Ich täte es gern wieder!

geschrieben von
Ulrich Sander

5. September 2013

In Memoriam Kuddel Schnibbe

Juli-Aug. 2010

Wir haben mit Dankbarkeit festgestellt, dass erst vor einigen Monaten die Verwaltungsschule in Hamburg, die einst von Helmuth Hübener besucht wurde, eine ständige Ausstellung eröffnet hat, mit der Helmuth Hübener, Karl Heinz Schnibbe, Rudolf Wobbe und Gerhard Düwer ein Denkmal gesetzt wurde. Die Schule befindet sich im Normannenweg 26 in Hamburg.

In der von der VVN BdA editierten »Bibliothek des Widerstandes« erschien von Urich Sander der Band »Jugendwiderstand im Krieg/Die Hübener-Gruppe«

Wer von uns hat nicht schon einmal aufgewühlt letzte Worte von antifaschistischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern gelesen? Walter Husemann: »Lieber ein Tod in Ehren unter dem Beil des Henkers als ein Leben in Schande unter dem Faschismus.« Hanni Meyer aus der Baum-Gruppe: »Und trotz allem rappele ich mich immer wieder auf und lasse mich nicht unterkriegen.« Julius Fucik: »Ihr, die ihr diese Zeit überlebt, vergesst nicht. Vergesst die Guten nicht und nicht die Schlechten.« Und Hans Scholl »Niemand hat größere Liebe, denn dass er sein Leben lässt für die Freunde.«

Es war nicht mehr damit zu rechnen, doch es ist nun ein letzter Brief aufgetaucht, von Karl-Heinz Schnibbe, der würdig an jene anschließt, die wir kannten. Er hat ihn kurz vor seinem Tod, nach einem langen Leben mit schwerer Zeit und besseren Jahren – Jahre die er seinem mit 17 Jahren von den Nazis ermordeten Freund Helmuth Hübener verdankt, wie er oft sagte – aus der Ferne geschrieben, nachdem er zur Eröffnung der Widerstandsausstellung im Hamburger Rathaus nicht mehr anreisen konnte:

»Aber ich bin heute bei euch im Geiste, denn ich bin trotz allem Schmerz und trotz allen Leiden über die vielen Jahre hinweg immer noch sehr, sehr stolz darauf und unendlich dankbar dafür, dass wir dumme Bengels damals irgendwie den Mut fanden, gegen dies denkbar bösartigste Regime der Weltgeschichte mit unserer Flugblattaktion gewaltlos vorzugehen. Und dass wir überhaupt hinter die ganzen Lügen von damals dank der Hellsicht unseres Freundes Helmuth Hübener haben schauen können!

Auch wenn ich gewusst hätte, was dadurch auf mich zukommen würde, kann ich jetzt bezeugen, dass ich es gern wieder täte, wenn ich die Gelegenheit hätte, denn eine friedvolle und faire Gesellschaft basiert ja auf der Bereitschaft jedes Mitglieds dieser Gesellschaft, für das Gute ein Opfer zu bringen, nicht immer auf seinen eigenen kurzfristigen Vorteil zu achten. Ich rufe also sozusagen über den Ozean und über die Jahrgänge meinen Freunden, besonders meinen jungen, energischen Freunden in Hamburg und sonst wo zu: Seid auf der Hut und seid für die gute Sache tätig, aber immer gewaltlos, immer menschlich und mit viel Liebe, nie den Teufel mit Beelzebub austreiben wollen! Dann werden wir uns vielleicht, in den Worten Helmuths aus seinem letzten Brief, in Plötzensee geschrieben, in einem besseren Deutschland, in einer besseren Welt, wiedersehen können! Ich wünsche euch dabei alles, alles Gute!«

Dies schrieb uns Karl-Heinz »Kuddel« Schnibbe, einst Malergeselle, später Zeitzeuge aus Salt Lake City, Utah (USA). Er ist wenige Wochen danach, am 9. Mai, 86jährig verstorben.

Kuddel gehörte der vierköpfigen jugendlichen Widerstandsgruppe von Lehrlingen um Helmuth Hübener an, die in Hamburg 1941 und 1942 Aufklärungsarbeit gegen Krieg und Faschismus leistete, was den Nazis als »Vorbereitung zum Hochverrat« galt. Mit der Weitergabe von Meldungen des britischen Rundfunks und mit Flugblattaktionen klärte sie die Bevölkerung in den Arbeitervierteln im Osten Hamburgs auf. Die Gruppe geriet in die Fänge der Gestapo, nachdem sie zum Jahresbeginn 1942, in einer Zeit, da der Krieg der Nazis noch »siegreich« war, in einem Flugblatt erklärt hatte:

»Im Jahr einundvierzig wird alles gebrochen.
So hatte der Führer dereinst keck gesprochen.
Jetzt trägt der Soldat für den Irrtum die Leiden,
während Hitler verspricht: »Dies Jahr wird entscheiden!«
Es wird sich entscheiden, wenn alles sich ›rührt‹!
Und dann hat auch Hitler sich auskalkuliert.«

In einem Prozess vor dem Volksgerichtshof in Berlin wurde Helmuth Hübener als jüngster deutscher Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt. Er hatte die Verantwortung für die gesamte Gruppe übernommen. Karl Heinz Schnibbe wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und kam auch nach der Befreiung am 8. Mai nicht frei, sondern geriet unschuldig in amerikanische und sowjetische Kriegsgefangenschaft, obwohl er nicht mehr am Krieg teilgenommen hatte. Er wanderte in die USA aus, kehrte aber immer wieder nach Hamburg zurück, um in Veranstaltungen als Zeitzeuge gegen Krieg und Faschismus zu wirken. Auch in seiner neuen Heimat arbeitete er aufklärend unter der Jugend. Er wirkte dort an Jugendtheaterstücken, Filmen und Büchern mit. Leider haben die deutschen Medien die Hübner-Gruppe weit weniger beachtet als die der USA.

Noch am Vorabend des Tages, da das VVN-Mitglied Karl-Heinz Schnibbe uns verließ, haben wir an ihn gedacht und in zwei Veranstaltungen in Hamburg die Botschaft der jungen Menschen aus Hammerbrook verbreitet, die sich auf keine Gnade der späten Geburt beriefen, sondern mutig ihren Weg gingen. Die Verurteilten waren junge Mormonen, bis auf einen nicht gläubigen Arbeitskollegen. Andere Mitstreiter, die der Verhaftung entgingen, waren Kinder aus kommunistischen Elternhäusern.