Führerprinzip und Kapitalismus

geschrieben von Dirk Schneider

8. März 2026

Vor 100 Jahren: Bamberger Tagung der NSDAP

Ein Jahr nach Wiedergründung der NSDAP 1925 kam es im Februar 1926 in Bamberg zur Machtprobe zwischen dem Nordflügel um Gregor Strasser und Joseph Goebbels sowie dem von Hitler dominierten Südflügel. Die Tagung in der fränkischen Provinz bestimmte dabei die langfristige Ausrichtung der Nazipartei. Goebbels und Strasser standen im Vorfeld programmatisch in der Tradition der Thesen Oswald Spenglers in dessen Schrift »Preußentum und Sozialismus«. Beide verfochten eine »nationalbolschewistische« Wirtschaftspolitik und befanden sich so in Fundamentalopposition zu Hitler und den süddeutschen Parteigauen.

Hochbrisante Tagung für NSDAP

Die Bamberger Tagung vom 14. und 15. Februar 1926, die erst kurzfristig Anfang des Monats einberufen wurde, war für die Partei hochbrisant. Die Machtfrage innerhalb der NSDAP entzündete sich inhaltlich insbesondere am Umgang mit der Frage der Fürstenenteignung, einer politischen Kontroverse in der Weimarer Republik, ob und in welcher Form die Besitztümer des Adels vergesellschaftet werden sollten, die sich zum Jahreswechsel 1925/26 verschärfte.

Während die relativ autonomen und von Strasser sowie Goebbels dominierten Parteigaue Norddeutschlands hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Ausrichtung einen nationalbolschewistischen Weg in Anlehnung an die Sowjetunion propagierten und eine radikale Enteignung des Adels befürworteten, lehnte Hitler das als »jüdische Mache« entschieden ab. Seiner Meinung nach hätte die Enteignung »die sofortige politische Bolschewisierung Deutschlands« zur Folge und sei »damit als nationaler Selbstmord zu verwerfen«. Im Januar 1926 hatten KPD und SPD im Reichstag ein Volksbegehren zur vollständigen Enteignung der Fürstenhäuser »zum Wohle der Allgemeinheit ohne Entschädigung« beantragt. Strasser bezog nach dem Grundsatz »Gemeinnutz vor Eigennutz« deutlich Stellung und lehnte jegliche Abfindungsverträge mit den ehemaligen Fürsten ab. Für ihn war das die Maßgabe für einen möglichen Volksentscheid.

Einige Tage vor der Tagung vermerkte Goebbels in seinem Tagebuch: »Hitler lädt ein. Steh und Ficht! Es kommt da die Entscheidung.« Im Rahmen eines am Vorabend der Konferenz veranstalteten Empfangs wurde die Strategie der siegessicheren Nordflügler entworfen – es sollte anders kommen.

In seiner fast vierstündigen Rede am 14. Februar vor 65 NSDAP-Funktionären im Gasthaus Zum Stöhren beanspruchte Hitler unmissverständlich die alleinige und kompromisslose Führung der NSDAP und ging weiter auf die aktuelle außenpolitische Situation (Goebbels dazu im Tagebuch: »Russische Frage: vollkommen daneben«) sowie auf die Debatte um die Fürstenabfindung ein. Hitlers Credo lautete: »Für uns gibt es keine Fürsten, nur Deutsche.« Hitler wurde hier bereits von den Motiven der Lebensraumpolitik im Osten, aber auch von den Finanzierungsmöglichkeiten der deutschen Industriebarone geleitet. Darüber hinaus war die Gewinnung der Arbeiterschaft nach Hitlers Ansinnen immer nur instrumenteller Natur, ein Mittel zum Zweck.

Die Rede und die gesamte Bamberger Tagung waren für Hitler, nicht zuletzt aufgrund der Schwäche seiner innerparteilichen Gegner, ausgesprochen erfolgreich. Strasser verhielt sich in der Aussprache nach der Rede »zitternd, stockend und ungeschickt«, und Goebbels meldete sich erst gar nicht zu Wort. Goebbels reagierte hinterher zunächst noch wütend und enttäuscht: »Ich bin wie geschlagen. Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? Fabelhaft ungeschickt und unsicher.« Dagegen wurde im Artikel des Völkischen Beobachters im Nachgang von »völliger Einmütigkeit der Auffassungen« berichtet. Die Machtfrage war gleichwohl entschieden, und die Partei versammelte sich fortan beinahe uneingeschränkt hinter Hitler. Im Zuge der Tagung wurde der sozialrevolutionäre Nordflügel um Strasser und Goebbels nicht nur in der konkreten Frage der Fürstenenteignung entscheidend geschwächt. In Bamberg vollzog sich eine Richtungsentscheidung in der nationalökonomischen Frage hin zu einer Ausrichtung am kapitalistischen Prinzip. Die Konsequenz war, dass Hitler durch die nachhaltige Schwächung des Nordflügels in Bamberg das Führerprinzip, das exklusiv mit seiner Person verbunden war, beinahe unumstößlich etablierte. Die Konferenz in Bamberg vor 100 Jahren spielte hierfür eine zentrale Rolle und erinnert zugleich an eine verhängnisvolle Etappe in den NS-Führerstaat.

Goebbels schwenkte auf Hitler-Kurs um

Noch im April 1926 schwenkte auch Goebbels trotz fortdauernder innerer Konflikte auf den Hitler-Kurs um: »Ich beuge mich dem größeren, dem politischen Genie«. Die Goebbels-Strasser-Phalanx war nachhaltig gebrochen und die parteiideologischen Weichen in das verbrecherische faschistische NS-Regime, das sieben Jahre später seinen Anfang nahm, gestellt. Goebbels machte fortan eine steile Nazikarriere. Strasser hingegen blieb zeitlebens ein Querulant innerhalb der Nazipartei, ehe er 1934 im Zuge des Röhm-Putsches im Gestapo-Hauptquartier ermordet wurde. Zwischenzeitlich hatte auch er sich zur Idee des Privateigentums bekannt.