Vergangenheit, die weiterlebt

geschrieben von K. Schütte

8. März 2026

Ein Blick in das Archiv von Heideruh

Die Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh in der Nordheide wird in diesem Jahr 100 Jahre alt (siehe antifa-Januar-/Februarausgabe). Bereits 1926 kauften Hamburger Kommunisten um Ernst Ständer, Franz Jacob und Fiete Lass ein großes Holzhaus abgelegen im Wald und nutzten es als Rückzugsort und dafür, abseits der Aufmerksamkeit der Großstadt, politisch zu arbeiten und den Widerstand gegen die erstarkenden Nazis zu planen. 1936 wurde Heideruh enteignet und unter anderem von einem Hamburger Bauunternehmer als sogenanntes Gefolgschaftsheim – ein Aufenthaltsraum für dessen Arbeiter – genutzt. Unmittelbar nach Kriegsende wurde es von den britischen Befreiern an das Komitee ehemaliger politischer Gefangener übergeben. In der frühen Nachkriegszeit wurde Heideruh zunächst als Schulungsheim der FDJ, später als Kinderheim der VVN genutzt. Stetig war es vor allem ein Ort der Erholung für ehemalige Verfolgte des Faschismus, ihre Angehörigen und andere Antifaschist:innen.

13 historische Phasen Heideruhs dokumentiert

Im Laufe der Zeit hat sich eine Vielzahl an verschiedenen Dokumenten im Heideruher Archiv angesammelt: Fotos, Dias, Videos, Briefe, Vereinsdokumente und vieles mehr. Ein großer Teil der langen und vielseitigen Geschichte Heideruhs und seiner Aktiven konnte bereits unter Anleitung von Oliver Rump von der HTW Berlin aufgearbeitet und in verschiedenen Formen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: Am Holocaustgedenktag 2012, wurde in der Stadtbücherei Buchholz die Ausstellung »Heideruh – Verfolgung und Widerstand« der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ergebnisse wurden in einer Dokumentation zusammengefasst, die 2016 bereits in der zweiten Auflage erschien. Die Forscher:innen arbeiteten 13 historische Phasen Heideruhs und prägende Persönlichkeiten heraus, denen verschiedene Themenzimmer gewidmet sind, was die Gäste von Heideruh in die Geschichte eintauchen lässt. Darüber hinaus haben Besucher:innen die Möglichkeit, einen beschilderten historischen Rundgang über das Gelände zu machen, der sie durch die Vergangenheit des Ortes führt. Das wichtigste Ergebnis der Studienarbeit war aber, dass endlich ein Archiv angelegt wurde.

Das Archiv in Heideruh.Foto: Heideruh

Das Archiv in Heideruh.
Foto: Heideruh

Dieses Archiv wird ständig aufgefüllt durch weitere Zufallsfunde: So wurde Mitte Februar ein Teil des Fotoarchivs der antifaschistischen Zeitung Die Tat an das VVN-Bundesbüro geschickt. Außerdem wurden beispielsweise kürzlich zwischen verschiedenen Ordnern Dokumente zu Walter Bennies gefunden, die es ermöglichten, einen Großteil seiner Biographie und seiner Verbindung zu Heideruh nachzuzeichnen.

Walter Bennies wurde am 5. September 1911 geboren und wuchs in Hamburg-Eidelstedt in einem politisch geprägten Elternhaus auf. Nach einer Schneiderlehre schloss er sich (wie seine Eltern) der kommunistischen Bewegung an und engagierte sich im Rotfrontkämpferbund. Beim Altonaer Blutsonntag 1932 wurde er verhaftet. In mehreren Verfahren verurteilte ihn das Hamburger Sondergericht zu insgesamt 13 Jahren Zuchthaus. Von 1932 bis zur Befreiung 1945 war er im KZ Fuhlsbüttel und im Zuchthaus Bremen inhaftiert. Ein Wiederaufnahmeverfahren nach dem Krieg hob 1964 Teile der NS-Urteile auf, erklärte die Strafen jedoch im Kern als verbüßt und rechtsstaatsgemäß.

Nach 1945 arbeitete Bennies als Theaterschneider an Hamburger Bühnen. Ab 1950 war er bei der Chemiefirma C. H. Boehringer tätig, wo er mit hochgiftigen Stoffen in Berührung kam und schwere gesundheitliche Schäden erlitt. Politisch blieb er aktiv: zunächst in der KPD, nach deren Verbot 1956 illegal weiter, ab 1968 in der DKP sowie in der VVN-BdA. Er beteiligte sich an Demonstrationen gegen Remilitarisierung und Atombewaffnung und setzte sich im Betrieb für bessere Arbeitsschutzbedingungen ein.

Großteil seiner Zeit Heideruh gewidmet

Walter Bennies.Foto: Heideruh

Walter Bennies.
Foto: Heideruh

Ein zentrales Kapitel seines Lebens wurde jedoch Heideruh. Seit Ende der 1950er-Jahre engagierte er sich dort, 1968 wurde er zum Schatzmeister gewählt. Nach seinem Arbeitsleben zog er nach Buchholz und widmete einen Großteil seiner Zeit Heideruh, galt lange als »Mann für alle Fälle«. Besonders wichtig war ihm die politische Bildungsarbeit. In Gesprächen mit jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten gab er seine Erfahrungen aus Haft und Widerstand weiter, warb für ein gemeinsames, solidarisches Handeln und für eine sozialistische, humanistische Gesellschaft. Er blühte auf, wenn in seinem Zimmer lebhaft diskutiert wurde und junge Menschen von ihren Aktivitäten berichteten. In seinen letzten Jahren war er krankheitsbedingt ans Bett gebunden, blieb aber geistig wach und politisch interessiert. Bis zuletzt suchte er das Gespräch mit der jüngeren Generation. Walter Bennies starb am 29. Juni 1997 in Heideruh.

Derartige Funde zeigen uns, dass die Arbeit in unserem Archiv noch lange nicht beendet ist und, dass dort noch Schätze zu finden sind, die uns helfen können, bisher wenig erforschte, Aspekte der Heideruher Geschichte besser zu beleuchten.

Alle, die Dokumente aus der Geschichte von Heideruh haben, werden gebeten, sie an Heideruh zu schicken. Wer Lust hat, in unserem Archiv mitzuarbeiten und weitere spannende Dinge zu entdecken, ist herzlich eingeladen (info@heideruh.de).

Informationen: heideruh.de