In der Hölle von Gusen

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geschrieben von Waltraud Bierwirth

Erinnerung an die Opfer der Zwangsarbeit für Messerschmitt

 

»Gusen ist der richtige Ort, um den Wert des Lebens zu verstehen.« So sagt es einer der Zeitzeugen, der »der Hölle von Gusen« entkam. Von 71 000 KZ-Gefangenen starb mehr als die Hälfte. »Es war das KZ mit den höchsten Todesraten«, meinen Historiker. Alljährlich wird in einer Gedenkfeier im Mai in dem idyllischen Dorf in Oberösterreich der Ermordeten und Geschundenen gedacht. Unter dem Decknamen »Bergkristall« wurden hier ab August 1944 in kilometerlangen Stollenanlagen für das Regensburger Messerschmittwerk Teile des Düsenjägers ME 109 und ME 262 gefertigt.

Nur einen Steinwurf weit von der Schnellstraße nach Linz, die KZ-Gefangene bauten, steht das »Memorial Gusen«. Direkt neben den Fundamentresten des ehemaligen Krematoriums, wo etwa 30 000 der im Konzentrationslager Gusen verstorbenen Häftlinge verbrannt wurden. Blass und sichtbar aufgeregt tritt dort Stanislaw Leszcinski ans Mikrophon und berichtet, wie es war, als er mit dem Trupp von etwa 400 polnischen Gefangenen im KZ Gusen eintraf: »Der Lagerkommandant Franz Ziereins sagte zur Begrüßung: ‚Das Essen reicht für euch für drei bis vier Wochen. Wenn einer länger lebt, heißt das, er stiehlt. Er wird in die Strafkompanie versetzt und dort lebt man kürzer.« Wie sich das »Sterben vor Hunger« in den grausamen Einzelheiten vollzog, schildert der fast 90-Jährige in dürren Fakten.

Seit zehn Jahren erst gibt es das »Memorial Gusen« und die Dauerausstellung, die in vielen Zeugnissen von den Verbrechen berichtet. Das sprichwörtliche Gras des Vergessens sollte nach der Befreiung im Mai 1945 über den Schauplatz des Schreckens wachsen. Die Holzbaracken, die Leichenhalle, das Krematorium, der Folterkeller wurden beseitigt. Es entstand eine Siedlung von Ein- und Zweifamilienhäusern mit Gärten. Auf der blutgetränkten Erde wuchsen Gemüse und Salat. In die festen Ziegelbauten der SS, in das Jourhaus der Lagerkommandantur, in das Bordell mit den Zwangsprostituierten aus dem KZ Ravensbrück zogen Siedler mit Kindern ein. Sie beseitigten alles, was irgendwie an das KZ erinnerte. Doch die Geschichte des Ortes, die Erinnerung an das Foltern und Morden, war nicht zu löschen.

Die Rückholung aus dem »Vergessen« geschieht gerade noch rechtzeitig. Zu Lebzeiten von Zeitzeugen und KZ-Überlebenden, die die Mauern des Schweigens durchbrechen. Einer der wenigen, die aus Deutschland zur Gedenkfeier nach Gusen kommen, ist seit 15 Jahren der Regensburger Antiquar Reinhard Hanausch. Seine Forschungen über die Zwangsarbeit beim Messerschmitt-Konzern führten ihn zu Gusen und »Bergkristall«. Am Düsenjäger-Bau wirkten einige hundert Messerschmitt-Fachkräfte mit, für die das NS-Verdikt »Geheime Kommandosache« auch nach dem Krieg Bestand hatte. In den Stollen von Gusen ließen tausende von KZ-Gefangenen ihr Leben. Nicht selten entschied die Bewertung der Zwangsarbeit durch Vorgesetzte über Leben und Tod.

Eine Ausnahme bildete die Begegnung zwischen dem Regensburger Vorarbeiter Karl Seider und dem polnischen KZ-Häftling und Maler Frantisek Znamirowski. Ein anrührendes Zeugnis davon ist ein Album mit zehn farbigen Aquarellen, das der Maler unter dem Titel »Gut gesinnt…« 1944 fertigte und seinem Vorarbeiter zum Geburtstag schenkte. Dieses Album entdeckte Reinhard Hanausch zwischen Büchern eines Nachlasses, forschte weiter und kam der Identität und dem Schicksal des Künstlers auf die Spur. Der Maler von Gusen, Frantisek Znamirowski, hatte überlebt. Seine zehn Aquarelle stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung »Überleben durch Kunst«, die in Regensburg konzipiert und dort in der Staatlichen Bibliothek präsentiert wurde. Nach drei Ausstellungsorten in Polen und kürzlich in Berlin soll sie im nächsten Jahr in der Gedenkstätte des KZ Mauthausen gezeigt werden.

»Bis heute wesen die Messerschmitt-Legenden vor allem im Internet fort. Eine historisch-kritische Biographie über den skrupellosen ‚genialen Flugzeugbauer‘ sucht man indes vergebens«, schreibt Hanausch im Buch zur Ausstellung. Nach wie vor dominiert das Bild des »Luftfahrt-Pioniers«, der bis zu seinem Tod 1978 mit öffentlichen Ehrungen überhäuft wurde und nie auf einer Anklagebank als Nazi-Kriegsverbrecher saß, obwohl er mit verantwortlich für den Tod zehntausender KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter war. Den Namen des Hitler-Verehrers und überzeugten Nazis Messerschmitt tragen bis heute Straßen in Regensburg und Augsburg, ein Flugzeugmuseum und eine millionenschwere Stiftung in München.

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