Extreme Rechte und Betrieb

geschrieben von Stefan Dietl

8. März 2026

AfD-Listen bei den Betriebsratswahlen

Bei den anstehenden Betriebsratswahlen werden die extrem rechte Pseudogewerkschaft »Zentrum« und andere AfD-nahe Listen erneut versuchen, den Gewerkschaften des DGB auf ihrem ureigensten Feld Konkurrenz zu machen: in der betrieblichen Interessenvertretung. Betrachtet man die aufgeregte Berichterstattung der vergangenen Jahre über die Bemühungen der extremen Rechten, sich betrieblich zu verankern, könnte man annehmen, man hätte es mit einer faschistischen Übernahme der Betriebe zu tun. Von der Unterwanderung der Gewerkschaften und der Betriebsräte ist häufig die Rede und von einem »rechten Durchmarsch« in den Unternehmen.

Tatsächlich halten sich die Erfolge der extremen Rechten bei der Etablierung betrieblicher Strukturen derzeit noch in engen Grenzen. Bisher ist es Zentrum und Co. nicht gelungen, das auch in Teilen der Arbeiter:innenschaft vorhandene reaktionäre Potenzial abzurufen und in Betriebsratsmandate zu übersetzen. AfD-nahe Betriebsratslisten finden sich bisher nur in wenigen größeren Betrieben, in ausgewählten Branchen und mit klaren regionalen Schwerpunkten. Wenige umtriebige Einzelpersonen sorgen für öffentliche Wahrnehmung.

Eine wirkliche faschistische Strategie zur Eroberung der Betriebe existiert derzeit höchstens im Wunschdenken einiger völkischer Möchtegern-Arbeiterführer. Für die AfD, wie auch die extreme Rechte insgesamt, ist die Arbeitswelt weiterhin ein Nebenschauplatz. Sind die alternativen Listen und die Pseudogewerkschaft Zentrum also nur ein Medienhype? Können die Gewerkschaften des DGB den anstehenden Betriebsratswahlen entspannt entgegenblicken? Mitnichten.

Zum einen ist jeder einzelne faschistische Betriebsrat schon einer zuviel. Bereits ein Einzelner kann die Stimmung im Betriebsratsgremium grundlegend verändern und eine wirksame Interessenvertretung – die zumindest auf ein rudimentäres Vertrauensverhältnis im Gremium angewiesen ist – massiv erschweren. Zudem trägt die Wahl organisierter Faschist:innen in betriebliche Interessenvertretungen zur Akzeptanz und Normalisierung extrem rechter Positionen im Betrieb bei.

Noch sind die personellen und finanziellen Ressourcen der extremen Rechten in Betrieben überschaubar, und sie ist vor allem in Branchen mit relativ hohem Organisationsgrad und handlungsfähigen gewerkschaftlichen Strukturen, wie der Automobilindustrie, aktiv. Die Ausweitung auf weniger gut organisierte Bereiche könnte langfristig erfolgreich sein. Nicht zuletzt die Wahlerfolge der AfD unter Lohnabhängigen – gerade unter Gewerkschafter:innen – zeigen, wie groß das Potenzial für nationalistische und rassistische Propaganda in den Betrieben ist, das bisher von Zentrum und Co. noch nicht abgerufen werden konnte.

In der gewerkschaftlichen Debatte findet zu wenig Beachtung, dass die eigentliche Gefahr nicht von außen über die Gewerkschaften hereinbricht. Die meis-ten Betriebs- und Personalräte mit Sympathien für die AfD oder gar einem AfD-Parteibuch werden auch bei den anstehenden Wahlen nicht über rechte Listen gewählt werden, sondern kandidieren auf den Listen der DGB-Gewerkschaften. Für viele von ihnen ist der Einsatz für die Belange ihrer Kolleg:innen und für ihre Gewerkschaft kein Widerspruch zur Wahl einer rassistischen und nationalistischen Partei, wie auch insgesamt für Gewerkschaftsmitglieder die Wahl der AfD nicht im Gegensatz zu ihrem gewerkschaftlichen Engagement steht.

Wir sollten uns dagegen auf unser gewerkschaftliches Selbstverständnis besinnen. Als DGB-Gewerkschaften verstehen wir uns – auch wenn wir diesem selbstgesetzten Anspruch nicht immer genügen – als die Interessenvertretung aller, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind. Egal woher sie kommen, egal woran sie glauben, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht. Für uns ist einzig und allein relevant, dass sie bereit sind, sich mit uns zur kollektiven Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen zusammenzuschließen. Das ist unsere Leitidee, unsere gewerkschaftliche DNA.

Soll dieses Prinzip nicht zur leeren Phrase verkommen, muss es allerdings mit Leben gefüllt werden. Es muss uns gelingen, diesen gewerkschaftlichen Kerngedanken tatsächlich in der breiten Mitgliedschaft und unseren Gremien zu verankern. Letztlich muss jedem, der auf einer gewerkschaftlichen Liste für eine betriebliche Interessenvertretung kandidiert, jedem, der uns in einer Tarifkommission vertritt, jedem, der sich gemeinsam mit uns organisiert, klar sein, dass er dies auf der Basis dieses gewerkschaftlichen Selbstverständnisses tut.

Der von AfD, Zentrum und Co. propagierte völkische Nationalismus steht dem gewerkschaftlichen Organisationsprinzip diametral entgegen. Völkischer Nationalismus geht deshalb immer mit einer Gegnerschaft zu den Gewerkschaften einher. Der extremen Rechten geht es mit ihren Versuchen, betrieblich Fuß zu fassen, um mehr als um den Aufbau einer Konkurrenzgewerkschaft. Das eigentliche Ziel ist die Zerschlagung des DGB und der in ihm zusammengeschlossenen Gewerkschaften. Antifaschismus ist daher mehr als eine moralische Verpflichtung oder ein Nebenaspekt unserer gewerkschaftlichen Arbeit. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes existenziell.

Stefan Dietl ist Gewerkschafter bei ver.di und Publizist.

Der Text ist eine redaktionell gekürzte Fassung eines Beitrags aus der Januarausgabe von Express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Siehe www.express-afp.info. Wir danken Autor und Redaktion für die Genehmigung zum Abdruck.