Wer ist Höcke?
8. März 2026
Eine neue Biografie seziert Strategie, Netzwerk und Ideologie des Thüringer AfD-Politikers
Im Herbst 2025 erschien eine Höcke-Biografie des Journalisten Frederik Schindler. Schindler recherchiert seit 2018 zur AfD und ihren Protagonisten, seit 2021 arbeitet er bei Springer insbesondere für die verschiedenen Formate von Welt. In seinem Buch versucht er, Ideologie, Karriereweg und Kommunikationsstrategie von Björn Höcke systematisch offenzulegen – und liefert damit Material für alle, die sich ernsthaft mit der extrem rechten Formierung auseinandersetzen wollen.
Besonders aufschlussreich ist Schindlers Blick auf Höckes frühe Jahre im Schuldienst. Zwischen 1999 und 2001 absolvierte er sein Referendariat am Goethe-Gymnasium im hessischen Bensheim, anschließend wechselte er an eine integrierte Gesamtschule im rund 40 Kilometer entfernten Groß-Gerau. Dort galt er als engagierter Lehrer, insbesondere im Sportunterricht, und als jemand, der für Schüler:innen ansprechbar war. Parallel jedoch verfolgte er ehrgeizigere Pläne: Ab dem Wintersemester 2002/2003 studierte er im Fernstudium Schulmanagement an der TU Kaiserslautern, mit dem Ziel, Schulleiter zu werden.
Rückblickend äußerte Höcke später, viele Schüler – »viele mit Migrationshintergrund« – seien für seine Bildungsanliegen, insbesondere die »Weitergabe deutscher und europäischer Kulturtraditionen«, nicht erreichbar gewesen. Bereits hier zeigt sich ein ethnisch-kulturalistisches Denken, das sich später politisch radikalisieren sollte.
Kurz vor dem Ende seiner Zeit im Schuldienst kam es zu einem Eklat: Ein Kollege entdeckte in einer Sportumkleide einen Artikel über die Kapitulation der Wehrmacht und die Befreiung Deutschlands – versehen mit handschriftlichen Anmerkungen Höckes. Alarmiert informierten Lehrkräfte die Schulleitung. Höcke reagierte mit einer im Kollegium verbreiteten Erklärung. Darin argumentierte er, man könne »ohne Besitz von Zusatzinformationen vielleicht einen falschen Schluss« aus Text und Kommentierung ziehen; Eingeweihte wüssten um den Kontext, es handle sich um einen Teil einer privaten Korrespondenz. Ein frühes Beispiel jener Kommunikationsstrategie, die Schindler später detailliert analysiert.

Frederik Schindler: Höcke – Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht. Herder Verlag, 2025, 272 Seiten, 22 Euro
Ein zentrales Kapitel widmet sich der rhetorischen Technik des sogenannten Dog-Whistling. Der Begriff beschreibt codierte Botschaften, die für ein breites Publikum harmlos klingen, für Eingeweihte jedoch klare ideologische Signale senden. Wie eine Hundepfeife: für die meisten unhörbar, für die Adressierten eindeutig. Anhand von elf Beispielen arbeitet Schindler heraus, wie systematisch Höcke diese Strategie einsetzt. Wiederkehrende Motive sind NS-Anspielungen sowie Narrative einer angeblichen »globalen Elite«, die demokratische Prozesse steuere – klassische Versatzstücke antisemitischer Verschwörungsideologie. Ein Beispiel: Im Februar 2025 teilte Höcke einen Beitrag des rechten PI-Blogs. Darin schrieb der Autor Eberhard Hamer, die USA würden nicht demokratisch regiert, sondern von »Hochfinanzgruppen« beherrscht. Höcke ergänzte, politische Akteure bereiteten sich offenbar auf eine Eskalation bis hin zum »Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems« vor. Die Chiffre von »Eliten«, »Hochfinanz« und »globaler Steuerung« ist historisch tief in antisemitischen Weltverschwörungsmythen verwurzelt. Auch in jüngeren Reden – etwa in Düsseldorf Ende Februar – greift Höcke diese Rhetorik erneut auf. Schindler ordnet diese Begriffe als modernisierte Variante der Erzählung von einer »jüdischen Weltverschwörung« ein.
Öffentliche Aufmerksamkeit erregte Höcke auch durch die Verwendung der SA-Parole »Alles für Deutschland«. Vor Gericht erklärte der studierte Geschichtslehrer, ihm sei nicht bewusst gewesen, dass es sich um eine verbotene Losung handele, die unter anderem auf den Dolchen der SA eingraviert war. Nach seiner Verurteilung zu einer Geldstrafe wegen des Verwendens einer verbotenen Parole griff er die Formel dennoch erneut auf – unter anderem in einer Rede im Thüringer Landtag im Rahmen eines Misstrauensvotums gegen Ministerpräsident Mario Voigt Anfang Februar 2026. Höcke selbst formulierte die politische Stoßrichtung offen: Es gehe darum, die »Grenze des Sagbaren« strategisch zu verschieben. Tabubrüche sind dabei kein Ausrutscher, sondern Methode.
Ein weiteres starkes Kapitel widmet sich dem ideo-logischen Umfeld. Höcke ist regelmäßig zu Gast im sachsen-anhaltischen Schnellroda und pflegt engen Austausch mit Götz Kubitschek, einem der wichtigsten Stichwortgeber der sogenannten Neuen Rechten. Das von Schindler skizzierte Netzwerk liest sich wie ein Who’s Who rechter Ideologen, Publizisten und Aktivisten. Hier verbinden sich parlamentarische AfD-Politik, metapolitische Strategien und intellektuelle Selbstvergewisserung.
Wer Björn Höcke politisch entgegentreten will, muss seine Ideologie, seine Sprache und sein strategisches Vorgehen verstehen. Die Biografie von Frederik Schindler liefert dafür eine faktenreiche Grundlage. Für antifaschistische Praxis bedeutet das: Analyse ist keine akademische Fingerübung, sondern Voraussetzung wirksamer Gegenwehr.


























