USA am Kippunkt
Entwicklung zu einem faschistisch-autoritären Staat

geschrieben von André Wartmann

8. März 2026

Ein Jahr nach Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist klar: Die Entwicklung übertrifft selbst die düsteren Erwartungen vieler Beobachter*innen. Anders als während seiner ersten Präsidentschaft von 2017 bis 2021, als Trump noch als politischer Außenseiter ohne erkennbare strategische Linie agierte, treibt er nun von Beginn an einen systematischen autoritären Staatsumbau voran. Die ideologische Grundlage liefert das Programm »Project 2025« der Heritage Foundation, umgesetzt von loyalen Amtsträger*innen in Schlüsselpositionen. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus ist die politische Kultur der Vereinigten Staaten nicht nur rauer geworden – sie ist bereits in den ersten Wochen des Jahres 2026 in einer Weise eskaliert, die selbst pessimistische Prognosen übertroffen hat.

Konfrontation und Expansion

Außenpolitisch setzt die Regierung auf Konfrontation und Expansion. Nach dem Angriff auf Venezuela und der Entführung von Nicolás Maduro sowie Ehefrau Cilia Flores Anfang Januar 2026 erhöhte Washington auch gegenüber Europa den Druck, um Grönland den USA einzuverleiben. Dahinter steht eine strategische Doktrin, die territoriale Ansprüche, militärische Stärke und nationale Überlegenheit über internationales Recht stellt. Als zentraler ideologischer Gegner gilt dabei zunehmend das liberale Europa, während extrem rechte Parteien auf dem Kontinent politisch aufgewertet werden sollen.

Auch in Deutschland zeigen sich erste Effekte dieser Entwicklung. Vertreter der AfD suchen offen den Kontakt zu US-Diplomat*innen, und AfD-Politiker Markus Frohnmaier wurde Anfang Dezember 2025 von den New York Young Republicans geehrt. Gleichzeitig gerieten Mitglieder der republikanischen Nachwuchsorganisation durch rassistische und neonazistische Äußerungen in internen Chats in die Schlagzeilen, wie das Magazin Politico berichtete.

Während sich außenpolitisch ein aggressiver Nationalismus formiert, verschieben sich im Innern die politischen Koordinaten. Besonders sichtbar wird dies in der Stadt Minneapolis. Dort kam es allein im Januar zu mehreren paramilitärisch wirkenden Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE, bei denen Migrant*innen und Unterstützer*innen mit extremer Gewalt konfrontiert wurden. In deren Folge starben Renée Nicole Good und Alex Pretti durch gezielte Schüsse. Bereits am 31. Dezember 2025 hatte ein außer Dienst befindlicher ICE-Agent in Los Angeles den Afroamerikaner Keith Porter Jr. erschossen – unter bis heute ungeklärten Umständen.

Die Regierung rechtfertigte die Tötungen umgehend. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach von »bedauerlichen, aber notwendigen Maßnahmen« und bezeichnete die Betroffenen als »inländische Terroristen«. Vizepräsident JD Vance erklärte, die Beamten hätten in einem »feindlichen Umfeld« gehandelt. Trump selbst kriminalisierte die Getöteten pauschal – trotz zahlreicher Videoaufnahmen, die das Gegenteil belegen.

Der kurze Weg zum Faschismus

Diese Gewaltakte stehen nicht isoliert, sondern folgen einer politischen Logik. Unter Trump wird die Exekutive systematisch gestärkt, Kontrollmechanismen werden geschwächt, Loyalität ersetzt zunehmend Rechtsstaatlichkeit. Bundesbehörden agieren mit weitreichenden Befugnissen und minimaler Kontrolle und treten immer häufiger wie paramilitärische Einheiten im Inland auf. Was offiziell als »Law and Order« verkauft wird, bedeutet für viele Menschen einen dauerhaften Ausnahmezustand – insbesondere für Migrant*innen, People of Color und politische Gegner*innen.

Das Muster ist historisch bekannt: Staatliche Gewalt wird legitimiert, die Opfer werden entmenschlicht, Kritik wird delegitimiert. Wahrheit wird zur Verhandlungsmasse. Für Journalist*innen, Bürgerrechtsorganisationen und Betroffene zeigt sich darin ein Staatsapparat, der zunehmend bereit ist, Gewalt gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, um politische Ziele durchzusetzen. Widerständige Bewegungen wie antifaschistische Gruppen werden diskreditiert. Der Publizist Jonathan Rauch beschrieb diese Dynamik im Magazin The Atlantic als klassisches Merkmal autoritärer Systeme.

Nicht nachgeben

Renée Good und Alex Pretti starben, weil sie sich als Teil einer aktiven Zivilgesellschaft gegen diese Entwicklung stellten. Sie waren keine Ausnahmefiguren, sondern gewöhnliche Bürger*innen. Während Demokraten im Kongress, Universitäten und große Unternehmen ihre einst lauten Diversitätsversprechen relativieren, formiert sich Widerstand von unten. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt brachte es auf den Punkt: Es seien nun »normale Menschen«, die den autoritären Umbau aufhalten müssten.

Die Reaktionen waren deutlich. In Minneapolis kam es täglich zu Demonstrationen und schließlich zu einem Generalstreik mit mehreren tausend Beteiligten, der Teile der Stadt lahmlegte. In vielen anderen US-Metropolen entstanden Mahnwachen, Blockaden und Kundgebungen gegen ICE-Razzien, institutionellen Rassismus und den Umbau staatlicher Strukturen, getragen von Angehörigen der Opfer, zivilgesellschaftlichen Gruppen und lokalen Bündnissen.

Noch sind diese Proteste fragmentiert und oft lokal organisiert, doch sie wachsen. Der Journalist Robert F. Worth beschreibt, wie sich basisdemokratische Bündnisse, Rechtsinitiativen und Graswurzelnetzwerke zunehmend koordinieren. Sie organisieren Informationskampagnen, juristische Interventionen und konkrete Hilfe für Betroffene. Während etablierte Oppositionsparteien zögerlich reagieren, entstehen neue Netzwerke der Selbsthilfe und Solidarität, um Menschen zu schützen, die besonders von Abschiebung und Repression betroffen sind.

Der Druck zeigt bereits politische Wirkung. Kommunalparlamente fordern den Rückzug von ICE-Einheiten, Staatsanwaltschaften nehmen Ermittlungen auf, Bürgerrechtsorganisationen reichen Klagen ein und verlangen unabhängige Untersuchungen. Jeder Protest zwingt Regierung und Republikaner, ihre Politik öffentlich zu rechtfertigen – und legt zugleich ihre autoritäre Logik offen.

Was kommt?

Die kommenden Monate werden entscheidend sein. Setzt sich die Normalisierung staatlicher Gewalt fort, droht den USA eine weitere Erosion demokratischer Standards. Gleichzeitig zeigt sich, dass große Teile der Gesellschaft nicht bereit sind, diesen Kurs hinzunehmen. Aus lokalem Widerstand wächst eine breitere Gegenbewegung, die für die Regierung zur politischen Herausforderung werden könnte.

Fest steht: Der Kampf um Demokratie, Gewaltmonopol und gesellschaftliche Teilhabe in den USA ist in eine neue Phase eingetreten. Das Land steht an einem Kipppunkt. Die Frage ist längst nicht mehr, ob sich die USA verändert haben – sondern wie weit dieser autoritäre Umbau noch gehen wird.