Bauhaus und die Nazis
4. Mai 2026
Im Spannungsfeld von Anpassung, Widerstand und Kollaboration
Die neue Studie der renommierten Bauhaus-Forscher:innen Anke Blümm, Elizabeth Otto und Patrick Rössler widmet sich einem ebenso komplexen wie lange Zeit nur unzureichend beleuchteten Kapitel der Kunstgeschichte und ihrer Historiografie¹. In 16 Beiträgen untersucht sie das Verhältnis des Bauhauses zum deutschen Faschismus. Sieben Beiträge befassen sich mit den »rechtsnationalen Gegnern« des Bauhauses, weitere sieben mit der »Bauhaus-Community unter dem Nationalsozialismus«, also den Lebenswegen (ehemaliger) Mitglieder nach der Machtübertragung an die Nazis 1933. Alle Beiträge stellen indirekt die zentrale Frage nach Anpassung, Widerstand und individueller Verantwortung.
Den Autor:innen gelingt es, ein differenziertes Bild der Bauhäusler:innen zu zeichnen, das sich bewusst vorschnellen moralischen Urteilen entzieht. Statt die Akteur:innen pauschal als Opfer oder Mitläufer:innen einzuordnen, arbeiten sie die Vielschichtigkeit ihrer Entscheidungen heraus. Einige emigrierten früh und setzten ihre Arbeit im Exil fort, andere versuchten, Widerstand gegen die Nazis zu leisten, etliche arrangierten sich mit dem System, während wenige aktiv in den Strukturen des NS-Staates Karriere machten. Diese Bandbreite verdeutlicht, dass es »die« Bauhaus-Reaktion auf den deutschen Faschismus nicht gab. Vielmehr muss der – nicht zuletzt von Walter Gropius (1883–1969), dem ersten Bauhausdirektor, gezielt konstruierte – Mythos vom »guten« Bauhaus, das ins Exil gezwungen wurde und seine Ideen von dort aus in die Welt trug, kritisch hinterfragt werden.
Hervorzuheben ist die methodische Herangehensweise der Autor:innen. Sie stützen ihre Analysen auf umfangreiche Archivarbeit, Briefe, Personalakten und zeitgenössische Veröffentlichungen. Dadurch entsteht eine quellengestützte Darstellung, die nicht nur bekannte Persönlichkeiten – etwa Wassily Kandinsky, die einzige weibliche Bauhaus-Meisterin Gunta Stölzl (1897–1983) oder Wilhelm Wagenfeld (1900–1990) – berücksichtigt, sondern auch weniger prominente Bauhäusler:innen sichtbar macht. Diese Breite trägt wesentlich zum Erkenntnisgewinn bei. Dass etwa Mies van der Rohe (1886–1969) Anfang 1933 – wenn auch erfolglos – über die Bedingungen einer Fortführung des Bauhauses verhandelte oder Herbert Bayer (1900–1985) und Walter Gropius Deutschland erst verließen, als sie keine Aufträge mehr erhielten, war bereits zuvor bekannt.

Anke Blümm, Elizabeth Otto, Patrick Rössler (Hg.): »… ein Restchen alter Ideale«. Bauhäuslerinnen und Bauhäusler im Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 352 Seiten, 130 z. T. farb. Abbildungen, 36 Euro
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, inwiefern die am Bauhaus entwickelten ästhetischen Ideen im »Dritten Reich« weiterwirkten oder bewusst verdrängt wurden. Mehrere Beiträge zeigen, dass bestimmte funktionalistische Gestaltungsprinzipien durchaus Anschlussmöglichkeiten boten, auch wenn die ideologische Grundlage des Bauhauses im klaren Widerspruch zur Weltanschauung der Nazis stand. Diese Ambivalenz wird überzeugend herausgearbeitet und regt dazu an, die Beziehung zwischen Moderne und Diktatur neu zu überdenken.
Kritisch anzumerken ist, dass der Zugang zum Thema für Leser:innen ohne Vorkenntnisse zur Bauhaus-Geschichte nicht ganz leicht sein dürfte. Zugleich liegt gerade in der Detailtiefe eine der großen Stärken des Buches, da es eine differenzierte und fundierte Betrachtung bietet und inhaltlich in vielerlei Hinsicht Neuland betritt².
Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur »Aufarbeitung« der Geschichte des Bauhauses im 20. Jahrhundert. Es erweitert die Perspektive über die oft idealisierte Darstellung der Schule hinaus und konterkariert damit die im Bauhaus-Jubiläum 2019 vertretene hegemoniale Lesart. Damit ist es nicht nur für Kunsthistoriker:innen relevant, sondern für alle, die sich für die Verflechtung von Kunst und Geschichte interessieren – nicht nur im Hinblick auf das Bauhaus oder den Nationalsozialismus.
1 Die Studie geht auf eine Fachtagung im Mai 2023 am Goethe-Nationalmuseum in Weimar zurück, siehe hsozkult.de/searching/id/event-135614. Zum Thema vgl. auch die Ausstellungspublikation von Anke Blümm, Elisabeth Otto, Patrick Rössler (Hg.): Bauhaus und Nationalsozialismus, München 2024. Laut dieser Publikation wurden 24 Angehörige des Bauhauses von den Nationalsozialisten ermordet oder kamen auf der Flucht ums Leben (S. 231). Auf der Grundlage von Daten der Forschungsstelle für Biografien ehemaliger Bauhaus-Angehöriger an der Universität Erfurt (https://bauhaus.community) waren Mitte 2024 bei 188 Bauhäusler:innen NSDAP-Mitgliedschaften nachweisbar, darunter 18 Frauen; 15 traten der SA, 14 der SS bei (S. 75–77; Doppelmitgliedschaften möglich). Das entspricht nahezu einem Sechstel aller jemals am Bauhaus tätigen Personen.
2 Vgl. auch Wolfgang Thöner, Florian Strob und Andreas Schätzke (Hg.): Linke Waffe Kunst. Die Kommunistische Studentenfraktion am Bauhaus, Basel 2022



























