Lust an der Zerstörung
8. März 2026
Warum destruktive Affekte die Demokratie von innen aushöhlen
Die Soziolog_innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey legen mit ihrem zweiten gemeinsamen Buch eine tiefgehende und umfassende Analyse faschistischer Tendenzen vor. Dafür beziehen sie sich auf Klassiker kritischer Sozialforschung ebenso wie auf neuere Arbeiten sowie aktuelle Studien zu Autoritarismus und Rechtsruck in verschiedenen Ländern. Vor allem kommen sie immer wieder auf den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm zurück, was dem breiten Theoriefundament ihrer Analyse einen besonderen Charakter verleiht. Das Buch bietet einen guten Überblick des Forschungsstands und eignet sich somit auch gut als Einstieg ins Thema Rechtsruck und neuer Faschismus. Wie schon ihr Buch über Corona-Proteste »Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus« (2022) fußt das aktuelle Buch außerdem auf umfassender Empirie. Um destruktiven Tendenzen in der Gesellschaft nachzuspüren, haben die Autor_innen 2.595 Fragebögen und 41 längere Interviews ausgewertet.
Die Autor_innen werfen zunächst Schlaglichter auf politische und vor allem politökonomische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und konstatieren, dass der Liberalismus selbst in der Krise stecke. Obwohl Fortschritt und Aufstiegsversprechen passé seien und das System innerhalb seiner Logik keine glaubhaften Antworten mehr formulieren könne, geriere sich der Liberalismus weiter als alternativlos und trete zuweilen autoritär oder paternalistisch auf. Mit dem Aufstieg der Dienstleistungsmittelklasse bekomme Expertenwissen eine gesellschaftlich höhere Stellung, was bei vielen Frust auslöse, da ihnen dieses Wissen im Alltag meist in Form von Vorschriften, Ermahnungen oder Kritik an der eigenen Lebensführung begegne. Expert_innen und ihr Wissen würden für den Staat zunehmend wichtig, um die Probleme moderner Gesellschaften zu bearbeiten, würden aber mit Herrschaft und Arroganz assoziiert und deshalb oft gänzlich abgelehnt. »Angela Merkel als Physikerin und Barack Obama als ehemaliger Community Organizer und Hochschuldozent waren der personifizierte Ausdruck dieser politischen Entwicklung«.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Suhrkamp, Berlin 2025, 453 Seiten, 30 Euro
Eine weitere zentrale Diagnose fassen die Autor_innen mit dem Begriff des blockierten Lebens. Menschen fühlten sich benachteiligt und permanent mit Krisen konfrontiert, sie blickten pessimistisch auf die Zukunft, Verlusterfahrungen oder drohender Abstieg sind für viele prägend. Gleichzeitig wirkt das verinnerlichte Leistungsprinzip (Meritokratie) fort, und wenn die eigene Position trotz Anstrengung bedroht ist, sich jedoch gleichzeitig andere vermeintlich »dem sozialen Sortiermechanismus entziehen« befeuern Normen wie das Leistungsprinzip und Eigenverantwortung die Wut. Erscheint das eigene Leben derart blockiert, führt dies zu Destruktivität – einer Lust an der Zerstörung. Das Gefühl des blockierten Lebens wurzele in der Vorstellung von Gesellschaft als Nullsummenspiel, das durch Austerität und Politik der leeren Kassen bestärkt wurde. »Kooperation und Solidarität gehen in dieser Denkweise immer zulasten eines Beteiligten, sei es in der Infrastruktur-, in der Migrations- oder Umweltpolitik. Stets werden dabei Obergrenzen der Belastbarkeit angeführt. (…) Das Nullsummendenken löst das Verteilungsproblem als Verteilungskampf – allerdings mit dem entscheidenden Merkmal, dass er nicht vertikal, sondern rein horizontal verläuft«.
Das neue an der hier vorliegenden Analyse ist die Betonung der Zerstörungslust als ein »wesentliches Moment für die Wahl radikal rechter Parteien«. Im Anschluss an die Kritische Theorie begreifen Amlinger und Nachtwey Autoritarismus nicht nur als ein Bündel von Ideologemen, sondern als »bestimmte Art und Weise zu fühlen«. Insbesondere von Fromm übernehmen sie die sozialpsychologische Grundannahme, dass Menschen auf äußere Umstände mit inneren, also psychischen Veränderungen reagieren. Destruktivität wird so nicht nur als politisches Programm (»Befreiungsschlag«, »Disruption« etc.) begriffen, sondern zunächst als charakterliche Disposition beziehungsweise Sozialcharakter. Destruktivität »treibt das faschistische Begehren an, das zerstören will, um eine eigene Ordnung zu errichten«.
Weil sich Anhänger_innen von AfD, Trump und Konsorten oft als die echten Demokraten inszenieren, welche die wahren Interessen des Volks kennten, sprechen die Autor_innen vom demokratischen Faschismus. Als Faschismus will er die Demokratie von innen zerstören. Statt dies offen auszusprechen arbeitet er aber mit der Umdeutung von Begriffen, Affekten, Zynismus und unaufgelösten Widersprüchen. Klassenübergreifend ist das faschistische Projekt attraktiv: »Die Befreiung durch Zerstörung wird nicht rational gerechtfertigt, sondern affektiv aufgeladen, sie wird als Erlösung und Lustgewinn erlebt«. Am Ende der Entwicklung, so die Autor_innen, wird sich der Faschismus des Beiwortes demokratisch entledigen. Sie plädieren für einen postliberalen Antifaschismus, der sich für demokratische Teilhabe, Wirtschaftsdemokratie und Ökologie einsetzt und dabei den Appell an Emotionen nicht scheut. »Auch der Antifaschismus braucht ein geistiges Obdach«.


























