Das Morgenrot der Menschheit
8. März 2026
Jüdischer Kommunist und Widerstandskämpfer: Peter Gingold zum 110. Geburtstag am 8. März
Zum 50. Gründungsjubiläum der VVN-BdA standen Peter Gingold und Esther Bejarano gemeinsam auf der Bühne und verlasen ihren – bis heute aktuellen – »Appell an die Jugend«. Es war für alle Anwesenden ein bewegender Moment, als diese Zeitzeugen den Nachgeborenen die Verantwortung für die Fortführung des Vermächtnisses der Überlebenden übergaben.
So war Peter Gingold, geboren am 8. März 1916, sein ganzes politisches Leben lang. Mit jungen Antifaschisten stand er in vielen Orten auf Straßen und Plätzen gegen Neofaschismus und Krieg. Gleichzeitig berichtete er in ungezählten Veranstaltungen, in Gesprächsrunden, in Schulklassen und Jugendgruppen von seinen historischen Erfahrungen – von dem Verfolgungsschicksal seiner Familie, aber auch seiner Bereitschaft, sich dem antifaschistischen Widerstand anzuschließen, und alles dafür zu tun, dass nie wieder Faschismus und Krieg die Menschheit bedrohen.

Peter Gingold (8. März 1916 – 29. Oktober 2006)
Geboren in Aschaffenburg und aufgewachsen in einer jüdischen Familie, wuchs Peter in Frankfurt am Main auf, wurde dort Mitglied der Gewerkschaftsjugend und des Kommunistischen Jugendverbandes. Früh erlebte er handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Nazis. 1933 emigrierte er mit seiner Familie nach Paris, wo er zu den Mitbegründern der Freien Deutschen Jugend gehörte. Dennoch wurde er zu Beginn des Krieges als »feindlicher Ausländer« interniert. Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf Frankreich schloss er sich der französischen Résistance an. In diesem Kampf riskierte er Freiheit und sein Leben. Nach Verrat verhaftet, gelang ihm am 23. April 1943 eine spektakuläre Flucht aus den Fängen der Gestapo. Zwei Geschwister wurden jedoch deportiert und in Auschwitz ermordet. In den Reihen der Résistance erlebte er die Befreiung von Paris und kämpfte 1945 noch in der italienischen Resistenza. Für ihn war der 8. Mai 1945, die Befreiung von Faschismus und Krieg, das »Morgenrot der Menschheit«.
1945 kehrte er mit seiner Frau Ettie und der ersten Tochter Alice aus Paris nach Frankfurt zurück, wo er am antifaschistisch-demokratischen Neuanfang mittun wollte. Doch dort wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Als Kommunist erlebte er 1956 nach dem KPD-Verbot eine erneute Illegalisierung und Verfolgung durch den Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit. Damit besaß er zum Beispiel keine legale Möglichkeit, sich mit seinen Mitstreitern aus der Résistance in Frankreich zu treffen. Versuche in den folgenden Jahren, sich ordnungsgemäß einbürgern zu lassen, scheiterten am damaligen Bundesinnenminister Genscher. Erst Anfang der 1970er-Jahre wurde – mit Unterstützung der Presse – die Familie eingebürgert. Doch damit war die Verfolgungssituation nicht beendet. Nun wurde die zweite Tochter, Silvia, als Lehrerin von Hessens Landesregierung mit Berufsverbot belegt.
Peter sagte dazu: »Anhand unserer Familiengeschichte konnten wir die Gesinnungsverfolgung an drei Generationen nachweisen: die meiner Eltern in der Kaiserzeit und Weimarer Republik, die Verfolgung meiner Familie im faschistischen Deutschland, jetzt nun meine Tochter als ›Verfassungsfeindin‹ verfolgt. Bezeichnend ist die Kontinuität in der deutschen Geschichte. Linke waren in der Kaiserzeit die ›vaterlandslosen Gesellen‹, in der Weimarer Republik ›Reichsfeinde‹ und in der Bundesrepublik ›Verfassungsfeinde‹«.
Als Zeitzeuge forderte er aus seinem Erleben politische Konsequenzen für einen anderen Umgang mit Geschichte und Erinnerung sowie mit der Losung »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!«. In den 1980er-Jahren kämpfte er mit Gewerkschaftern und jungen Antifaschisten gegen die »Aktionäre des Todes« der »IG Farben AG in Auflösung«. Mehrfach trat er selbst auf den Aktionärsversammlungen auf und klagte die Aktionäre an, Profite mit dem Blut der Opfer von Auschwitz zu machen.
Als der grüne Außenminister Joschka Fischer den ersten Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung nach 1945 gegen Jugoslawien mit der »Verhinderung eines neuen Auschwitz« legitimieren wollte, protestierte Peter mit weiteren Holocaustüberlebenden mit einer ganzseitigen Anzeige in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift: »Gegen eine neue Art der Auschwitz-Lüge« gegen diese Instrumentalisierung.
Geschichtliche Erinnerung verstand Peter als Vermittlung von Erfahrungen und der Aufforderung, selbst aktiv zu werden. Sein Leitmotiv, das er überzeugend vertrat, lautete: »Niemals aufgeben!« Er verstand sich bei seinen vielfältigen Auftritten »als Reisender in Sachen Mutmachen«. Und er hatte die Fähigkeit, junge Menschen zu begeistern und mitzunehmen. Bis heute trifft man immer wieder Antifaschist:innen, die durch die Begegnung mit ihm ermutigt und bewegt wurden, sich politisch zu engagieren. Tatsächlich konnte er bei vielen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, der bis heute nachwirkt.
Ungeachtet einer schweren Krankheit stand er am 8. Mai 2005 noch mit einem Blumenstrauß in der Hand an der Spitze einer großen Demo in Berlin gegen einen geplanten Naziaufmarsch. Auf diese Weise feierte er den 60. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg. Peter starb am 29. Oktober 2006 im Alter von 90 Jahren.
Die Erinnerungen an Peter und Ettie Gingold sind noch präsent. Dafür haben auch die mittlerweile über 130 Lesungen aus seinem Buch »Paris-Boulevard St. Martin No. 11. Ein jüdischer Antifaschist und Kommunist in der Résistance und der Bundesrepublik« (PapyRossa, 187 Seiten, 14,90 Euro) gesorgt, die seit 2009 mit seinen Töchtern, Enkeln und dem Herausgeber des Bandes in allen Teilen Deutschlands und in Frankreich stattgefunden haben. Auch in diesem Jahr sind mehrere Lesungen in Planung.


























