Editorial

geschrieben von Nils Becker

8. März 2026

Das neue Jahr ist gestartet wie das alte endete – mit der Normalisierung von Verstößen gegen das internationale Völkerrecht. Militärschläge ohne UN-Mandat, Entführung von Präsidenten, anhaltende Besatzungen, Angriffe auf Zivilbevölkerung und humanitäre Einrichtungen und nicht von der UN-Charta gedeckte weitreichende Sanktionen gegen Staaten. Auch an die – meist später als Lüge entlarvten – Rechtfertigungen dafür hat man sich gewöhnt: Besitz von Massenvernichtungswaffen, Schutz der Zivilbevölkerung, Zerschlagung von Terrororganisationen und sogar Entnazifizierung. Sie verdecken allzu oft geopolitische, strategische oder wirtschaftliche Interessen. Was bedeutet das für den tagesaktuellen Fall?

Nach abertausenden Toten während der Protestwelle im Iran Anfang des Jahres, ist der Jubel über den Tod des Staatsoberhaupts Chamenei groß (siehe Erklärung des Bundessprecher*innenkreises der VVN-BdA auf Seite 15). Trump empfiehlt dem iranischen Volk, dessen Opposition in mehreren Gewaltwellen der letzten Jahrzehnte nahezu ausgelöscht oder in die Diaspora getrieben wurde, einen herbei gebombten Regimewechsel. Prinz Pahlavi – ein neuer starker Mann der alten Schahdynastie – soll das Land einen und vor allem für die Sicherung der US-Interessen in der Region sorgen. Ein Vorgeschmack auf die Herrschaft der Monarchisten konnte auf den Demos am 14. Februar weltweit beobachtet werden. Die kurdische Minderheit, iranische Kommunist*innen und Anarchist*innen wurden ausgegrenzt. Die Parole »Tod den Mullahs, Tod den Volksmudschaheddin, Tod den Linken« war von München bis Vancouver zu hören. Auf den Rücken der Toten wird, wie in unzähligen Beispielen vorher, Hoffnung auf Veränderung mobilisiert, die nie hält, was sie verspricht. Eine Ordnung, gebaut auf Dominanz und Gewalt, wird nicht jene sein, die ein gutes Leben beschert.

In diesen Zeiten am Völkerrecht festzuhalten erinnert an Albert Camus’ Sisyphos, der im Angesicht der Absurdität der Welt weder mit Optimismus und Hoffnung noch mit Pessimismus und Verzweiflung reagiert, sondern, sich der Absurdität bewusst, auf seinem Standpunkt – hier der Selbstbegrenzung von Gewalt – beharrt.