Kämpferinnen sichtbar

geschrieben von Peter Nowak

8. März 2026

Gewerkschaftswiderstand gegen den NS-Staat

In den 1960er-Jahren plante der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Geschichte der Gewerkschafter*innen aufzuarbeiten, die während des NS-Regimes Widerstand geleistet hatten. Das Projekt wurde nie realisiert. Doch fast sechzig Jahre später setzt die Arbeitsstelle »Nationale und Internationale Gewerkschaftspolitik« am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin die Pläne um. In den letzten Jahren sind zahlreiche Schriften zum gewerkschaftlichen Widerstand erschienen.

Jetzt ist im Metropol-Verlag der dritte Band der Reihe »Gewerkschafterinnen im NS-Staat« erschienen. Auf über 400 Seiten finden sich Biografien von 50 Gewerkschafterinnen, die zum großen Teil unbekannt waren. Tatsächlich wurden Frauen oft als Lebensgefährtinnen männlicher Antifaschisten betrachtet. Dabei wurde der eigenständige Beitrag der Widerstandskämpferinnen ausgeblendet.

Erfreuliche wissenschaftliche Arbeit

So ist es umso erfreulicher, dass sich das Projekt so ausführlich deren Widerstandsarbeit widmet. Dabei sprechen auch die Autor*innen der Bände das Problem der fehlenden Quellen an. So wurden zu Friedel Kind, Christel Breidenbach und Margarethe Güttler so gut wie keine biografischen Daten gefunden. Trotzdem konnten Kurzbiografien erstellt werden, weil im Bundesarchiv einige Dokumente über sie gefunden wurden. So werden auch sie dem Vergessen entrissen.

Viele Quellen gibt es hingegen über Minna Faßhauer, die Volkskommissarin für Bildung im Rat der Volksbeauftragten in der kurzlebigen Sozialistischen Republik Braunschweig nach der Novemberrevolution war. Die Braunschweiger Räterepublik löste sich bereits Ende Februar 1919 auf, aus Angst vor dem Terror der Freikorps, die im Auftrag des SPD-Ministers Gustav Noske die linken Räterepubliken blutig niederschlugen. Doch Faßhauers kurze Zeit als Bildungsministerin hinterließ Spuren. »Auch einige von ihr in der kurzen Amtszeit verantwortete Entscheidungen wie die Einführung der weltlichen Schulaufsicht und eine Neuregelung der Religionsmündigkeit waren weitreichend und leben zum Teil noch heute in gesetzlichen Bestimmungen der Bundesrepublik Deutschland fort«, schreibt der Politikwissenschaftler Rainer Moltmann.

Siegfried Mielke (Hg.): Gewerkschafterinnen im NS-Staat. Biografisches Handbuch (Band 3). Metropol-Verlag, Berlin 2025, 407 Seiten, 26 Euro

Siegfried Mielke (Hg.): Gewerkschafterinnen im NS-Staat. Biografisches Handbuch (Band 3). Metropol-Verlag, Berlin 2025, 407 Seiten, 26 Euro

Die überzeugte Rätekommunistin war in der Weimarer Zeit in der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) und der Allgemeinen Arbeiter-Union aktiv. Als »Anhängerin der rätekommunistischen Idee« wurde Faßhauer 1935 verhaftet und in das Frauenkonzentrationslager Moringen überführt. Sie wurde nach wenigen Monaten schwer erkrankt entlassen. Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit engagierte sich Faßhauer nach dem Ende des NS in der KPD und war in der niedersächsischen Landesleitung für die Frauenarbeit zuständig. Sie blieb ihren politischen Idealen bis zu ihrem Tod verbunden. Minna Faßhauer starb am 28. Juli 1949 im Landeskrankenhaus Braunschweig.

Pionierin feministischer Geschichtsschreibung

Mit Gisela Notz konnte eine bekannte Pionierin der feministischen Geschichtsschreibung für zwei Beiträge in dem Buch gewonnen werden. Sie liefert ein bewegendes Porträt der kommunistischen Gewerkschafterin Gertrud Piter, die im Alter von 34 Jahren im September 1933 von SS-Männern im KZ Brandenburg ermordet wurde. Zu ihrem 85. Todestag am 22. September 2018 veranstalteten Antifaschist*innen eine Gedenkaktion vor dem Haus, in dem sie ermordet worden war.

Die zweite von Gisela Notz porträtierte Gewerkschafterin ist Ida Fleischbein, die im Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten aktiv war und die Gastgehilfen-Zeitung mit herausgab, die sich klar gegen das NS-Regime positionierte. Zu den porträtierten Gewerkschafterinnen gehören neben Mitgliedern der SPD und der KPD viele Parteilose. Mit Marie Guthörle wurde auch eine Gewerkschafterin porträtiert, die bei der linkssozialdemokratischen Gruppierung »Neu Beginnen« aktiv war und sich nach 1945 in der SPD engagierte.

Mit der Leipzigerin Anna Götze, die wie ihr Sohn Ferdinand in der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) aktiv war, wurde auch eine Anarchosyndikalistin porträtiert. Während der NS-Zeit wurde Götze in mehrere Zuchthäuser und schließlich in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt. »Bis zum Skelett abgemagert« gelang ihr im April 1945 während des Todesmarsches die Flucht.

Die Kooperation im Widerstand prägte auch die weiteren politischen Aktivitäten von Anna Götze. »Sie schloss sich der KPD und nach der Vereinigung mit der SPD der SED an, wurde Mitglied des Demokratischen Frauenbundes, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der VVN«, schreiben Siegfried Mielke und Elisa Zenk in ihrem Porträt. Der Band leistet wie die gesamte Reihe einen wichtigen Beitrag zu einer antifaschistischen und feministischen Erinnerungspolitik.