Die Chiffren funktionieren

8. März 2026

Wie die AfD Antisemitismus umdeutet und politisch instrumentalisiert. Ein Gespräch mit Stefan Dietl

antifa: In deinem Buch »Antisemitismus und die AfD« beschreibst du Antisemitismus als ein zentrales Ideologie- und Welterklärungsmodell der AfD. Gleichzeitig inszeniert sich die Partei öffentlich als entschiedene Gegnerin von Antisemitismus. Ist das vor allem politisches Kalkül? Oder gibt es innerhalb der AfD auch ideologisch verankerte Motive für diese Positionierung?

Stefan Dietl: Zunächst einmal ist das vor allem instrumentell. Die Art und Weise, wie sich die AfD in Bezug auf Antisemitismus positioniert, dient in erster Linie dazu, vom eigenen Antisemitismus abzulenken. Die Partei thematisiert Antisemitismus fast ausschließlich externalisierend – also in Bezug auf Minderheiten oder Geflüchtete. Daran wird das politische Kalkül deutlich: Man grenzt sich rhetorisch von Antisemitismus ab, um den eigenen zu verdecken. Das schließt allerdings nicht aus, dass es innerhalb der AfD auch Einzelne gibt, die sich tatsächlich als Kämpfer gegen Antisemitismus verstehen. Beides kann nebeneinander bestehen.

antifa: In der AfD sind Verschwörungserzählungen weit verbreitet, die mit Bildern geheimer Eliten, globaler Strippenzieher oder dunkler Mächte arbeiten – ohne explizit antisemitische Begriffe zu verwenden …

S. D.: Diese Chiffren funktionieren, weil in der Szene sehr genau bekannt ist, wer gemeint ist. Wenn etwa Björn Höcke oder Alexander Gauland von »Soros-Globalisten« oder »Soros-Eliten« sprechen, ist für viele Zuhörer*innen klar, worauf angespielt wird. Man greift auf jahrhundertealte antisemitische Stereotype zurück: die Vorstellung von nationen- und gesellschaftszersetzenden Kräften mit großem, im Verborgenen wirkendem Einfluss.

Gerade in der verschwörungsideologischen Agitation gegen George Soros wird das deutlich. Ihm werden Eigenschaften zugeschrieben – etwa ein »zersetzender« oder »perverser« Geist –, die direkt an klassische antisemitische Feindbilder anschließen. Man muss das Wort »Jude« nicht mehr aussprechen. Die Codes sind eindeutig genug.

antifa: Die AfD verweist gerne auf parteiinterne Gruppen wie »Juden in der AfD« oder auf ihr demonstratives Bekenntnis zu Israel, um sich gegen Antisemitismusvorwürfe zu immunisieren. Welche politische Funktion erfüllen diese Akteure und Positionierungen?

S. D.: Zunächst muss man festhalten, dass es sich um sehr kleine Zusammenschlüsse handelt. Wie es in der AfD verschiedene Selbstorganisationen gibt, gibt es auch »Juden in der AfD«. Der mediale Hype war allerdings deutlich größer als ihre reale Bedeutung. Solche Gruppen erfüllen eine klare Funktion: Sie dienen als Schutzschild gegen Antisemitismusvorwürfe. Auffällig ist zudem, dass Angriffe auf prominente Vertreter*innen jüdischen Lebens häufig aus diesen Kreisen angestoßen oder verstärkt werden – etwa gegen Charlotte Knobloch oder Michel Friedman.  Wenn entsprechende Beiträge in sozialen Medien erscheinen, werden sie parteiintern weiterverbreitet. So versucht man, Kritik aus jüdischen Communities selbst heraus zu inszenieren und sich vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen. Das Ziel ist klar: Die AfD will unter allen Umständen vermeiden, als antisemitische Partei zu gelten.

antifa: Ein wiederkehrendes Narrativ der AfD ist, Antisemitismus vor allem als »importiertes« Problem darzustellen. Werden dadurch Deutsche und die Mehrheitsgesellschaft aus der Verantwortung genommen? Und welche Folgen hat diese Verschiebung für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Deutschland insgesamt?

Stefan Dietl ist ehrenamtlicher Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und Mitglied im Landesvorstand von ver.di Bayern. Er arbeitet zudem als Publizist zu den Themen extreme Rechte und soziale Ungleichheit. In seinem Buch »Antisemitismus und die AfD« (Verbrecher-Verlag, Berlin 2025, 170 Seiten, 16 Euro) analysiert er die ideologischen Schnittmengen, Strategien und gesellschaftlichen Folgen antisemitischer Positionen innerhalb der Partei. Foto: privat

Stefan Dietl ist ehrenamtlicher Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und Mitglied im Landesvorstand von ver.di Bayern. Er arbeitet zudem als Publizist zu den Themen extreme Rechte und soziale Ungleichheit. In seinem Buch »Antisemitismus und die AfD« (Verbrecher-Verlag, Berlin 2025, 170 Seiten, 16 Euro) analysiert er die ideologischen Schnittmengen, Strategien und gesellschaftlichen Folgen antisemitischer Positionen innerhalb der Partei. Foto: privat

S. D.: Die AfD projiziert Antisemitismus auf ein Außen, indem sie von »migrantischem« oder »importiertem« Antisemitismus spricht. Damit entlastet sie die deutsche Mehrheitsgesellschaft und konstruiert eine vermeintlich lange, tolerante Tradition christlich-jüdischen Zusammenlebens in Europa. Gleichzeitig wird Verantwortung verschoben: Wenn Menschen mit antisemitischen Parolen auffallen, aber seit Jahrzehnten hier leben oder hier sozialisiert wurden, tut man so, als habe das mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun. Das Problem wird externalisiert. Auffällig ist zudem, dass die AfD zwar ständig von »importiertem« Antisemitismus spricht, aber Begriffe wie »islamischer Antisemitismus« selbst eher meidet – weil sie so die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem politischen Islam umgehen kann. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung geht es ihr weniger um eine ernsthafte Analyse islamistischer Ideologien als um Migration und das »Fremde« an sich. Die Partei ist rassistisch und xenophob – aber nicht aus einer konsequenten Gegnerschaft zum politischen Islam heraus.

antifa: Seit der Veröffentlichung deines Buches im April 2025 gab es weitere politische Zuspitzungen und innerparteiliche Radikalisierungen. Welche neuen Entwicklungen beobachtest du aktuell bei der AfD, die in eine weiterführende Diskussion einbezogen werden sollten?

S. D.: Lange Zeit hat sich die AfD als besonders israelsolidarisch inszeniert. Diese Inszenierung bröckelt zunehmend. Innerhalb der Partei gibt es wachsende Strömungen, die offen auf israelbezogenen Antisemitismus setzen. Schon zuvor war die Solidarität mit Israel vor allem Fassade – ich zeige im Buch, dass es durchaus Kontakte und ideologische Schnittmengen mit Regimen wie dem iranischen gibt. Seit dem Erscheinen des Buches hat sich die innerparteiliche Debatte weiter zugespitzt.

So sprach sich etwa Parteichef Tino Chrupalla früh gegen Waffenlieferungen an Israel aus und positionierte sich im Kontext der militärischen Eskalation zwischen Iran und Israel deutlich. Selbst verbale Solidaritätsbekundungen gegenüber Israel werden inzwischen parteiintern infrage gestellt. Hier ist mit einer weiteren Radikalisierung zu rechnen.

antifa: In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder öffentlichkeitswirksame Antisemitismusskandale um Politiker der gemäßigten oder extremen Rechten – etwa um Martin Hohmann, Jürgen Möllemann, Hans-Georg Maaßen oder Hubert Aiwanger. Zugleich scheint heute vieles weniger Aufregung auszulösen. Täuscht dieser Eindruck?

S. D.: Wir erleben insgesamt eine Renaissance des Antisemitismus im politischen Raum. Spätestens seit der Corona-Pandemie und verstärkt seit dem 7. Oktober 2023 sind antisemitische Verschwörungserzählungen wieder deutlich präsenter. Vieles geht im allgemeinen Rauschen unter. Antisemitische Äußerungen, die früher große Skandale ausgelöst hätten, normalisieren sich. Genau das ist das Problem. Mein Buch heißt bewusst »Antisemitismus und die AfD« und nicht nur »in der AfD«, weil es um einen gesamtgesellschaftlichen Trend geht. Die AfD trägt zur Radikalisierung und Verbreitung antisemitischer Stereotype bei – sie ist aber nicht alleiniger Akteur. Auffällig ist zudem, dass nicht wenige Protagonisten früherer Skandale oder deren politische Unterstützer später in der AfD eine neue Heimat gefunden haben. Auch das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer politischen Verschiebung.

antifa: Du hast betont, dass die AfD weniger islamfeindlich als vielmehr rassistisch agiert. Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

S. D.: Die AfD profitiert vom Narrativ, sie sei die einzige konsequente Gegnerin des politischen Islam. Tatsächlich richtet sich ihre Politik jedoch primär gegen Migration und gegen das »Fremde«.

Es gibt ideologische Schnittmengen zwischen extrem rechten und islamistischen Fundamentalisten – etwa im Hinblick auf autoritäre Gesellschaftsbilder oder Antisemitismus. Deshalb ist es wichtig, nicht auf die Selbstdarstellung der AfD hereinzufallen. Wer Antisemitismus ernsthaft bekämpfen will, muss ihn als gesamtgesellschaftliches Problem begreifen – und darf ihn nicht ethnisieren oder externalisieren.

Das Gespräch führte Andreas Siegmund-Schultze

Der Text erscheint hier in einer umfangreicheren Version als in der Printausgabe.