Erinnerung in Bewegung
8. März 2026
Gegen Ritualisierung und rechte Instrumentalisierung
Nachdem in der antifa-Januar-/Februarausgabe bereits »Gedenken neu denken«, die Neuerscheinung von Susanne Siegert, besprochen wurde, sei hier nur knapp daran erinnert, dass auch sie – aus der Perspektive einer jüngeren Generation – für eine aktivierende und inklusive Erinnerungskultur plädiert. Im Vergleich dazu argumentiert Wolfgang Benz stärker historisch-systematisch und mit dem Gewicht jahrzehntelanger Forschungserfahrung.
Wolfgang Benz, Historiker, war leitender Antisemitismusforscher an der TU Berlin und wirkt in verschiedenen Beiräten von KZ-Gedenkstätten mit. In »Zukunft der Erinnerung« schreibt er mit Vehemenz gegen die Ritualisierung der Erinnerung und des Gedenkens an. Sein Anliegen ist es, die Erinnerungsarbeit gegen politische Instrumentalisierung zu verteidigen. Mit großer Schärfe kritisiert Benz Rechtsradikale, insbesondere Funktionäre und Mandatsträger der AfD. »Die Äußerungen von Funktionären und Mandatsträgern in der Öffentlichkeit bilden ein Quodlibet (Mischmasch H. F.) von Nationalkonservativen, vulgär-patriotischen, völkisch-rassistischen, islamfeindlichen und antidemokratischen Stimmen« (S. 93). Benz verweist dabei etwa auf Höckes pöbelnde Aussprüche gegen die NS-Erinnerungskultur: Deutschland sei, so Höcke, »das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt« (ebenda) habe.
Benz warnt auch vor der Tradierung von Parolen wie »Stolz, deutsch zu sein« (S. 92) und folgert: »Aggression, die sich als Defensive ausgibt, kennzeichnet auch die Manifestationen von Nationalstolz der äußersten Rechten. Rechtsextreme Interessen haben einen Trend ausgemacht, der darauf zielt, die ›nationale Normalisierung der Deutschen durch kollektive Schuldgefühle und schlechtes Volksgewissen zu verhindern‹. Solches argwöhnen Deutschnationale« (S. 106). Sehr lesenswert sind zudem seine kritischen Ausführungen über die politische Instrumentalisierung von Holocaust und Antisemitismus.

Wolfgang Benz: Zukunft der Erinnerung. Das deutsche Erbe und die kommende Generation. dtv Verlagsgesellschaft, München 2025, 240 Seiten, 20 Euro
Breiten Raum nimmt die Darstellung der Geschichte der NS-Diktatur und der Nach-Holocaust-Geschichte in DDR und BRD ein – einschließlich der fortwährenden Judenfeindlichkeit nach 1945: »Willkommen waren sie nirgendwo« (S. 76). Differenziert problematisiert Benz auch das »erstarrte Ritual« des Gedenkens an den 20. Juli 1944: »Deklamationen und Kranzablage durch politische Prominenz« (S. 65).
Ausgesprochen umfangreich widmet er sich der Frage des Verhältnisses zwischen Zeitzeugen und Historikern. Dabei beschreibt er die Spannung zwischen Zeitzeugenschaft und Geschichtswissenschaft als Konflikt zwischen »erlittenem Leid« und vermeintlich »seelenloser Wissenschaft« (S. 185). Benz plädiert dafür, beides nicht gegeneinander auszuspielen, sondern produktiv zu verbinden.
Sein Buch richtet sich besonders an die nachwachsenden Generationen. »Das Erinnern setzt Selbstbewusstsein voraus« (S. 33), schreibt er. Und weiter: »Wie also interessiert man junge Menschen für die Geschichte des Nationalsozialismus? Man muss die Enkel ernst nehmen. Das bedeutet, dass man ihnen die Mühen der Beschäftigung zumutet (…) Die Botschaft der Zeitzeugen kann einen Zugang eröffnen, der genutzt werden muss. Aber dann folgt Arbeit, die unter Anleitung selbst zu leisten ist« (S. 215). »Zukunft der Erinnerung« ist damit nicht nur eine Intervention gegen geschichtspolitische Relativierungen von rechts, sondern auch ein Plädoyer für eine selbstkritische, reflektierte und aktive Erinnerungskultur. Benz’ Erfahrung als Historiker verleiht seiner Argumentation Nachdruck und analytische Schärfe – und macht das Buch zu einer wichtigen Stimme in der aktuellen Debatte um die Zukunft des Gedenkens.


























