»Frieden« mit der Ukraine

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Das Handelskapital der Hansestädte auf Raubzügen im Osten. Von Jörg Wollenberg

 

Mit dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk (3.März 1918) zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland wurde das »Mitteleuropa-Projekt« der »Kriegszielpartei« der Obersten Heeresleitung um Erich Ludendorff und Hindenburg Wirklichkeit. Die Vertreter des Handelskapitals der Hansestädte um Ballin (Hamburg), Possehl (Lübeck) und Roselius (Bremen) gehörten ab 1914 mit dem AEG-Chef und späteren Außenminister Walter Rathenau zu den Propagandisten dieses Projektes: Aus riesigen Gebieten Rußlands entstand damals eine Pufferzone, die von Finnland und den baltischen Staaten über die Ukraine, der Krim bis jenseits des Kaukasus zur türkischen Grenze reichte. Und das Bündnis zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich ermöglichte mit Hilfe der Berlin-Bagdad-Bahn die Eroberung der Erdölfelder im Nahen Osten. Alles wurde kontrolliert und besetzt von deutschen Truppen bis zum Frieden von Versailles (28. Juni 1919). Ein Eroberungsfeldzug, der Hitlers »Fernziel, ein deutsche Ostimperium auf den Trümmern der Sowjetunion aufzubauen« schon 1917/18, hatte Realität werden lassen.

 

Seit 1918 ist die Ukraine unser: Der »Brotfrieden« vom 9. Februar 1918 sichert Deutschland die »Kornkammer Europas« mit Hilfe der Separatisten der Ukraine

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Bereits am 9. Februar 1918 hatten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn einen Friedensvertrag mit den Separatisten der Ukrainischen Volksrepublik geschlossen, die zuvor ihre Unabhängigkeit von Russland erklärt hatten. So entstand aus der Zerfallsmasse des Zarenreichs die »Kornkammer Europas«. Mit diesem sog. »Brotfrieden« endete der Erste Weltkrieg in Osteuropa. So hoffte man die Versorgung mit Nahrungsmitteln für die hungernde deutsche Bevölkerung zu sichern und die Frühjahrsoffensive an der Westfront im März 1918 einleiten zu können. Schon damals mit überraschenden Ergebnissen. So nahm z.B. Alfred Faust, der an der Ostfront eingezogene Bremer Propagandachef von Roselius (Kaffee Hag), als USPD-Mitglied am Kongress der Arbeiter und Soldatenräte vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin teil – als Abgeordneter der Ostfront, Wahlbezirks

Heeresgruppe Kiew/Ukraine. Faust berichtete dort über »wilde Truppen« und chaotische Zustände der deutschen Heeresgruppe Kiew. Er wurde u.a. begleitet von dem im August 1916 in russische Gefangenschaft geratenen Ernst Reuter, dem späteren Berliner Oberbürgermeister. Reuter hatte es als damaliger Anhänger der Bolschewiki bis zum Kommissar der autonomen Wolgadeutschen Republik gebracht. Er nahm am Gründungskongress der KPD Ende Dezember 1918 in Berlin teil und blieb als Wortführer der »Linken« bis zum Parteiausschluss im Januar 1922 KPD-Generalsekretär – unter seinem Parteinamen Ernst Friesland.

Der als »historische Stunde« gefeierte Gewaltfrieden von Brest Litowsk sicherte für kurze Zeit den Beginn einer deutschen Vorherrschaft in Osteuropa. Diese Zeit nutzte die Bremer und Hamburger Kaufmannschaft zur Gründung einer »Gesellschaft für internationale Unternehmungen«, um den deutschen Außenhandel auszudehnen und wichtige Teile der baltischen Provinzen Rußlands auszubeuten. Die Beteiligung des führenden Hamburger Bankiers Max Warburg und des Ruhrindustriellen Hugo Stinnes sicherte die Kreditbeschaffung ab. Noch im März 1918 gelang es ihnen, mit dem Bukarester Vertrag eine Neuordnung der rumänischen Erdölwirtschaft unter Einschluss der galizischen Ölfelder abzuschließen. Und schon im Dezember 1917 hatten sie eine neue Mineralöl-Handels- und Beteiligungsgesellschaft gegründet, der sich auch Albert Ballin von der Hapag für den Verein der Hamburger Reeder angeschlossen hatte. Diese Raubzüge der Hanseatischen Kaufmannschaft sollten mit ihrem Drang gen Osten im Zweiten Weltkrieg einen neuen Höhepunkt erreichen.

 

Handelshäuser und Niederlassungen ab 1941/42 in der Ukraine und auf der Krim

Hanseatische Handels- und Verkehrsunternehmen profitierten ab 1941/42 von den Morden und Raubzügen in den besetzten Gebieten im Osten. Abgesichert durch die Wehrmacht und die SS- Einsatzgruppen und geschützt von den hanseatischen Polizeibataillonen und den deutschen Polizeidienststellen vor Ort gründeten die Handelshäuser ihre Niederlassungen vor allem in der Ukraine und auf der Krim, aber auch in Reval/Tallinn und Riga. Lange blieb diese Beteiligung des Handelskapitals an den NS-Verbrechen weitgehend unbemerkt. Dabei hatte eine Ausstellung im Bremer Kulturzentrum Schlachthof schon 1983 auf diesen Tatbestand aufmerksam gemacht – auf der Grundlage der Arbeit von Dieter Pfliegensdörfer zum Bremer Handelskapital in der NS-Zeit. Wir stießen damals auf den heftigen Widerstand nicht nur des politischen Senats, sondern neben der CDU auch aus den Reihen der SPD. Erst 2011 gelang es, dieses Thema im Rahmen der vom Bremer Senat initiierten Polizeiausstellung wenigstens ansatzweise zu behandeln. Karl Schneider hat diesen Akt der Beteiligung der »Pfeffersäcke« an Kriegsverbrechen in seiner 2011 veröffentlichten Dissertation über die »Bremer Polizeibataillone und der Holocaust« behandelt und damit den Anstoß zur Senatsausstellung gegeben. Und die von Karl-Heinz Roth vorgelegte Studie über »Reemtsma auf der Krim« (2011) liefert weitere bedrückende Belegstücke am Beispiel der Tabakhandelsfirmen unter der Ägide der Martin Brinkmann AG und des Reemtsma-Konzerns. Beide hatten sich im Frühjahr 1942 zu einer Tabakbau- und Handelsgesellschaft zusammen geschlossen, um in der Ukraine und im Nordkaukasus ein Syndikat der Tabakproduktion zu gründen. Mit Hilfe der skandalösen Ausbeutung von Zwangsarbeitern gelang ihnen ein riesiger Profit. Sie übernahmen in der zuständigen staatlichen »Zentralen Handelsgesellschaft Ost für landwirtschaftlichen Absatz und Bedarf GmbH« mit 230 deutschen Einsatzfirmen und 1500 deutschen Verwaltern in den Hauptgeschäftsstellen der Ukraine und Kaukasiens eine Vorreiterrolle beim Einsatz von rund 5500 deutschen Kadern (Sonderführern) und etwa 520.000 zur Zwangsarbeit verurteilten einheimischen Arbeitskräften. Zu den Bremer Zweigniederlassungen der ZO gehörten neben der Martin Brinkmann AG und ihrem Seniorchef Ritter so bekannte Namen wie Eduard Schilling, Kaffee Hag (Roselius), Kuhlenkampff & Konitzky (Ostfaser) oder die Tabakhändler Arnold Duckwitz und Beckröde&Renner. Die Gemeinschaftsgründung des Tabakhandels und der deutschen Zigarettenindustrie nahm ihren Hauptsitz in Bremen mit der Niederlassung in Kiew und wies ein Kapital von RM 2.400.000 aus. Die Kaufleute halfen dabei, die sowjetische Landwirtschaft auszuplündern, Wehrmacht und Okkupationsbehörden mit Agrarerzeugnissen zu beliefern und den Weitertransport von geraubten Waren ins Reich durzuführen. Dieser »Erfolg« beruhte mit auf den Formen der polizeilich-militärischen Kollaboration und den von den Sonderkommandos der SS befehligten Selbstschutz-Kompanien in der Ukraine, unterstützt dabei von einheimische Verwaltungskadern, die sich nach den jeweiligen lokalen ethnischen Strukturen in der Regel aus Russen, Ukrainern und anderen Minderheiten (außer Juden) zusammensetzten.

Das Ausschweigen der rigorosen Ausplünderungspraktiken und das Wissen von Mordaktionen gehört bis heute zu den kollektiven Verdrängungsmechanismen. Nach wie vor bleibt es eine ungelöste Aufgabe, Funktion und Rolle der deutschen Einsatzfirmen der Zentralen Handelsgesellschaft Ost aufzuarbeiten, die mehr als eine halbe Million Arbeitskräfte aus der SU schamlos ausbeuteten, ohne dass bislang für eine Wiedergutmachung der Überlebenden gesorgt wurde. Ganz zu schweigen von jenen Firmen, die nach den Luftangriffen Teile der Produktion in die besetzen Länder oder in die Nähe von Konzentrationslagern umsiedelten. Der Bremer Focke-Wulf-Flugzeugbau mit dem Großaktionär Roselius errichtete z.B. ein großes Werk in der Nähe vom KZ Stutthof bei Danzig und ließ dort Motoren bauen. Der Weser-Flugzeugbau errichtete im Sudetenland bei Rabstein einen Zweigbetrieb, in dem 650 Häftlinge Stollen für den Flugzeugbau in das Gebirge treiben mussten. Und die Firmenleitung forderte außerdem den Bau eines Barackenlagers im KZ Flossenbürg.

 

Konfliktlose Rückkehr in die Zivilgesellschaft

Bleibt noch anzumerken, dass Jan Philipp Reemtsma, der Haupterbe des Reemtsma-Konzerns, im Gefolge der Studie von Karl Heinz Roth alle überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiter des Reemtsma-Konzerns freiwillig individuell entschädigte, unabhängig von der Bundesstiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. Dagegen haben bislang die Arbeiten von Pfliegensdörfer, Roth oder Schneider nicht dazu beigetragen, das »kurze Gedächtnis der Bremer Sozialdemokratie« (Michael Wildt) ein wenig zu lüften. Denn auch in einer »roten Hochburg« wie Bremen gelang »auswärts eingesetzten« NS-Tätern die konfliktlose Rückkehr in die Zivilgesellschaft. Auf über 150 Seiten kann man bei Karl Scheider die bedrückende » Bremer Polizeigeschichte im Spiegel von Polizeikarrieren« verfolgen: Trotz der Verurteilung als Kriegsverbrecher wurde z.B. Karl Schulz, der Leiter der Einsatzgruppe B und Adjutant von Arthur Nebe, 1952 Kriminaldirektor in Bremen. Und Erwin Schulz, der ehemalige Bremer Gestapo-Chef und in Nürnberg als Massenmörder zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilte Leiter eines Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD, konnte 1954 auf Bitten des Bremer Senats die Haftanstalt Landsberg vorzeitig verlassen und als verurteilter Kriegsverbrecher seine Dienstbezüge mit einem Übergangsgeld bis zu seiner Pensionierung beziehen. Der SPD-Innensenator Adolf Ehlers hielt es für »durchaus möglich«, Schulz zu einem späteren Zeitpunkt wieder im öffentlichen Dienst zu verwenden. Mit Bürgermeister Kaisen und dessen Pressechef Alfred Faust gehörte Ehlers, unterstützt vom liberalen Justizsenator Spitta, zu den Repräsentanten der Zusammenarbeit von Kaufmannschaft und Sozialdemokratie, die dazu neigten, die NS-Täter mit einer »kalten Amnestie« in die Nachkriegsgesellschaft zu integrieren. Davon profitiert bis heute auch der führende europäische Kaffee-Importeur Ludwig Roselius (1874-1943). Deshalb noch einmal zurück zum Propagandisten der »Ideen von 1914«, die für Roselius im »Geist von Potsdam« am 21. März 1933 kulminierten. Er gehört zu den erfolgreichsten Profiteuren beider Weltkriege.

 

Ludwig Roselius: »Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles begann der zweite Krieg gegen Deutschland«

Mit anderen konservativ-chauvinistischen Kräften um Großadmiral Alfred von Tirpitz, dem Historiker Dietrich Schäfer und Wolfgang Kapp (Initiator des Kapp-Putsches von 1920) hatte Roselius Anfang September 1917 die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP) gegründet, eine »protofaschistische Massenbewegung«, die zur Heimstätte vieler späterer Nationalsozialisten wurde und die entschieden gegen Kriegsmüdigkeit, Friedenssehnsucht und Revolutionsprozesse in der Arbeiterbewegung ankämpfte. Im September 1918 veröffentlichte Roselius in der »Weser-Zeitung« einen Beitrag unter dem Titel: »Die Lehren des Krieges für den deutschen Außenhandel«. Scharf kritisierte er dort das Krisenmanagement und den »Scheinsozialismus« der Regierung und plädierte im Oktober 1918 für den neuen »sozialen deutschen Gedanken im alten und neuen Regierungsprogramm«.

Ludwig Roselius 1924

Ludwig Roselius 1924

Begeistert waren 1914 die prominenten Vertreter von Handel und Kapital in den Hansestädten den Ideen der »nationalen Revolution« als Geburt der Volksgemeinschaft gefolgt. Ludwig Roselius war einer der einflussreichsten Anhänger der »Ideen von 1914«, dem Geist vom August 1914, der für Roselius im »Geist von Potsdam« am 21. März 1933 kulminieren sollte: die feierlich-suggestive Konstituierung des neuen Reichstages in der Potsdamer Garnisonskirche in Gegenwart von Hitler und Hindenburg: »Will man den deutschen Gedanken in der Welt zum Siege verhelfen, so ist es notwendig, dass ein rein deutsches Stammland erhalten bleibt, und dass den Freundesstaaten, mit denen es die Linie Belgien – Dardanellen beherrscht, die deutsche Auffassung vom Wesen der Dinge nicht als Zwang, sondern als selbstverständliche Beigabe des geschlossenen Bundes erscheint«, so der Bekenner Roselius. Dass nach diesem Kriegszielprogramm mit der Linie von Belgien bis zu den Dardanellen auch große Teile Rußlands bis einschließlich der Duna-Grenze ostwärts von Russisch-Polen dem »Großdeutschen Reich« einverleibt werden sollten, begründet Roselius mit dem Hinweis, so ein starkes Bollwerk im Osten gegen Restrußland zu errichten: »Diese Bollwerk kann nur geschaffen werden durch deutsche Kolonisation. Heute ist noch das Germanentum stark genug, 15 Millionen Menschen an der Ostgrenze der germanischen Kultur zu unterwerfen…« (Brief an den Großherzog von Oldenburg, Januar 1915). Die Beherrschung Europas, Rußlands, Kleinasiens und Afrika: Das war das Ziel der Neuordnung der Welt, ein Projekt, das Roselius mit den »Alldeutschen« und großen Teilen der deutschen Großbourgeoisie teilte.

Um diese Ziele durchzusetzen, forderte der seit 1912 in Berlin-Grunewald residierende Ludwig Roselius das Auswärtige Amt 1914 auf, unter seiner Leitung ein »Hilfskomitée für nationale Propaganda« zu bilden. Das AA lehnte ab, gab ihm aber die Möglichkeit, seine Ziele als Propagandachef auf dem Balkan in Bulgarien zu erproben. Roselius plante dort u.a. die Besetzung der ukrainischen Küste, um die Revolution in Russland einzuleiten. Eine angezettelte Meuterei auf der russischen Schwarzmeerflotte sollte dazu den Anstoß geben. Bis zum Schluss des Krieges kämpfte Roselius für den »Siegfrieden« und lehnt jeden »Verzichtfrieden« wie auch den im Sommer 1917 vom Reichstag angebotenen »Verständigungsfrieden« ab. Ihm gelang es, in Bremen Kaufmannschaft und Handelskammer zur Unterstützung des Programms der 1917 von ihm gegründeten Vaterlandspartei zu gewinnen, die alle Kreise des Volkes zum Durchhalten mobilisieren wollte und deshalb für die Errichtung einer Militärdiktatur eintrat.

Nach Ende des Krieges galt sein Hauptziel, neben den Siegermächten auch den inneren Feind, die sozialistische Arbeiterbewegung, zu bekämpfen, um die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft zu retten. Schon Ende Oktober 1918 veröffentlichten die Bremer Nachrichten seine Forderungen an ein neues Regierungsprogramm. Er plädierte zur Überraschung seiner Freunde für die »Entwicklung des deutschen sozialen Gedankens«, für die Entmachtung des Kaisers, für Demokratie und Sozialismus. Sozialismus freilich lediglich als Geisteshaltung, nicht jedoch zur Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln. In einer nationalen Sammlung sollten alle Deutsche sich zusammenfinden, vereint unter dem Dach von Nationalismus und Sozialismus. Es ist die Geburtsstunde des National-Sozialismus, ein deutschnationales Projekt, das Roselius zwischen 1918 und 1923 propagiert und das ihn nicht nur in Bremen zum Retter der bürgerlichen Gesellschaft werden lässt.

Ihm gelang es außerdem, über den Kreis von Heinrich Vogeler Kontakt zu nationalrevolutionären KPD-Mitgliedern zu pflegen. Dennoch trug er entscheidend zur gewaltsamen Niederschlagung der Bremer Räterepublik am 4. Februar 1919 im Bündnis mit Gustav Noske und Friedrich Ebert bei. Sein Bremer Schulfreund Johannes Plenge, dem er in Münster zu einem Lehrstuhl verholfen hatte, um die »Ideen von 1914« zu begründen, förderte das Bündnis mit dem rechten Flügel der SPD um Friedrich Ebert, Konrad Haenisch und dem jungen Kurt Schumacher. Plenge trug so dazu bei, die »Volksgenossenschaft des nationalen Sozialismus« unter den nationalrevolutionären Gruppen in der Sozialdemokratie zu verbreiten. Diese beteiligten sich u.a. an der Herausgabe der »Kriegsprobleme der Arbeiterklasse«, herausgegeben vom Verlag »Internationale Korrespondenz« in Berlin. Sie sahen ihre Aufgabe darin nachzuweisen, dass nicht die deutsche Sozialdemokratie 1914 »gänzlich versagt habe«, sondern »dagegen die sozialistischen Parteien des Auslandes, ausgenommen eine kleine Gruppe der englischen Sektion«. Dieses Bündnis veranlasste Roselius nach 1918 zu einem Arrangement auf Zeit mit der Weimarer Republik, ohne dabei die »Kontaktpflege« zu den Rechten zu vernachlässigen, mit Hitler schon ab 1922.

In der Neuauflage der »Briefe und Schriften zu Deutschlands Erneuerung« von 1919 plädiert Roselius 1933 für die Realisierung eines erneuerten nationalen Bündnisses und propagiert im Vorwort mit Entschiedenheit für den März 1933, den neuen, die »Ideen von 1914 vollendenden »Geist von Potsdam« vom 21. März 1933. Im »Schlußwort« seiner »Briefe und Schriften« vom 20 April 1933 hält er fest: »Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles begann der zweite Krieg gegen Deutschland… Die im Marxismus international erzogene Arbeiterschaft verkannte, dass die Quellen der Kraft eines Volkes im Nationalen liegen. Noske fand zwar den Mut, den Terror zu unterdrücken, zu einer nationalen Erhebung der Arbeiterschaft fand er aber den Schwung nicht. Ebert, der sich als Präsident zum Deutschlandlied bekannte, wurde von seiner Partei geächtet und mit Schmutz beworfen. Er starb in tiefer Trauer um Deutschland. Seiner Vergangenheit eigener Kreis zog ihn in den Abgrund.« Und der 1919 verfasste Beitrag von Roselius »Gegen Kriegsschuldlüge und Versklavung« beginnt mit einem Angriff gegen die Gegner der »Verteidigungslüge«: Durch kein Beispiel könne die Verwirrung des deutschen Volkes in ein schärferes Licht gezogen werden als durch die Tatsache, dass in dem Geheimarchiv unseres Auswärtigen Amtes nach Ausbruch der Revolution wochenlang ein Feind unseres Volkes, Herr Kautsky, gesessen habe, um Material über die Schuld Deutschlands im Krieg zusammenzutragen. (Karl Kautsky von der USPD war 1919 als Unterstaatssekretär des AA mit der Untersuchung zur Kriegsschuldfrage beauftragt worden, J.W.). Ludwig Roselius hatte sich bereits 1922 zu Hitler bekannt und »die Reinheit seines (Hitlers) Gefühls für die deutsche Sache« gelobt. Mitte März 1933 legte er sein »Hitler-Programm« vor, das der neuen Regierung einen Weg aus der Krise weisen wollte.

 

Hitler-Gegner Roselius

Dass einige der mit dem Kaffee Hag-Besitzer kooperierenden Sozialisten trotz Verfolgung und Haft das »Dritte Reich« mit seiner Hilfe überlebten, begründete den Mythos vom Hitler-Gegner Roselius. Sein einstiger Reklamechef Alfred Faust leitete z.B. im Januar 1919 als USPD-Mitglied das Kommissariat für Presse und Propaganda der Bremer Räterepublik und musste erleben, dass Roselius Ende Januar 1919 nach Berlin fuhr, um die Reichsregierung, die Volksbeauftragten der MSPD Ebert und Noske, aufzufordern, gegen die »Unordnung« in Bremen mit Truppen einzuschreiten. Beide willigten ein und ließen die Division Gerstenberger gegen Bremens Räteregierung aufmarschieren und diese am 4. Februar 1919 blutig niederschlagen. Als jedoch die Bremer Gestapo im April 1933 den Reichstagsabgeordneten Alfred Faust in »Schutzhaft« nahm, beschäftigte der wendige Roselius den späteren Pressechef des Senats unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen nach seiner Entlassung aus dem KZ Mißler ab 1934 als Vertreter in seinem Angelsachsen-Verlag in Bremen und Berlin und bat ihn um Mitwirkung an seinem den »Freunden im Ausland« gewidmeten judenfeindlichen Buch über »Fichte von heute« (1938).

Auch den als Juden vom Berufsverbot bedrohten und verfolgten Rechtsanwälten Alexander Lifschütz, mit Roselius 1918 Gründer der Bremer Ortsgruppe der »Deutschen Vaterlandspartei« und ab 1947 Senator für politische Befreiung und damit zuständig für die aus seiner Sicht gescheiterte Entnazifizierung in Bremen, wie auch Wilhelm Nolting-Hauff, Häftling im KZ Farge und nach 1945 Finanzsenator, übertrug er im »Dritten Reich« wichtige geschäftliche Dienste.

Martin Goldyga, Kommunist und Freund des von Roselius gleichfalls geförderten Heinrich Vogeler, konnte sich als Leiter der von Ludwig Roselius verantworteten »Großen Kunstschau« in Worpswede lange behaupten. Vor allem der Angriff in der SS-Zeitschrift »Das schwarze Korps« von 1935 gegen die Böttcherstraße und die »entartete Kunst« Hoetgers half nach 1945 »mächtigen Interessengruppen der Hansestadt, die Legende vom aktiven Hitlergegner und aufrechten Demokraten Ludwig Roselius zu stricken«. »Rotes Herz« (das Werbesymbol des coffeinfreien Kaffee HAG) und »brauner Trank« hatten stets die Gunst der Stunde genutzt und bildeten mit dem Stammhaus, den angegliederten Verlags- und Pressefirmen und der mitbegründeten Focke-Wulf Flugzeugbau AG ein kaum überschaubares Wirtschaftsimperium. »König Ludwig« stellte diesen Konzern in den Dienst der nationalen Volksgemeinschaft.

Roselius förderte den nordischen Gedanken, baulich zwischen 1926 und 1931 realisiert in der Böttcherstraße als Hoffnungstempel für Deutschlands Erneuerung. Die Künstlerkolonie Worpswede mit den Hoetger-Bauten firmierte ab 1929 quasi als eine Filiale des Bremer Kulturtempels. »Ich habe trotz meiner 60 Jahre nur noch ein Ziel«, verkündete der »nationale Sozialist« Roselius als Anhänger der Hitler-Partei in seinem Wirtschaftskonzept »Der Weg zur Rettung« von 1931: »mitzuarbeiten, um der Jugend und dem deutschen Volk zu einer inneren und äußeren Freiheit zu verhelfen«. Den offiziellen Eintritt in die NSDAP vollzog er aber erst im Schreiben an den Reichsschatzmeister der Partei vom 26. November 1933: »Ich habe unserem Führer ewige Treue geschworen…Ich möchte es Ihnen überlassen, wenn Sie es für gut halten, mich als Mitglied in die Partei einzureihen. Nationalsozialist bin ich seit 1918«. Und dennoch verweigerte ihm die NS-Führung die Mitgliedschaft. Erst 1938 erreichte Roselius den Status eines fördernden Mitgliedes.

Dass der Sozialdemokrat Alfred Faust als Pressechef des Senats unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen nach 1945 zu den Verteidigern von Roselius gehörte, muss vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen nicht überraschen. Auch nicht, dass nach 1945 Faust und Kaisen unter Einbeziehung von Innensenator Adolf Ehlers den Fall Roselius zur Rechtfertigung des in den norddeutschen Hansestädten herrschenden Schweigepaktes über die NS-Zeit zwischen Kaufmannschaft und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung nutzten. Ein Schweigepakt, der wirkungsvoll bis heute fortbesteht.

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