant an, und erinnerungspolitische Errungenschaften werden seit Neuestem auch von links infrage gestellt.

Was passiert gegenwärtig im Bereich der Erinnerungspolitik, welche tieferliegenden Unversöhnlichkeiten liegen diesen Konflikten zugrunde, und wie können wir damit umgehen?

Erinnerungspolitische Eruptionen

Im Oktober 2025 sagte ein linkes Hausprojekt in Berlin die geplante Vorführung eines Films über den jüdischen Widerstandskämpfer Gad Beck ab. Begründung: »die zionistische Ausrichtung der Gruppe«, der er angehörte. Man wolle sich mit der Absage solidarisch zeigen mit dem Streik für Palästina. Gad Beck wurde als Kind eines jüdischen Vaters und einer zum Judentum konvertierten Mutter von den Nazis verfolgt. Nachdem er aufgrund der Proteste »arischer« Verwandter in der Rosenstraße im März 1943 frei kam, schloss er sich Chug Chaluzi an. Die Mitglieder unterstützten untergetauchte Jüdinnen_Juden, kämpften ums eigene Überleben und planten, gemeinsam nach Palästina auszuwandern. Geheimer Treffpunkt der Gruppe war das Gebäude, in dem heute das Hausprojekt angesiedelt ist.

Wenige Wochen später sprach am 9. November bei der Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main Jason Stanley. Er ist Faschismusexperte und Sohn jüdischer Holocaust-überlebender aus den USA, der aufgrund der zweiten Amtszeit Trumps mittlerweile in Kanada lehrt. Weil seine Rede für großen Unmut im Publikum sorgte, wurde er während der Ansprache seiner Darstellung nach angegangen, unterbrochen und aufgefordert, die Synagoge zu verlassen. Es ging um unterschiedliche jüdische Perspektiven auf den Staat Israel und die Frage, ob Vergleiche und das assoziative In-Beziehung-Setzen von Naziverbrechen und des israelischen Vorgehens in Gaza, besprechbar sein müssen.

Im Vorfeld des 80. Jahrestags der Befreiung in der Gedenkstätte Buchenwald erzwang die israelische Regierung die Ausladung des Redners Omri Boehm. Der deutsch-israelische Philosoph und Enkel einer Holocaustüberlebenden ist als differenzierter Denker und Vertreter universeller Werte bekannt. Ihm wurde unterstellt, er habe den Holocaust durch Vergleiche mit der Nakba (Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung bei der Staatsgründung Israels 1948) relativiert. Der wahre Grund für die Einmischung lag jedoch wohl in Boehms Kritik an der israelischen Regierung und deren Kriegsführung in Gaza. Ohne der israelischen Seite recht zu geben, entschied sich die Gedenkstättenleitung dafür, dem Druck nachzugeben und die Rede abzusagen, um die Überlebenden vor Instrumentalisierungen zu schützen. Hierauf wendete sich unter anderen die »Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost« gegen einen geplanten Auftritt des israelischen Botschafters bei der Befreiungsfeier in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Der angedrohte Protest am Tag selbst blieb aus, und Ron Prosor, der sich selbst an den Diffamierungen gegen die Gedenkstätte Buchenwald beteiligt hatte, durfte sprechen.

Als Äquivalent zu der Demo hamasverherrlichender Gruppen gegen den antifaschistisch geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz im Februar 2026 (siehe Länderseiten Sachsen) muss auf erinnerungspolitischer Ebene eine gegenwärtige Kampagne gegen die Gedenkstätte Buchenwald gewertet werden. Verschiedene Gruppen und verstörenderweise auch die Westberliner Sektion unserer Vereinigung VVN-VdA werfen der Gedenkstätte vor, »zu einem Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung« zu werden. Das Statement »Kufiyas in Buchenwald« ist geprägt von Unterstellungen und einem instrumentellen Umgang mit den Opfern des Faschismus. Dass von dieser Seite rund um den Jahrestag der Befreiung Buchenwalds Proteste angekündigt sind, lässt weitere Eskalationen befürchten, die das würdige Gedenken an die 56.000 Toten allein an diesem Ort gefährdet.

Aufhänger für die Attacke auf die Gedenkstätte war für die Verfasser*innen die Forderung an eine Besucherin der Befreiungsfeierlichkeiten im letzten Jahr, ihre Kufiya abzulegen, sowie ein internes Papier, das im Sommer des vergangenen Jahres für Schlagzeilen sorgte. Der Leitfaden sollte Mitarbeitenden helfen, Codes zu erkennen, die menschenfeindliche Ideo-logien verbreiten. Die Verfasser*innen ordneten unter anderem das Tragen des »Pali-Tuchs« (Kufiya) und die Forderung nach einem Waffenstillstand im Gaza-Krieg als israelfeindlich ein. Leitfäden wie diese sind dazu da, Ausschlüsse einzelner Personen zu begründen. Die Empörung war entsprechend groß. Der Leitfaden war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung jedoch nicht abgesegnet und trat nie in Kraft.1

Quer zu diesen punktuellen Ereignissen beschäftigt uns seit Sommer 2024 die Auseinandersetzung um das rote Dreieck. Damals verbot der Berliner Senat dieses als Zeichen, das die Hamas und ihre Sympathisant*innen (auch in Deutschland) als Feindmarkierung nutzen. Auch wenn politische Interventionen von unserer Seite eine Kurskorrektur erreichen konnten, steht seitdem das rote Dreieck auch als Zeichen der politischen KZ-Häftlinge sowie Teil unseres Logos unter Verdacht und wird bei Versammlungen regelmäßig von polizeilicher Seite beanstandet. Zugleich spielen Teile der palästinasolidarischen Seite mit der Doppeldeutigkeit des Zeichens, versuchen, es für sich zu vereinnahmen und entwerten es damit als antifaschistisches Symbol.

Warum ist es so schwer bis unmöglich in Auseinandersetzungen, die sich um den israelisch-palästinensischen Konflikt drehen, wenn schon nicht zu einer Einigung, so doch immerhin zu einer Verständigung zu kommen?

Tiefe Unversöhnlichkeiten

Vorab: Auch diese Darstellung krankt an Vereinfachungen, wo es unzählige relevante Positionen und Positionierungen gibt. Es ist Teil des Problems, dass oft nur die lautesten und provokantesten Stimmen gehört werden.

Unversöhnlichkeit 1: Anerkennen von Antisemitismus UND Rassismus als Machtverhältnisse

Sowohl Rassismus als auch Antisemitismus strukturieren nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart. Sie durchziehen die weiße Dominanzgesellschaft in Deutschland. Dazu gehört, dass palästinasolidarische Strukturen hierzulande rassistisch angegriffen werden, während die israelische Rechte die Vertreibung und Ermordung von Palästinenser*innen sowie die Besatzungspolitik rassistisch begründet. Zugleich gehört dazu, dass antisemitische Stereotype und Weltbilder in der palästinasolidarischen Bewegung ein Problem sind und das Massaker am 7. Oktober an Jüdinnen_Juden weltweit eine eliminatorische Botschaft sandte. Beide Realitäten müssen anerkannt werden. Stattdessen stehen sich oftmals zwei Seiten gegenüber, von denen die eine nur über Rassismus und die andere nur über Antisemitismus sprechen möchte.

Viele Auseinandersetzungen drehen sich um die Frage, ob bzw. ab wann Kritik an Israel antisemitisch ist oder nicht. Im spezifisch deutschen Kontext wird dieses Problem der Unterscheidung dadurch verstärkt, dass es in der postnazistischen Täter*innen-Gesellschaft eine lange Tradition gibt, den weiterhin virulenten Antisemitismus nach 1945 angesichts der gesellschaftlichen Tabuisierung der nazistischen Verbrechen unter dem Deckmantel der »Israel-Kritik« weiter auszuleben. Diese Form des Antisemitismus gilt es ernst zu nehmen, ohne Kritik an der israelischen Politik zu tabuisieren. Stattdessen drehen sich viele Konflikte darum, dass die einen alles, was von palästinasolidarischer Seite kommt, als antisemitisch abstempeln, während auf der anderen Seite vorhandener Antisemitismus grundsätzlich geleugnet und mit der Behauptung, es handele sich um eine Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs, abgewehrt wird. Beide Seiten stellen nur bedingt die Frage, worum es im Einzelnen tatsächlich geht.

Unversöhnlichkeit 2: Bewertung des Staates Israel

Den einen gilt Israel als kolonialer Siedlerstaat, dessen Gründung als nationalistisches und koloniales Projekt verurteilt wird. In dieser Logik wird der israelisch-palästinensische Konflikt für manche zur Chiffre und Hauptfront antikolonialer sowie antiimperialistischer Kämpfe. Wer sich nicht von Israel distanziert, macht sich folglich nicht nur mitschuldig an den Verbrechen gegenüber den Palästinenser*innen, sondern steht im globalen Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus auf der falschen Seite. Islamistische Strömungen hingegen werden tendenziell als Teil der kolonisierten Welt gedeutet und im Zweifelsfall toleriert. Das Morden und die Vergewaltigungen der Hamas sowie ihrer Verbündeten am 7. Oktober gelten als legitimer »Widerstand«. Widersprüche wie der, dass die Hamas auch für die eigene Bevölkerung eine Gefahr ist und islamistische Akteure für Antifaschist*innen politische Gegner*innen sind, werden ausgeblendet. Auch die Perspektiven anderer von Rassismus betroffener Gruppen, die durch islamistische Politik bedroht werden – Kurd*innen, Alawit*innen, Drus*innen –, bleiben ungesehen. Diese können ein Lied davon singen, was der Einfluss entsprechender Kräfte für Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und multi-ethnisches Zusammenleben bedeutet.

Für die anderen ist der Staat Israel die Konsequenz aus der Schoah, Zufluchtsort für Jüdinnen_Juden im Angesicht der Vernichtung und Garant für die Sicherheit jüdischen Lebens trotz des Fortbestehens antisemitischer Bedrohung. Aus dieser Perspektive wird von manchen die Konsequenz gezogen, Israel dürfe sich ohne Rücksicht auf Verhältnismäßigkeiten verteidigen und seinen Einflussbereich ausbauen sowie sichern. Wer das in Frage stellt, wird als antisemitisch diffamiert. Das ist die Logik der extrem rechten israelischen Regierung. Wer »bedingungslos« an der Seite Israels stehen möchte, nimmt in Kauf, sich mit extrem rechten Politiker*innen gemein zu machen und macht angesichts der israelischen Kriegsverbrechen im Gazastreifen sowie völkerrechtswidrigen Politik im Westjordanland den eigenen postulierten Humanismus unglaubwürdig.

Man muss fairerweise sagen, dass diese Position unter Menschen, die sich als Antifaschist*innen verstehen, kaum noch jemand vertritt. Die sogenannten Antideutschen werden zunehmend zu einer Projektionsfläche. Seit 2008 jedoch gilt Israels Sicherheit als Teil der »Staatsräson« Deutschlands. Damit prägt ein vordemokratischer und unklarer Begriff die deutsche Politik gegenüber Israel. Eine rechtliche Bindung hat er nicht, dennoch bestimmt er Verwaltungshandeln, was Ängste in migrantischen Communities ohne gesicherten Aufenthaltsstatus schürt. Manch deutscher Politiker*in scheint nicht bewusst zu sein, dass immer noch Versammlungs- und Völkerrecht die Staatsräson begrenzen und nicht umgekehrt.

Wer sich nach dem 7. Oktober und über drei Jahre Krieg von Deutschland aus zu Israel/Palästina positio-niert, muss die jeweilige Agenda der politischen Akteure vor Ort zur Kenntnis nehmen und sich dazu verhalten. Hier stehen sich politische Kräfte gegenüber, die menschenverachtende Ziele verfolgen und auf beiden Seiten Frieden verhindern. Den höchsten Preis dafür zahlt gegenwärtig die palästinensische Bevölkerung. Doch das muss nicht so bleiben, sondern ist eine Frage der Kräfteverhältnisse. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist ein Frieden, der Demokratie, Sicherheit für Jüdinnen_Juden und eine gerechte Lösung für die Palästinenser*innen einschließt.

Unversöhnlichkeit 3: Bewertung deutscher Erinnerungskultur

Die dritte Unversöhnlichkeit besteht in der Bewertung der deutschen Erinnerungskultur, die sich in der Parole »Free Palestine from german guilt« und den Reaktionen darauf verdichtet.

Für die eine Seite ist die deutsche Erinnerungskultur ein staatlich vereinnahmtes Projekt. Die performative Verurteilung der NS-Verbrechen wirkt heuchlerisch angesichts der Gleichgültigkeit oder gar Zustimmung gegenüber gegenwärtigem Unrecht namentlich der Ermordung zehntausender Zivilist*innen im Gazastreifen, aber auch gegenüber rassistischer Polizeigewalt hierzulande, der de facto Aufhebung des Rechts auf Asyl, Diskriminierung im Alltag etc. Erinnerungskultur scheint in erster Linie von oben instrumentalisiert zu werden, um sich gegen Kritik zu immunisieren und das Ausüben der eigenen Macht zu legitimieren. Dem wird die Parole »Nie wieder muss für alle gelten!« entgegengehalten.

Die in Teilen der palästinasolidarischen Bewegung verbreitete Parole »Free Palestine from german guilt« geht jedoch weiter. Sie resultiert aus der Tatsache, dass es ein deutsch-israelisch-palästinensisches Dreieck historischer Korrelationen gibt, in dem die Staatsgründung Israels als Konsequenz aus dem von Deutschen begangenen Holocaust die Vertreibung und anhaltende Heimatlosigkeit großer Teile der palästinensischen Bevölkerung zur Folge hatte. Die Parole erfreut sich großer Beliebtheit, weil sie offen ist für verschiedene Interpretationen. Was ist die »Deutsche Schuld«, von der sich da befreit werden soll und mit welcher Konsequenz? Geht es darum anzuprangern, dass die Solidarisierung mit Israel die Verurteilung der Verbrechen in Gaza verhindert? Oder soll die Parole ausdrücken, dass Israel als Ergebnis deutscher Schuld verschwinden soll?

Für die andere Seite ist klar, dass die deutsche Erinnerungskultur, so ungenügend sie sein mag, eine Errungenschaft darstellt, die von unten erkämpft wurde. Dass staatliche Akteure Erinnerung zur Legitimierung ihrer Politik missbrauchen können, ist die Schattenseite der positiven Entwicklung, Deutschland überhaupt auf eine klare Verurteilung der Naziverbrechen festlegen zu können. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Erinnerungspolitische Errungenschaften waren immer gefährdet und werden gegenwärtig besonders stark von rechts angegriffen. Gleichzeitig gibt es viele Initiativen, die sich um historische Aufarbeitung und ein antifaschistisches Erinnern bemühen, oftmals ehrenamtlich und mit wenig finanziellen Mitteln. Wer weiß das besser als die Kamerad*innen in der VVN-BdA, die seit Jahrzehnten gegen politische und gesellschaftliche Widerstände für ein würdiges und gegenwartsbezogenes Gedenken kämpfen. Das wird unsichtbar gemacht, wenn »Erinnerungskultur« als monolithischer, staatlich gelenkter Block betrachtet wird.

Die Parole »Free Palestine from german guilt« wiederum sorgt in jenen Kreisen, die sich aus antifaschistischer Perspektive um Erinnerung und Gedenken bemühen, für Entsetzen. Die deutsche postnazistische Täter*innengesellschaft war Jahrzehnte hindurch geprägt davon, dass man nichts lieber wollte, als sich von der Geschichte zu befreien. Bis heute ist der Mythos vom sogenannten Schuldkult zentraler Begriff rechter und revisionistischer Geschichtspolitik. Wenn nun also die »Befreiung von deutscher Schuld« gefordert wird, ist das Wasser auf die Mühlen der Nazis, die den israelisch-palästinensischen Konflikt ohnehin freudig missbrauchen, um ihrem Antisemitismus zu frönen, und die jede Erinnerung an die Opfer des Faschismus und deutsche Täter*innenschaft aus dem öffentlichen Bewusstsein tilgen möchten. Und wer in Israel die neuen Nazis sehen möchte, befeuert – unabhängig von der Frage nach der Unzulässigkeit von Vergleichen – NS-Relativierungen und rechte Täter-Opfer-Umkehr und bedient die Entlastungsbedürfnisse der postnazistischen Täter*innengesellschaft.

Die Definition der gegnerischen Seiten im israelisch-palästinensischen Konflikt und die gegenseitige Beschimpfung als »Nazis« bringt wiederum das Problem mit sich, dass man sich als ultimative politische Gegner betrachtet und dementsprechend bekämpfen muss, anstatt sich gegen politische Unerträglichkeiten auf beiden Seiten und – nicht zu vergessen – die wahren Nazis in diesem Land zu wenden.

Wie können wir uns adäquat verhalten?

Die Schwierigkeit, sich in dieser Gemengelage adäquat zu verhalten, wird angesichts der Ein- und Ausladungspolitiken bei Gedenktagen, um die sich viele der Konflikte des letzten Jahres drehten, besonders augenfällig. Pauschale Boykottaufrufe gegen jüdische Israelis sind in jedem Fall nicht nur nicht hilfreich, sondern antisemitisch. Gleichzeitig ist es aus antifaschistischer Perspektive naheliegend, über die Nicht-Zusammenarbeit mit extrem rechten Akteuren zu diskutieren – auch dann, wenn es sich um israelische Politiker*innen handelt.

Das Problem ist nicht neu. Es stellte sich, wenn auch in etwas anderer Form, nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Es handelt sich um unterschiedliche Fälle, und man kann zu verschiedenen Schlüssen kommen, doch es gibt eben auch Gemeinsamkeiten: Im Falle Russlands wie Israels handelt es sich um staatgewordene Repräsentanten der größten Opfergruppen des deutschen Faschismus. Beide Staaten führen gegenwärtig Kriege, in deren Rahmen sie aller seriösen Einschätzungen nach Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen und die – bei den einen mehr, bei den andren weniger – von territorialen Vergrößerungsambitionen mitgeprägt werden. Beide Staaten werden gegenwärtig von Regierungen angeführt, die Teil einer international gut vernetzten extremen Rechten sind. Darf man noch/muss man unverändert unter diesen Umständen gemeinsam gedenken? Über all dem schwebt immer die Frage, wie viel Kontroversität auf einer Gedenkveranstaltung zumutbar ist. Wie gehen wir damit um? Direkte Proteste bei Gedenkveranstaltungen sind aus guten Gründen ein Unding.

Wie gelingt es uns, erinnerungspolitisch nicht im projektions- und emotionsdurchtränkten Bermudadreieck aus Staatsräson, Palästina-Aktivismus und »bedingungsloser« Israel-Solidarität unterzugehen? Wie bewahren wir die Würde der Opfer, und wie ermöglichen wir allen Nachfahren der Verfolgten ein würdiges Gedenken? Wie werden wir unserer Gegenwart UND unserer Vergangenheit gerecht? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Sie müssen immer wieder neu gestellt werden – gemeinsam mit all jenen, die nach solidarischen Lösungen zu suchen bereit sind, deren geteiltes Ziel die Stärkung, nicht die Entsorgung antifaschistischen Gedenkens ist und die wissen, dass Antisemitismus und Rassismus nur gemeinsam bekämpft werden können.

Wir brauchen rote Linien und inhaltliche Klarheit, wo es möglich und nötig ist. Trotzdem müssen wir uns die Bereitschaft bewahren, bestehende Verhärtungen auch wieder zu lösen. Um im Gespräch zu bleiben, braucht es gegenseitiges Wohlwollen und Vertrauensvorschuss gegenüber Gesprächspartner*innen und politischen Verbündeten.

In den allermeisten Fällen sind eine Israel-Fahne oder eine Kufiya/Palästina-Fahne/Wassermelone eine Solidarisierung mit Menschen, die Unrecht erlitten haben und weiter erleiden. Diese Symbole zu zeigen schließt nicht, wie so oft unterstellt, Hass und Abwertung bis hin zu Vernichtungsfantasien gegenüber der anderen Seite mit ein. Manchmal allerdings doch. Und das bleibt unerträglich. Aber Unterstellungen helfen nicht weiter. Wie die meisten Symbole sind auch diese vieldeutig.

Die hier skizzierten Maximalpositionen werden, zumindest in unseren antifaschistischen Kreisen, von lauten Minderheiten vertreten, denen es oftmals nicht um reale Jüd*innen oder Palästinenser*innen geht, sondern um eine bessere Position in innerlinken Machtkämpfen. Wenn wir uns nur an diesen abarbeiten oder uns von ihnen vereinnahmen lassen und unsere Politik von Kontaktschuldlogiken bestimmt wird, verlieren wir die große Masse an Menschen, die mit ihren Ängsten, ihrer Trauer, ihrer Wut und ihren Hoffnungen irgendwo dazwischen hängen.

1 Die Gedenkstätte Buchenwald hat am 23. Februar 2026 klargestellt, dass das Tragen von Kufiyas auf dem Gedenkstättengelände nicht pauschal verboten ist, behält sich aber vor, kontextabhängig und situativ zu entscheiden. Siehe buchenwald.de/newsroom/Kufiya-in-Buchenwald

Zur Vertiefung:

  • Tagung »Deutsche Erinnerungskultur nach dem 7. Oktober. Zwischen Staatsräson und universellem Recht«, Frankfurter Römerberggespräche am 25. Mai 2024, Aufzeichnungen der Beiträge online abrufbar unter: kurzlinks.de/roemerberggespraeche
  • Meron Mendel/Saba-Nur Cheema/Sina Arnold (Hg.): Frenemies. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen, Berlin 2022
  • Lena Gorelik/Miryam Schellbach/Mirjam Zadoff (Hg.): Trotzdem sprechen, Berlin 2024
  • Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus, München 2022

Zum Nachlesen

  • der Beschluss »Gegen jeden Antisemitismus« von unserem
    Bundeskongress 2011: vvn-bda.de/beschluss-8-gegen-jeden-
    antisemitismus-2
  • Aus aktuellem Anlass: Erklärung zu Buchenwald vom Bundessprecher*innenkreis der
    VVN-BdA (siehe Seiten der Bundesvereinigung im Länderteil dieser Ausgabe)

Maxi Schneider ist Referentin für Geschichts- und Erinnerungspolitik der VVN-BdA.