Kämpfe immer verbunden
8. März 2026
Zur Ausstellung zu Rom*nja und Sinti*zze nach 1945. Ein Gespräch mit Jane Weiß
antifa: Im November 2025 wurde die Ausstellung »Widerstand und Würde – Verbundene Kämpfe von Rom*nja und Sinti*zze nach 1945« im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum in Berlin eröffnet. Wie kam es dazu, und was war euch inhaltlich besonders wichtig?
Jane Weiß: Die Ausstellung wurde vom Museum initiiert und gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen erstellt. Für uns ist sie ein wichtiger Teil unserer Arbeit bei RomaniPhen e. V., bei der es darum geht, Wissen rassismuskritisch und mit verändertem Blick aufzubereiten und der Öffentlichkeit, vor allem aber auch unserer Community, zur Verfügung zu stellen. Aus dem Material und unserer Zusammenarbeit haben sich vier Schwerpunkte ergeben: Kämpfe um Erinnerung, Anerkennung, Bleiberecht und feministisches Empowerment (Romnja*-Power). Eine Besonderheit unserer Ausstellung ist, dass wir BRD und DDR immer gleichwertig in den Blick nehmen. Meistens wird die DDR als Fußnote behandelt und dann auch wenig kenntnisreich. Außerdem war es uns sehr wichtig, Geschichte und Gegenwart zu verbinden.
antifa: Was ist die inhaltliche Klammer zwischen den verschiedenen Themenschwerpunkten?

Jane Weiß (Foto: Sven Bargelt) ist Erziehungswissenschaftlerin und Mitbegründerin von RomaniPhen e. V. Gemeinsam mit Isidora Randjelović, Cecilia Bösche und Danna Marshall war sie Teil des Kurator*innen-Teams. Die Ausstellung ist ein Ko-operationsprojekt von fhxb-Museum, RomaniPhen e. V., Roma Center e. V. und Roma Antidiscrimination Network. Sie ist noch bis zum 10. Mai im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum zu sehen.
J. W.: Sie wird in der Überschrift der Ausstellung: »Widerstand und Würde« deutlich. Das sind die beiden Themen, um die es immer geht: Widerstand zu leisten und sich dabei Würde zu bewahren. Oft wird versucht, diesen Widerstand zu spalten, aber die Kämpfe von Rom*nja und Sinti*zze nach 1945 in Deutschland waren und sind immer verbunden gewesen. Die Themen haben sich verändert, aber vieles ist gleich geblieben. Es geht um den generellen Kampf um Anerkennung als Bestandteil dieser Gesellschaft, um die Gewährung von Menschenrechten und von Bürger*innenrechten. Das ist bis heute so.
antifa: Wie habt ihr die Ausstellung erarbeitet?
J. W.: Wir haben uns die gesamte Thematik unter verschiedenen Aspekten angeschaut. Welche politischen Bewegungen gab es nach 1945, und von wem wurden sie getragen? Was waren die Themen? Welche Formen hatten die Proteste und welche Ziele? Es gab Hungerstreiks, den Bettelmarsch, Demos und Besetzungen von Gedenkstätten. Dabei ging es um die Herausgabe von Akten, Materialien zur Verurteilung von Täter*innen, Anerkennung von Staatsbürgerschaften und das Thema Bleiberecht. Neben vielen Einzelpersonen gab es politische Organisationen. Am bekanntesten ist der Zentralrat der Roma, der frühzeitig für Rechte eingetreten ist und sehr viel erkämpft hat. Es gibt aber auch weniger bekannte, wie die Rom und Cinti Union aus Hamburg, die seit den 1980er-Jahren aktiv waren.
Es kristallisierte sich heraus, dass wir vor allem die noch weniger bekannten Geschichten in den Mittelpunkt stellen wollten, da gerade der Anteil von Frauen* oder queeren Personen in politischen Bewegungen immer unterrepräsentiert ist. Es gab einen legendären Rom*nja-Kongress in Köln im März 1996. Das sind die Schultern, auf denen wir heute stehen, und trotzdem ist das wenig bekannt, auch in unseren eigenen Bewegungen.
antifa: Was waren besondere Herausforderungen?
J. W.: Dass die Thematik wenig bekannt ist und es wenig Forschung dazu gibt. Ein großes Problem war, dass wir kaum Material zur Verfügung hatten, da es nur wenig communitybasiertes und rassismuskritisch aufbereitetes Material gibt. Von vielen Aktionen gibt es keine Fotos, weil die Aktiven selbst es gar nicht im Blick hatten, ihre eigene Arbeit gut zu dokumentieren.

Foto: Ausstellungseröffnung am 30.11.2025 (Foto: Maxi Schneider)
Deswegen mussten wir viel graben und suchen. Viele Quellen haben wir selbst erschlossen. Zusätzlich haben wir neue erzeugt, indem wir Interviews mit Zeitzeug*innen geführt haben, die jeweils aus verschiedenen Communities und Generationen kommen und doch in ihren Kämpfen verbunden sind. Außerdem hatten wir das Glück, auf ein Community-basiertes Projekt zum Leben von Sinti in der DDR zurückgreifen zu können, das ich zusammen mit Joschla Weiß gestalte. Sonst hätten wir kaum Ausstellungsobjekte gehabt.
antifa: Welche Reaktionen erreichen euch bisher, und was sollen Besucher*innen aus der Ausstellung auf jeden Fall mitnehmen?
J. W.: Wir haben bisher sehr gute Reaktionen bekommen, und laut Museum ist die Ausstellung auch recht gut besucht. Es gab mehr Anfragen für Führungen, als wir oder das Museum leisten könnten. Und es gibt auch den Wunsch nach einer Mobilität der Ausstellung. Das war bislang nicht geplant und ist nicht so leicht umzusetzen, aber wir denken darüber nach. Natürlich fände ich es auch persönlich sehr schön, wenn nicht im Mai einfach alles abgebaut wird. Denn es war wirklich wahnsinnig viel Arbeit.
Wir wünschen uns, dass die Menschen offenen Geistes und offenen Herzens in die Ausstellung gehen und auf sich wirken lassen, wie unsere Communities nach 1945 im Angesicht eines überlebten NS-Völkermordes gezwungen waren, letztlich weiterhin um ihr Überleben zu kämpfen. Sie haben Schritt für Schritt Widerstand geleistet, um Anerkennung und Erinnerung gekämpft und dabei eigene Wege des Überlebens nach 1945 gefunden.
RomaniPhen e. V. ist ein Verein für die Selbstorganisation von Romnja* und Sintizze*. Er ist feministisch, rassismuskritisch und empowernd im Bildungsbereich, in der Wissens- und Kulturproduktion aktiv. Der Verein stellt die feministische Mädchenarbeit, romani bezogene Veranstaltungen sowie Vernetzung von Aktivist*innen sowie die Wertschätzung und Verbreitung von romani-Wissensbeständen ins Zentrum seiner Arbeit.
Das Gespräch führte Maxi Schneider.


























