Ich war fünfzehn

geschrieben von Mit dem langjährigen antifa-Autor Alfred (Ginger)
Fleischhacker sprach Regina Girod

5. September 2013

Gespräch mit Alfred Fleischhacker, der allein nach England
emigrierte

Nov.-Dez. 2008

antifa: Unmittelbar nach der Pogromnacht am 9. November 1938 traf die britische Regierung die Entscheidung, 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Du warst eines dieser Kinder. Wie ist es dir ergangen?

Fleischhacker: Ich bin 1923 geboren. Unsere Familie lebte in Merchingen, in Süddeutschland. Meine Eltern hatten ein Textilgeschäft, 1938 wurde es zwangsweise arisiert. Ich habe noch eine vier Jahre jüngere Schwester. Als es damals hieß, dass ein Kind pro Familie nach England geschickt werden könnte, haben die Eltern mich ausgewählt. Ich war schon ziemlich selbständig, denn ich war vorher bereits auf einem jüdischen Internat gewesen, außerdem war ich ein Junge.

antifa: Was ist aus deiner Schwester geworden und aus deinen Eltern? Haben sie überlebt?

Fleischhacker: Meine Schwester hat durch die Solidarität französischer Menschen überlebt, meine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Das habe ich aber erst Jahre später erfahren. Ich bin im Juli 1939 nach England gekommen, die Transporte gingen ja nur bis zum Ausbruch des Krieges, die letzten verließen Berlin am 28. oder 29. August. Nach meiner Abreise sind meine Eltern bei Nacht und Nebel zu Verwandten ins Badische gezogen. In den kleinen Gemeinden, wo jeder jeden kannte, waren Juden ihres Lebens nicht mehr sicher. Im Oktober 1940 wurden alle Juden aus Baden und der Pfalz in das Lager Gurs in Frankreich deportiert. Anfang 1941 haben französische Fürsorgerinnen den Frauen im Lager angeboten, ihre Kinder herauszuholen und sie bei Franzosen unterzubringen. Meine Eltern haben meine Schwester mitgegeben. So hat sie überlebt.

antifa: Wie verlief dein Leben in England?

Fleischhacker: Meine Mutter hatte eine ziemlich wohlhabende Cousine in London. Ihr Fahrer hat mich vom Bahnhof abgeholt und zu einem Rabbiner gebracht, der schon 1934 aus Hamburg emi-griert war. Die Verwandten selbst haben sich aber nicht weiter um mich gekümmert.

Mit 25 bis 30 Jungen bin ich dann nach Bournemouth nahe Southampton am Kanal gekommen. Bis zum Beginn des Krieges bekamen Flüchtlinge in England keine Arbeit, denn die Arbeitslosigkeit war groß und die Regierung wollte wohl den Eindruck vermeiden, dass die Flüchtlinge den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Die Städtchen am Kanal waren gut betuchte Badeorte. Ich habe erst als Reiniger gejobbt und dann als Hilfskellner. Wegen meiner roten Haare bekam ich den Spitznamen Ginger, der mir bis heute geblieben ist.

antifa: Eine Schule hast du nicht mehr besucht?

Fleischhacker: Doch, für einige Monate besuchte ich ein Abendcollege, aber die richtige Weiterbildung erfuhr ich im Internierungslager. Als Deutschland England angegriffen hat, wurden alle »feindlichen Ausländer« interniert, das heißt auch alle Juden und Nazigegner, die hierher geflohen waren. Man brachte sie möglichst weit weg, einige kamen bis nach Australien. Ich landete in Kanada. Von 1940 bis 1942 habe ich dort zunächst Bäume gefällt. Also genau das gemacht, was man von Kanada erwartet. Wir wollten aber unbedingt etwas Kriegswichtiges leisten. Da haben sie uns Tarnnetze flechten lassen und dann haben wir auch noch Munitionskisten getischlert.

antifa: Und gelernt wurde auch?

Fleischhacker: Das Internierungslager hat mein Weltbild geformt, wir hatten wirklich großartige Lehrer. Deutsche und österreichische Intellektuelle und Kommunisten haben sich unserer angenommen. Wilhelm Koenen, Martin Hornig und Jenny Kostmann gehörten dazu. Ich wurde Mitglied der FDJ, die schon 1938, also vor meiner Ankunft in England, gegründet worden war. Die FDJ wurde meine politische Heimat, sie war für uns alle auch so etwas wie eine Familie. Paare fanden sich, auch meine Frau und ich haben uns hier kennen gelernt.

antifa: War es also die FDJ, die dich letztlich dazu gebracht hat, nach dem Sieg über den Faschismus wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Fleischhacker: Es gab eine Gruppe, zu der ich gehörte, die meinte, dass man zurückgehen und ein antifaschistisches Deutschland aufbauen müsste. Wer hätte das denn sonst tun sollen? Aber das war nicht die Meinung der Mehrheit. In ihrer besten Zeit, etwa von 1941 bis 1945, hatte die FDJ in England ungefähr 750 Mitglieder. Davon sind ca 100 nach Deutschland zurück gegangen. Meine Frau und ich sind 1947 nach Berlin gekommen. Die anderen sind in England geblieben, viele sind auch in die USA oder nach Palästina weiter gewandert.

antifa: Erinnert man sich in England heute noch an euch?

Fleischhacker: Durchaus. Ich bin gerade aus London zurückgekommen, wo ich einige meiner alten Freunde getroffen habe. An der Liverpool Street Station, an der alle Kindertransporte angekommen sind, gibt es jetzt ein Denkmal. Künstlerisch finde ich es nicht besonders gelungen, aber es ist da und mahnt. Übrigens soll auch in Berlin-Mitte demnächst ein Denkmal aufgestellt werden, das an die Kindertransporte erinnert. Wir haben angeregt, es durch eine Tafel mit den historischen Fakten zu ergänzen. Wer weiß schon noch, was genau vor 70 Jahren war?