Gelebte Solidarität

geschrieben von
Martin Schröter

5. September 2013

Erinnerung an den Gerhard Leo

Nov.-Dez. 2009

Am 8. Oktober 2009 fand in Berlin die Trauerfeier für den Résistance-Kämpfer und Ritter der französischen Ehrenlegion, Gerhard Leo, statt.

Aus seiner Erfahrung als Emigrant hat sich Gerhard Leo über Jahre an der Arbeit der »Initiative gegen Abschiebehaft« in Berlin beteiligt. Der hier abgedruckte Beitrag wurde im Namen der Initiative auf der Trauerfeier gehalten.

Weil Gerhard in unserer Gruppe schon nach kurzer Zeit einfach mit dazugehörte, zehn Jahre lang bei uns aktiv war und schon seit einiger Zeit eine Lücke hinterließ, die wir zwar überbrücken, nicht aber schließen können, möchten wir die Gelegenheit nutzen, von ihm Abschied zu nehmen und unsere Dankbarkeit und Trauer auszudrücken.

Wenn wir über die gemeinsame Zeit und die gemeinsamen Aktivitäten mit Gerhard nachdenken, fallen uns drei Begriffe ein, die seinen Einsatz im Rahmen der »Ini« , wie wir unsere »Initiative gegen Abschiebehaft« der Kürze halber nennen, charakterisieren: Bescheidenheit, unermüdlicher persönlicher Einsatz und Klarheit.

Als Gerhard 1996 das erste Mal zur Ini kam, war er für uns zunächst einfach ein älterer Herr, der sich im Sinne der Gruppe für die Interessen der im Abschiebeknast Inhaftierten engagieren wollte und der sich schnell mit unserer Arbeitsweise vertraut machte. Und das sollte man sich nicht zu einfach vorstellen. Mehr als eine gut organisierte Gruppe sind wir ein ungeordneter Haufen von Studentinnen, Arbeitslosen, Berufstätigen und einzelnen Rentnern, der sich bei hoher Fluktuation und ohne klare Führung, dafür aber regelmäßig in schummrigen und manchmal auch zugigen Räumen trifft, die wir von wohlmeinenden Unterstützern kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen. Ohne Programm, Satzung und Vorstand, besprechen wir alle wichtigen Details unserer Arbeit gleichberechtigt und unterscheiden in unserer Wertschätzung dabei nicht, ob jemand erst fünf Wochen oder aber schon fünf Jahre dabei ist, ob der Beitrag von einem Schüler oder einer altgedienten Aktivistin kommt. Von Gerhard – von dem wir erst nach und nach und manchmal durch Zufälle Teile seiner Geschichte erfuhren – gab es zwar den Wunsch, diese Strukturen, an denen manche neue Unterstützer auch zweifelnd scheiterten, zu ordnen, um die Arbeit der Gruppe effektiver zu machen, aber wenn die Mehrheit lieber keine bezahlte Stelle anstreben wollte, und wenn sich die Gruppe keine Satzung geben wollte, dann konnte er auch diese Entscheidungen mittragen und gab weiterhin sein Bestes, um die Flüchtlinge im Knast zu unterstützen und die Öffentlichkeit über diese unsägliche Anstalt zu informieren.

Lumembu Kasenda aus Kongo, Ahmed Bozbacar aus Tunesien, Kwesi Capochichi aus Benin, Kader Vehicle aus Algerien, Cihan Ileras aus der Türkei, Abdel Kader Weriah aus Algerien, Victor Postache aus Moldawien, Zainu Bawal aus dem Sudan, Paul Lones aus dem Sudan, Abdel Hassan Bemuzuone aus Algerien, Ibrahim Kourouma aus Guinea, Atef Baldan aus Tunesien, Brier Ibrahim Musa aus dem Sudan, Ikye Njoku aus Nigeria.

Das sind nur einige der Menschen, die Gerhard im Köpenicker Knast besucht und in schwerer Zeit unterstützt hat. Die Besuche, zeitaufwändig und unbequem, mit weiter Anreise bei jedem Wetter und oft mit nervtötenden Wartezeiten, hatten weitere notwendige Aktivitäten zur Folge: Kontakte zu Anwälten, Akteneinsicht bei der Ausländerbehörde, das Verfassen von Anträgen und Beschwerden, Telefonate, Absprachen, Recherchen. Gerhard war dabei unermüdlich und hierin tatsächlich immer Ansporn und Vorbild.

Fortgesetzt hat er seinen Einsatz bei Infoständen und Informationsveranstaltungen, organisiert von der Ini oder auf Einladung anderer Gruppen, mal vor fünf mal vor 100 Interessierten. Gerhard war so oft er konnte dabei und vertrat die Interessen der Gefangenen gegen eine Politik der Ausschließung und Abschiebung.

Wenn Gerhard die Sache der Inhaftierten öffentlich vertrat – kein Knast für die Papierlosen! Keine Behandlung von Flüchtlingen wie Verbrecher! – wenn er für die Ini und andere antirassistische Gruppen öffentlich den Stopp von Abschiebungen und Abschiebeknast forderte, dann tat er das aus seiner eigenen Erfahrung und Geschichte heraus mit einer Klarheit und Nachvollziehbarkeit, die oft zu überzeugen und immer zu beeindrucken wusste. So in der Sitzung des Innenausschusses des Abgeordnetenhauses, in der kein anderer von uns so konsequent gegen die Hochsicherheitsarchitektur des Köpenicker Knastes hätte streiten können; so als Gast bei der Sitzung des Beirats des Abschiebeknastes, der zwar ebenfalls kritisch eingestellt ist, dieses aber nicht öffentlich äußern darf. Und auch wenn er schrieb und veröffentlichte, wusste er die Missstände immer konkret auf den Punkt zu bringen.

Seit seinem Schlaganfall fehlt uns Gerhard, der Vorbild war, Mut machte, und aus eigenem Erleben Zusammenhänge herstellten konnte, die wir selbst uns nur anlesen können. Zu ersetzen ist er für uns nicht.

Gerhard Leo wollte in unserer Gruppe nicht Elder Statesman und nicht Lehrmeister sein, der den jungen Leuten zeigt, wie das Leben funktioniert und wo es langgehen sollte. Vielmehr war er ein gleichberechtigter Mitstreiter, mit dem die Arbeit immer Spaß gemacht hat und an den wir uns deshalb immer gerne und mit Wehmut erinnern werden.