Heiliger Kampf gegen Dummheit

geschrieben von Janka Kluge

20. April 2015

Zum Kriminalroman »Der Verdacht« von Friedrich Dürrenmatt

 

Das Buch »Der Verdacht« von Friedrich Dürrenmatt gehört mit zu den ersten literarischen Verarbeitungen des Holocaust. Friedrich Dürrenmatt hat den Roman in den Jahren 1951/1952 in der Zeitschrift »Der Schweizer Beobachter« veröffentlicht. Nach Angaben des Verlags handelt es sich bei dem Buch um einen Kriminalroman. Das stimmt nur teilweise, der Roman hat auch Ansätze zu einer Parabel.

Friedrich Dürrenmatt »Der Verdacht« Diogenes Verlag, Zürich, 8.90 EUR

Friedrich Dürrenmatt »Der Verdacht« Diogenes Verlag, Zürich, 8.90 EUR

Die Geschichte ist schnell erzählt. Der Berner Kommissär Bärlach steht kurz vor der Pensionierung und liegt schwer erkrankt in einem Krankenhaus. Dort liest er in einer alten Ausgabe des Magazins »Life« einen Artikel über einen Arzt aus dem Konzentrationslager Stutthof. Dort hat dieser sadistische Arzt namens Nehle Häftlinge ohne Narkose operiert.

Als der behandelnde Arzt und Freund Bärlachs, Hungertobel, die Photographie auf dem Bett sieht, erbleicht er. Das Foto erinnere ihn an seinen Studienkollegen Emmenberger. Der wanderte 1932 nach Deutschland und später nach Chile aus. Erst nach 1945 sei Emmenberger zurück in die Schweiz gekommen und leite seitdem ein Krankenhaus für reiche Schweizer. Obwohl Hungertobel beteuert, dass es sich bei dem Bild um keinen Fall um seinen Studienkollegen handeln könne, da dieser ja in Chile war, ist dass Misstrauen Bärlachs geweckt und der Verdacht da.

Als ihn sein Vorgesetzter besucht, um ihm seine Pensionierung mitzuteilen, bittet er ihn um einen letzten Gefallen. Er solle beim internationalen Dienst zu Nehle nachfragen, »ob er noch in einem Gefängnis lebe, oder was sonst aus ihm geworden sei« Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Nehle sei am zehnten August 1945 in einem Hamburger Hotel tot aufgefunden worden. Er habe sich, so stand es in den offiziellen Unterlagen, vergiftet.

Kommissär Bärlach gibt sich aber mit dieser Auskunft nicht zufrieden. Er lässt nach einem Holocaustüberlebenden mit dem Namen Gulliver schicken. Hier wird der Kriminalfall zu einer Parabel. Gulliver wurde von Nehle in Stutthof ohne Narkose operiert. Er gehört zu den wenigen, die diese Tortur überlebt haben. Als Belohnung hatte ihm Nele versprochen, ihn in ein anderes KZ verlegen zu lassen. Auf dem Todesmarsch von Stutthof wird er zusammen mit anderen Häftlingen niedergeschossen, überlebt aber schwerverletzt und kann sich retten. Er erzählt Bärlach: » (…) und als ich mich nach Stunden blutüberströmt unter den Flieder verkriechen konnte, der nicht weit davon blühte, so daß mich das Kommando, welches das Ganze zuschaufelte, übersah, habe ich geschworen, von nun an immer diese armselige Existenz eines geschändeten und geprügelten Stücks Vieh zu führen, wenn es schon Gott gefalle, dass wir in diesem Jahrhundert oft wie die Tiere zu leben haben.« Gulliver lebt in Kellern und auf Friedhöfen und reist »in jedes Land wo es noch gemarterte Juden gibt«. Er ist das Abbild des ewig reisenden Juden, der aber gleichzeitig zum Rächer wird.

Im zweiten Teil des Romans begibt sich Bärlach unter falschem Namen in die Klinik von Emmenberger. Davor hat er einen Journalisten, der früher mit seiner Zeitung für eine bessere Welt gekämpft hat, darum gebeten, in einem Artikel zu schreiben, dass die Polizei kurz davor sei, einen verbrecherischen KZ-Arzt zu verhaften, der jetzt in der Schweiz ein Sanatorium für Reiche leitet.

In dem Sanatorium wird er schnell enttarnt. Von dem Wunsch getrieben, den Verbrecher zu verhaften, beginnt er unter Morphium und ans Bett gefesselt zuerst die Ärztin Dr. Marlok und dann Dr. Emminger in Gespräche zu verwickeln. Es entwickeln sich philosophische Gespräche, die auch heute noch spannend zu lesen sind. Die Ärztin Dr. Marlok war früher Kommunistin. »Mein Glaube war groß, so groß, daß ich nicht verzweifelte, als ich in das Elend der russischen Massen einging. (…) Als ich jedoch eines Morgens nach wochenlanger Fahrt in irgendeinem Viehwagen von Sibirien her von russischen Soldaten tief im Winter des Jahres vierzig, mitten in einer Schar zerlumpter Gestalten über eine jämmerliche Holzbrücke getrieben wurde (…) und als uns am anderen Ufer die aus den Morgennebel tauchenden schwarzen Gestalten der SS in Empfang nahmen begriff ich den Verrat.«

Dr. Emminger, der weder Mitglied der NSDAP noch der SS war, betont in seinen Auslassungen: »Ich wagte es, ich selbst zu sein und nichts außerdem, ich gab mich dem hin was mich frei machte, dem Mord und der Folter, denn wenn ich einen anderen Menschen töte (::) wenn ich mich außerhalbjeder Menschenordnung stelle, die unsere Schwäche errichtete, werde ich frei.«

Friedrich Dürrenmatt hat seine eigene Anschauung Bärlach in den Mund gelegt, als dieser sagt: »Der Kampf gegen die Dummheit und des Egoismus der Menschen war seit jeher schwer und kostspielig, und mit Armut verbunden und mit der Demütigung, aber er ist ein heiliger Kampf, der nicht mit jammern, sondern mit Würde ausgefochten werden muss.«

Es sei noch gesagt, dass der Roman am Schluss gutausgeht, Gulliver taucht, durch die Fragen von Bärlach alarmiert, im Spital auf und bringt Emminger und Marlok um. Ein interessantes Zeitdokument- auch für heutige Leser.