35 Jahre von 75

8. März 2026

Ein Gespräch über die FIR, die vor 75 Jahren gegründet wurde

Regina Girod: Sich an die Geschichte der FIR zu erinnern, ist für uns untrennbar mit der Geschichte der VVN verbunden, die seit ihrer Gründung 1951 Mitglied in der FIR war. Wenn wir heute über die 35 Jahre sprechen, die wir beide aktiv miterlebt und mitgestaltet haben, bringst du die Westerfahrung und ich die Ostperspektive ein. Die alte VVN war von Anfang an dabei, du bist heute der Aktivist der VVN-BdA, der die FIR am längsten und besten kennt. Mir ist sie das erste Mal 1992 bei einer Generalversammlung in Berlin begegnet, da hast du als einziger Nachgeborener bereits die VVN-BdA vertreten. Von den beiden 1990 im Osten gegründeten Organisationen war damals nur die IVVdN Mitglied in der FIR. Ihr Vorsitzender, Fred Dellheim, erzählte mir, dass du zu diesem Zeitpunkt keinen leichten Stand unter den gestandenen Widerstandskämpfern hattest.

Ulrich Schneider: Es war 1991 eine bewusste Entscheidung des neu gewählten Leitungsgremiums der VVN-BdA, die Einladung zum FIR-Kongress in Moskau und die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion anzunehmen. Mit der Entsendung jüngerer Antifaschisten sollte zugleich ein Zeichen gesetzt werden, dass der politische Umbruch auch international zu einer Öffnung der Strukturen der antifaschistischen Verbände für Nachgeborene führen müsse. Die VVN hatte diese Öffnung bereits 1971 vollzogen, andere Mitgliedsverbände nicht.

Die Delegation der VVN-BdA war in Moskau die mit Abstand jüngste Abordnung. Interessanterweise nahmen die sowjetischen Gastgeber diesen Schritt gut auf, Mitgliedsverbände aus dem Westen schienen dagegen etwas befremdet. Da die Agenda des Kongresses und aller weiteren Programmteile sehr formalisiert war, gab es für mich keine Gelegenheit, im Plenum zu sprechen, ich habe dort aber Kameradinnen und Kameraden kennengelernt, zu denen ich in den folgenden Jahren gute Beziehungen aufbauen konnte.

Die zweite Sitzung, die ich bewusst als VVN-BdA-Vertreter erlebte, war eben die Generalversammlung in Berlin ein Jahr später. Es war interessant zu erleben, wie ich als Vertreter der VVN wahrgenommen wurde. Diesmal wollte ich im Plenum sprechen, mir wurde jedoch zu keinem Punkt das Wort erteilt – ein sichtbares Zeichen von Distanz.

R. G.: Die 90er-Jahre, die heute oft als »Baseballschlägerjahre« bezeichnet werden, waren für Antifaschistinnen und Antifaschisten nicht nur im Osten hart. Mit der DDR sollte zugleich auch der Antifaschismus abgewickelt werden. Hans Coppi prägte damals den Satz: »Besser ein verordneter Antifaschismus als überhaupt keiner.« Ähnliches passierte auch in anderen Ländern. Nicht alle Mitgliedsverbände der FIR haben diese Zeit überlebt.

U. S.: Eigentlich bekamen alle Mitgliedsverbände der FIR in Ost und West durch den politischen Umbruch Probleme. Besonders die ideologischen waren massiv und beutelten alle Strukturen. Tatsächlich zerstört wurde zum Beispiel der polnische Veteranenverband ZBOWID, der schon zu den Gründern der FIR-Vorläufer-Organisation FIAPP gehört hatte. Ihm wurde eine besondere »Staatsnähe« vorgeworfen. Gleichzeitig gründeten sich Anfang der 1990er in Polen Dutzende Veteranenorganisationen aufgrund des Versprechens, gegenüber der deutschen Regierung Ansprüche auf Wiedergutmachung für erlittene Verfolgung durchsetzen zu können. Tatsächlich wurden später Wiedergutmachungsleistungen gezahlt, aber nicht wegen der Tätigkeit dieser Kleinstorganisationen. Die Dachorganisation war jedenfalls erst einmal zerstört.

Die FIR war in den 90ern – wie die meisten Mitgliedsverbände in dieser Zeit – vor allem mit sich selbst beschäftigt. Es waren nicht nur die politischen Umbrüche in den vormals sozialistischen Ländern, sondern damit verbunden auch die finanziellen Beschränkungen durch das Ausbleiben der Mitgliedsbeiträge, bzw. die deutliche Reduzierung der Beitragszahlungen an die FIR. Als in der »Wende«-Zeit alle Strukturen in Frage gestellt wurden, hieß das, dass selbst dort, wo die Organisationen nicht durch staatliche Gelder getragen worden waren, die Beitragsabführungen schwieriger wurden.

R. G.: Die Frage, wie antifaschistische Arbeit finanziert werden kann, spielt bis heute eine große Rolle in der FIR. Im Exekutivausschuss haben die Vertreterinnen der Widerstandsorganisation der griechischen kommunistischen Partei, P. E. A. E. A., und wir von der VVN-BdA heute als einzige Erfahrungen damit, wie antifaschistische Arbeit ohne finanzielle Unterstützung des Staates organisiert werden kann. Alle anderen Verbände erhalten auf verschiedenen Wegen Zuschüsse für ihre Arbeit und geraten in der aktuellen Situation dadurch mehr und mehr in Schwierigkeiten. Bis 1990 kamen erhebliche Mittel der VVN-BdA aus der DDR. Die Entscheidung der VVN-BdA, sich nach ihrer Neuaufstellung ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden zu finanzieren, zahlt sich also bis heute aus.

U. S.: Was wir alle nach den politischen Umbrüchen in den 90er Jahren zusätzlich lernen mussten, war eine größere Akzeptanz anderer Meinungen unter Antifaschistinnen und Antifaschisten. Sicher gab es schon immer Meinungsverschiedenheiten, die allein daraus erwuchsen, dass sich der historische antifaschistische Kampf weltanschaulich, politisch und national aus verschiedenen Quellen speiste. Damit, dass die FIR mehr als 50 Jahre lang in Wien beheimatet war, hatten die Gründer ein Zeichen für ihre Neutralität zwischen den politischen Blöcken gesetzt. Der gemeinsame Kampf gegen das Weiterleben faschistischer Bewegungen und Traditionen und die Bewahrung der Erinnerung an den Widerstandskampf und die Befreiung Europas vom Faschismus waren so für mehrere Jahrzehnte das einigende Band der Mitgliedsorganisationen. Ein Streitthema blieb jedoch die immer dringender werdende Öffnung der Verbände für nachgeborene Generationen, die ohne einen Kulturwandel und die Orientierung auf neue Kampfformen nicht möglich war.

R. G.: Das gab es bei uns auch. Ich vertrete seit vielen Jahren den deutschen Verein »Kämpfer und Freunde der spanischen Republik 1936–1939« in der FIR. Als wir uns in den 90er-Jahren gründeten, lebten in Deutschland noch viele Spanienkämpfer, unter denen es auch Stimmen gab, die meinten: »Die Spanienkämpfer waren wir, und mit uns wird auch unsere Organisation sterben.« Doch sie haben sich nicht durchgesetzt, die Fahne des Thälmann-Bataillons wird bis heute von den Jüngeren in Ehren gehalten.

U. S.: Ein großer Umbruch erfolgte im Jahr 2003 mit der Verlegung des Sitzes der FIR von Wien nach Berlin. Bis dahin hatten die österreichischen Kameraden unter Leitung von Oskar Wiesflecker, der mehr als vier Jahrzehnte in unterschiedlichen Funktionen für die FIR tätig gewesen war, versucht, die Organisation am Leben zu erhalten. Für den Betrieb des Büros, die Bezahlung der wenigen Mitarbeiterinnen und notwendige Übersetzungen wurden die finanziellen Rücklagen der Organisation Stück für Stück aufgebraucht. Unter den Mitgliedsverbänden gingen die Meinungen darüber, welche Aufgaben unter den neuen Bedingungen vor der internationalen Föderation standen, weit auseinander. In dieser Zeit lernten wir, wie es möglich ist, ohne unterschiedliche Positionen infrage stellen zu müssen, Wege des gemeinsamen Handelns zu finden. Und es zeigte sich, dass bei vielen Verbänden trotz ihrer Verschiedenheit weiter Interesse an internationaler Verbundenheit und Kooperation bestand.

R. G.: An der Tagung in Wien habe ich als Vertreterin der VVN-BdA teilgenommen. Mir war klar, in Berlin würden wir nicht in der alten Form weiterarbeiten können, dafür hatte die VVN-BdA nicht die Ressourcen. Die Stimmung auf der Tagung war aufgewühlt, alle wussten, hier ging es um alles. Hatte die FIR, nachdem sie mehr als ein halbes Jahrhundert existiert und gekämpft hat, noch eine Chance? Damals wurdest du zum neuen Generalsekretär der FIR gewählt, seitdem erledigst du den größten Teil der Arbeit, die früher ein Büro bewältigt hat, bei dir zu Hause in Kassel.

Nicht alle Organisationen sind den weiteren Weg mitgegangen. Vor allem die großen französischen Verbände gingen auf Distanz. Sie wollten ihre Strukturen nicht für Nachgeborene öffnen, sich auch nicht zu politischen Fragen positionieren. Das ist auch so geblieben, doch informelle Kontakte existieren natürlich bis heute. Vor drei Jahren wurde ich auf dem Kongress in Barcelona zur Vizepräsidentin der FIR gewählt. Manchmal denke ich, dass die FIR als internationales Netzwerk nur dank der Veränderungen, die wir in den vergangenen 35 Jahren mitgestaltet haben, überleben konnte.

U. S.: Natürlich hat sich die FIR in den Jahrzehnten verändert, aber auch zum Positiven. Dazu gehört, dass die italienische ANPI mit 150.000 Mitgliedern wieder aktiv in der FIR mitwirkt. Auf dem Balkan, wo die Zersplitterung Jugoslawiens die antifaschistischen Kräfte massiv geschwächt hatte, gibt es wieder Kooperationen, und die spanischen Antifaschisten nutzen die Möglichkeiten der linken Regierung für großartige Initiativen zur internationalen Vernetzung.

Die Situation heute ist vergleichbar mit den Umbrüchen Anfang der 90er-Jahre, doch die Kräfte der antifaschistischen Verbände sind deutlich kleiner geworden. Es ist kein Geheimnis, dass es innerhalb der FIR tiefgreifende Unterschiede bei der Bewertung und Einschätzung der Kriege in der Ukraine und in Gaza, aber auch bezogen auf die Europäische Union gibt. Diese Differenzen lassen sich nicht wegdiskutieren. Umso wertvoller ist, dass dennoch gemeinsam akzeptierte Erklärungen möglich sind.

Regina Girod ist Vizepräsidentin der Fédération Internationale des Résistants (FIR). Ulrich Schneider deren Generalsekretär. Beide waren seit dem Verschmelzungkongress zur VVN-BdA 2002 über viele Jahre im Bundessprecher*innenkreis der Organisation und sind heute unter anderem in der Redaktion der antifa aktiv.

MEASZ steht für Magyar Ellenállók és Antifasiszták Szövetsége
(Bund der Ungarischen Widerstandskämpfer und Antifaschisten).