Denkmal für deutsche Antifaschisten
4. Mai 2026
Griechische Dokumentation über den Widerstand in den 999er Strafbataillonen
»Ich bin kein Linker, ich bin Kommunist«, stellt Kostas Stamatopoulos gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Der 40-jährige Regisseur aus Athen hat seinen antifaschistischen Genossen in der deutschen Wehrmacht mit einem 91-minütigen Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt. Und das im Sinne des Wortes: Immer wieder ist in kurzen Zwischenschnitten der Bau einer Stele der Erinnerung an acht deutsche Widerstandskämpfer zu sehen, die im Juni und Juli 1944 von den Nazis in der griechischen Provinzstadt Amaliada und dem Umland hingerichtet worden sind.
Der Widerstand von Demokraten, Sozialisten und Kommunisten in der deutschen Wehrmacht, die von 1941 bis 1944 Griechenland besetzt hatte und dort zahlreiche Kriegsverbrechen beging, ist ein wenig bekanntes Kapitel des Antifaschismus. Denn im Westen Deutschlands galten solche Kämpfer auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus meist als Landesverräter und wurden erst 2009 juristisch rehabilitiert. Im Osten hatten manche von ihnen hingegen Heldenstatus. In Griechenland waren diese deutschen Antifaschisten ein geachteter Teil, wenngleich doch eher ein Randaspekt des »nationalen Widerstands« gegen die Nazibesatzer.
Ab 1942 rekrutierten die Nazis Kriminelle sowie politische Gegner aus dem demokratischen und linken Spektrum zwangsweise in Straf- oder auch Bewährungsbataillonen, um sie an verschiedenen Kriegsschauplätzen als Zwangsarbeiter und Kanonenfutter einzusetzen – ungeachtet des »blauen Scheins«, mit dem ihnen »Wehrunwürdigkeit« attestiert wurde. »Die Vernichtung des politischen Gegners war dabei Programm«, sagt ein Zeuge im Dokumentarfilm. Die Strafbataillone umfassten bis zu 30.000 Mitglieder, im Schnitt je zu einem Drittel Kriminelle, Politische und gewöhnliche Soldaten.
Sie erlebten in Griechenland eine immer stärker werdende Widerstandsbewegung, in der Kommunisten großen Einfluss hatten. Das entging den zwangsrekrutierten Antifaschisten in der Wehrmacht nicht, es kam zu freundschaftlichen Kontakten, Zusammenarbeit, und etliche liefen auch zu den griechischen Genossen über. Bekannteste Beispiele sind der »Partisanenprofessor« Wolfgang Abendroth, der auf den Inseln Limnos und Lesbos mit dem griechischen Widerstand zusammenarbeitete und schließlich gänzlich die Seiten wechselte, sowie Falk Harnack, Mitbegründer des »Antifaschistischen Komitees Freies Deutschland« (AKFD). Es fand seine Entsprechung im »Verband deutscher Antifaschisten auf der Peloponnes«, zu dessen Leitfiguren der Berliner Kommunist Werner Illmer gehörte. Er ist auf der Gedenkstele auf dem Kazanzakisplatz in Amaliada abgebildet, und sein Name wird darauf wie die seiner sieben durch Verrat aufgeflogenen und in Sommer 1944 ebenfalls dort und in der Nähe hingerichteten Mitkämpfer genannt: Hermann Bode, Willi Dehmel, Johann Juchelka, Rudolf Kalb, Franz Scheider, Heinz Steyer und Hinrich Warnken.

Filmplakat zum Dokumentarfilm
Auf viel Interesse ist der Film »Strafbataillon 999« seit Mai 2025 in Griechenland gestoßen. Mehrfach mussten zusätzliche Kinovorführungen organisiert werden, und im Publikum waren überraschend viele Besucher und Besucherinnen jugendlichen und mittleren Alters. Inzwischen gibt es den Film auch mit deutschen Untertiteln. Bislang war er aber in Deutschland nur an wenigen ausgewählten Orten zu sehen. Eine weitere Verbreitung ist in Arbeit.
»Das Gedenken ist lebendig geblieben«, sagt der deutsche Journalist und Historiker Eberhard Rondholz in der Dokumentation. Und »bemerkenswert war die Reaktion der den Partisanen nahestehenden griechischen Bevölkerung von Amaliada«, schreibt der Braunschweiger Justizhistoriker Helmut Kramer In einer Gedenkschrift für Hermann Bode. »Es kam zu Sympathiebekundungen mit Flugblättern und einem an dem Massengrab der Ermordeten niedergelegten Kranz. Bald war der Friedhof ein Blumenmeer, mit einem Transparent: Unseren deutschen Helden als letzten Gruß«.
»Es wäre gut gewesen, dieses Grab als Gedenkstätte an Ort und Stelle zu belassen«, meint Kostas Stamatopoulos. Dem stehen allerdings die Kriegsgräberpolitik der Bundesrepublik Deutschland und Abkommen mit Griechenland entgegen. Dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde die Aufgabe zuteil, Gräber von Kriegsopfern zu identifizieren, zu sichern und in Gedenkstätten zusammenzuführen. So sind in Griechenland der Friedhof von Maleme auf Kreta und der 1975 eingeweihte Friedhof von Dionyssos-Rapendoza mit fast 10.000 Gräbern entstanden. Dorthin haben Beauftragte des Volksbundes die Gebeine der sechs am 9. Juni 1944 hingerichteten deutschen Antifaschisten umgebettet. Auch die Gebeine von Heinz Steyer und nicht eindeutig identifizierbare Überreste von Werner Illmer sind dorthin gebracht worden.
Dort ruhen sie nun für die rechtlich vorgeschriebene Ewigkeit umgeben von etlichen Nazis, ohne dass ihr antifaschistisches Wirken vor Ort in irgend einer Weise dokumentiert wäre, in denkbar schlechter Gesellschaft: Unter anderem sind dort die sterblichen Überreste des am 20. Mai 1947 im Lager Haidari bei Athen zusammen mit General Bruno Bräuer hingerichteten Generals Friedrich-Wilhelm Müller, bekannt als »Schlächter von Kreta«, und auch die von Josef Salminger, als leitender Offizier der Wehrmacht unter anderem verantwortlich für das Massaker in Kommeno, beigesetzt worden. Es gibt ein Foto, auf dem Christos Pappas, einst Vize der inzwischen verbotenen rechtsradikalen Partei »Chrysi Avgi« und zu 13 Jahren Haft verurteilt, mit Hakenkreuzarmbinde und zum Hitlergruß ausgestreckter Hand neben der Tafel am Eingang posiert.



























