Möglichst weit weg

geschrieben von Susanne Heim

8. März 2026

Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen

Als im Herbst 1933 das Hochkommissariat des Völkerbunds für die Flüchtlinge aus Deutschland gegründet wurde, konnte Deutschland, das immer noch Mitglied des Bundes war, Bedingungen durchsetzen, die den Handlungsspielraum des Hochkommissars stark einschränkten.

Eine koordinierte Flüchtlingspolitik kam nicht zustande. Und die potenziellen Zufluchtsstaaten entwickelten nicht miteinander, sondern tendenziell in Konkurrenz zueinander neue Regularien zur Abwehr von Flüchtlingen. In Deutschland enteignet, in den Zufluchtsstaaten ohne Arbeitserlaubnis – die geflüchteten Jüdinnen und Juden wurden schnell zur unerwünschten Bevölkerungsgruppe. Dem versuchten die jüdischen Organisationen entgegenzutreten. Doch je länger die Flüchtlinge in den Zufluchtsstaaten festsaßen, desto mehr wurden die Ressourcen der Hilfs-organisationen für ihre vorübergehende Versorgung gebraucht und fehlten damit für den Aufbau neuer Existenzen. Zudem waren die Hilfsorganisationen in den Zufluchtsstaaten in einer ambivalenten Situation. Einerseits bemühten sie sich, die Flüchtlinge zu unterstützen, andererseits waren sie an einer Kooperation mit den Behörden interessiert und bereit, die Zahl der Neuankömmlinge in Grenzen zu halten aus Sorge vor einer Ausbreitung des Antisemitismus.

Den Flüchtlingen verlangte die Flucht spätestens von 1938 an ein hohes Maß an Flexibilität, Lernfähigkeit und Entscheidungskraft ab. Sie mussten sich auf schnell sich verändernde Bedingungen einstellen, die das ganze bisherige Leben und die eigenen Zukunftspläne auf den Kopf stellten, Familien und Freundeskreise auseinanderrissen, soziale (Status-)Errungenschaften über den Haufen warfen und Geschlechterrollen veränderten. Solche Umbrüche haben bei vielen ihre Spuren hinterlassen, und nicht alle, die die Flucht überlebten, haben sie unbeschadet überstanden.

Im Jahr 1938 zwangen der Anschluss Österreichs und die Besetzung des Sudetenlandes auch dort hunderttausende Juden und Nazigegner zur Flucht, und die Methoden der Verfolgung – Pogrome und Abschiebungen ins Niemandsland oder über die grüne Grenze – wurden brutaler.

Die Flüchtlingskonferenz von Évian im Juli 1938 war ein neuer Versuch der Staatengemeinschaft, eine Antwort auf die Massenvertreibung zu finden. Die Initiative ging von US-Präsident Roosevelt aus, der nun die Chance sah, Ansätze zu einer globalen Migrationssteuerung zu entwickeln. Der Versuch scheiterte. Die Konferenzteilnehmer bedauerten, dass ihre Staaten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen könnten. Das mochte geheuchelt sein oder auch nicht. Jedenfalls akzeptierten sie implizit, dass es um die Suche nach humanitären Lösungen ging. Darin unterschied sich die Konferenz von den aktuellen Versuchen einer »Harmonisierung« der Flüchtlingspolitik, bei denen das Interesse der Staaten an der Begrenzung der Migration im Vordergrund steht.

Der Beginn des Krieges vervielfachte die Zahl der Flüchtlinge und versperrte etablierte Fluchtrouten. Die Grenzen wurden nun noch hermetischer abgeriegelt und Flüchtlinge vielfach als »feindliche Ausländer« in Lagern interniert.

In ihrem Buch »Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945«, (Verlag C. H. Beck, München 2026, 384 Seiten, 34 Euro) untersucht Susanne Heim die Flucht von Jüdinnen und Juden aus dem expandierenden deutschen Herrschaftsbereich. Potenzielle Zufluchtsländer verweigerten die Aufnahme, internationale Übereinkünfte scheiterten, sodass den Verfolgten nichts anderes übrig blieb, als sich auf illegalen und oft lebensgefährlichen Wegen in Sicherheit zu bringen. Wir drucken eine gekürzte Fassung des Schlusskapitels.

In ihrem Buch »Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945«, (Verlag C. H. Beck, München 2026, 384 Seiten, 34 Euro) untersucht Susanne Heim die Flucht von Jüdinnen und Juden aus dem expandierenden deutschen Herrschaftsbereich. Potenzielle Zufluchtsländer verweigerten die Aufnahme, internationale Übereinkünfte scheiterten, sodass den Verfolgten nichts anderes übrig blieb, als sich auf illegalen und oft lebensgefährlichen Wegen in Sicherheit zu bringen. Wir drucken eine gekürzte Fassung des Schlusskapitels.

Um die Juden in den deutsch beherrschten Gebieten zu unterstützen oder ihnen zur Flucht zu verhelfen, war es zunehmend erforderlich, auch illegale Wege zu beschreiten. Doch gerade im Krieg wollten die Hilfsorganisationen keine Konfrontation mit den alliierten Staaten eingehen, auf deren Wohlwollen sie angewiesen waren.

Im Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. Von August 1941 an erschossen deutsche Mordkommandos dort jüdische Männer, Frauen und Kinder. Im Oktober wurde die – ohnehin nahezu zum Erliegen gekommene – Emigration der Juden aus dem deutschen Machtbereich verboten. Etwa zeitgleich begannen die systematischen Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager. Fluchthelfer, die Wege über die Grenzen wiesen, gingen ein hohes Risiko ein und verlangten oft auch Preise, die nur wenige zahlen konnten.

Nach dem Beginn des Massenmordes dauerte es noch mehr als ein Jahr, bis die Alliierten diesen öffentlich verurteilten und die Bestrafung der Täter androhten. Doch ihre restriktive Haltung gegenüber den Flüchtlingen änderte sich nicht.

Erst das 1944 gegründete War Refugee Board konzentrierte sich eindeutig auf die Rettung der Verfolgten. Die meisten Juden, die im Holocaust umkamen, waren zu diesem Zeitpunkt bereits ermordet. In den letzten Monaten des Krieges nahmen in weiten Teilen Europas die Aktivitäten zur Rettung verfolgter Juden zu und führten zur Zusammenarbeit zwischen Organisationen unterschiedlicher religiöser oder politischer Orientierung und auch bewaffneten Kräften der Résistance sowie karitativen Initiativen. Viele, die sich in diesen Strukturen engagierten, riskierten ihr Leben.

Bis in die letzte Kriegsphase, als selbst schon die einstigen Verbündeten zu Deutschland auf Distanz gegangen waren, um nicht in Mithaftung genommen zu werden, blieb es schwierig, Aufnahmemöglichkeiten für die Flüchtlinge zu finden, wurde noch immer über Lager in Marokko oder Spanien nachgedacht, in denen man die Geretteten unterbringen könnte – möglichst weit weg.

Susanne Heim ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin. Von 2005 bis 2015 war sie Projektleiterin der Dokumentenedition »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945«.