Digitales Archiv

geschrieben von André Raatzsch

24. Juli 2020

Kunst und Kultur der Sinti und Roma jetzt online

Nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd hat die gesellschaftliche Rolle von Archiven und Museen im Kampf gegen Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus und weitere Ideologien sozialer Ungleichheit eine noch größere Bedeutung bekommen. Floyd starb in den USA. Dieser Rassismus findet sich aber auch in Deutschland. Vor weniger als drei Monaten wurden in Hanau neun Menschen bei einem rechtsterroristischen Anschlag getötet, darunter drei junge Sinti und Roma.

RomArchive als Hilfe

In diesem Sinne kann RomArchive nicht nur als ein digitales Archiv der Kunst und Kultur der Sinti und Roma verstanden werden, sondern vielmehr als Fehlervermeidungs-Apparatur zum Beispiel für die Medien. Hier kann man nachlesen: Was ist aus Sicht des RomArchives eine angemessene menschenwürdige Darstellung? Und inwieweit entsprechen die Medien diesen Anforderungen? Auf diese Weise kann das RomArchive den Weg zu einer nicht rassifizierenden und ethnisierenden Darstellung der Sinti und Roma ebnen.

Viele Beteiligte

Im Januar ging das Archiv online. Die Wegbereiterinnen des Projektes waren Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe. Sie waren für die intensiven Recherchen europaweit unterwegs. Das Gesamtprojekt wurde von einem renommierten internationalen Beirat begleitet. Eingebunden waren auch die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, die European Roma Cultural Foundation, der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, das Goethe-Institut sowie die Bundeszentrale für politische Bildung und das Auswärtige Amt.

Aber was ist das Ziel, das mit dem RomArchive erreicht werden soll? Wichtig erscheint mir zunächst, dass der inhaltliche und konzeptionelle Aufbau der unterschiedlichen Archivbereiche von Kuratorinnen durchgeführt wurde, die überwiegend selbst der Minderheit angehören. Bis heute ist es leider keine Selbstverständlichkeit, dass Sinti und Roma in bedeutende Positionen der Projektarbeit einbezogen werden. Alle Beteiligten waren sich der Herausforderung bewusst, dass das RomArchive mit den langen Traditionen von ethnisierenden und rassifizierenden Archivierungs- und Darstellungspraxen brechen müsse. Von Anfang an war mein Ansatz dabei, einen kritischen Blick darauf zu werfen, wie Künste und Kulturen von Sinti und Roma gesammelt und präsentiert werden, ohne den gängigen und tradierten Vorstellungen zu entsprechen. In der Praxis hat sich sehr schnell herausgestellt, dass es bei Angehörigen der Minderheit – und auch bei mir als Kurator – Vorbehalte und Ängste vor bestimmten Konzepten von Dokumentierung und Sammlung von Bildern, Namen und Geschichten gibt. Ursache dafür sind die bis heute nicht geheilten Wunden der NS-Verfolgung. Unsere Vorfahren wurden von den Nazis in Archiven und Datenbanken erfasst, die die Grundlage für die spätere Inhaftierung, Deportierung und Ermordung waren. RomArchive kann die schmerzende Wunde des NS-Völkermordes nicht lindern. Aber unsere Aufgabe ist es, den Nachkommen neue Hoffnung und neue Wege zu ermöglichen.

Anspruch

Ethische Richtlinien des Projekts beschreiben und geben vor, wie das Archiv in seinen drei zentralen Bereichen Sammlungspolitik, Zugangspolitik und Repräsentationspolitik mit Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrung, Antiziganismus oder Ressentiments umgehen soll. Es geht darum, was und wie man über Sinti und Roma erzählen soll. Aber auch darum, wie man Selbstghettoisierung oder Selbstethnisierung vermeidet und koloniales Wissen in ein Wissensarchiv über Menschenrechte und Menschenwürde umwandelt. Das RomArchive versteht die Geschichte, Sprache und Kulturen von Sinti und Roma als historische Güter, die es zu bewahren und nachfolgenden Generationen zu überliefern gilt.

Klare Position

RomArchive garantiert die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Behinderung. RomArchive garantiert Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit und wissenschaftliche Unabhängigkeit, und RomArchive lehnt jede rassistische oder sexistische Position ab.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ist Träger des RomArchive. Bei der Übernahme betonte der Vorsitzende Romani Rose, wie wichtig es ist, die vielfältigen kulturellen Beiträge sichtbar zu machen, die Angehörige unserer Minderheit in ganz Europa geleistet haben und immer noch leisten. Rose sieht die weitere Entwicklung von RomArchive darin, dass in vielen europäischen Ländern neue Themen dokumentiert und erforscht werden. Wenn die europäischen Institutionen Verantwortung übernehmen, kann das RomArchive international weiter ausgebaut werden. Sinti und Roma müssen in ihren Heimatländern in Europa sichtbar werden. Durch Dokumentation und Aufarbeitung kann die Wissenslücke über Sinti und Roma geschlossen werden und der Kampf gegen die latent vorhandenen und wieder anwachsenden Ressentiments erfolgreich weitergeführt werden.

Das RomArchive hat den Grimme Online Award 2020 in der Kategorie »Wissen und Bildung« gewonnen. Mit dem Preis werden seit 2001 herausragende deutschsprachige Online-Angebote ausgezeichnet.

www.romarchive.eu

André Raatzsch ist Leiter des Referats Dokumentation am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.