Erfolge, Fehler und Widersprüche
4. Mai 2026
Eine weitere Thälmann-Biografie
Der Autor Ronald Friedmann hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, eine ausgewogene Thälmann-Biografie zu schreiben. Er gliedert sein Buch weitgehend chronologisch in umfangreiche Abschnitte und fügt zum besseren Verständnis fünf Exkurse hinzu.
In der Einleitung schreibt der Autor, dass mit dem Wirken Ernst Thälmanns der deutsche Parteikommunismus entscheidend geprägt wurde. Mit seinem Namen sind die politischen Erfolge der Partei in der Weimarer Republik, aber auch die Fehler der KPD verbunden. Dennoch resümiert er, dass Thälmann nicht allein die Schuld am Scheitern der KPD trägt, da er und die Partei fest in die Kommunistische Internationale eingebunden waren. Friedmann erläutert, dass die Biografie Antworten auf zahlreiche offene Fragen zur Geschichte der KPD und der Weimarer Republik geben kann.
Er schildert ausführlich, dass Thälmann früh die Bedeutung der Gewerkschaft erkannte und 1904 Mitglied des freigewerkschaftlichen Generalverbandes wurde, der 1907 zum Deutschen Transportarbeiter-Verband wurde. Er blieb 27 Jahre Mitglied, bis zu seinem Ausschluss 1931. Bereits 1903 war er der SPD beigetreten, vermutlich angeregt durch den Wahlkampf von August Bebel in Hamburg. Unmittelbar nach seinem Eintritt beteiligte er sich aktiv am politischen Kampf der Hamburger SPD. Maßgeblichen Einfluss auf seine Entwicklung hatte Rosa Luxemburg.
Die Leser erfahren, dass die Hamburger Politische Polizei 1906 einen Vorgang über Thälmann anlegte. Eine kurze Erwähnung gilt seinem Militärdienst, den er zunächst als »dienstunbrauchbar« beendete. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seiner Einberufung begann jedoch ein prägender Lebensabschnitt.

Ronald Friedmann: »Wenn Moskau das so will …«. Eine Ernst Thälmann Biografie. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2025, 517 Seiten, 44,80 EUR
Eindrucksvoll schildert Friedmann die Einberufung 1914 und benennt als Grund auch Thälmanns politische Aktivitäten gegen den Krieg. Gestützt auf Dokumente wird berichtet, dass er sich vorbildlich verhielt und mehrfach verwundet wurde. Der Autor hebt hervor, dass Thälmann ein erklärter Kriegsgegner war. Seinen Urlaub 1916 nutzte er für seine Familie und politische Gespräche. Ab 1916 führte er ein Tagebuch; einige seiner Kontakte traten 1917 in die USPD ein. Thälmann selbst konnte als Militärangehöriger nicht beitreten, sympathisierte jedoch mit ihr. Das Ende des Krieges begrüßte er 1918 mit Jubel.
Mit dem Exkurs zu Rosa Thälmann skizziert der Autor ihr Leben und Umfeld. Er schildert, dass sie sich im Familienkreis am wohlsten fühlte und akzeptierte, dass ihr Mann mit einer zweiten Frau in Berlin lebte. Nach der Verhaftung Thälmanns 1933 wurde sie zur wichtigsten Bezugsperson. Dokumente belegen ihren mutigen Einsatz. Ab 1937 durfte sie nur noch eingeschränkt Kontakt halten. 1944 wurden sie und ihre Tochter Irma verhaftet, überlebten jedoch die Haft und setzten sich nach 1945 für sein Andenken ein.
Im Kapitel Novemberrevolution wird das vielfältige Wirken Thälmanns bis 1923 dargestellt. Gestützt auf zahlreiche Dokumente schildert Friedmann seine Tätigkeit in der USPD und hebt seine Gewerkschaftsarbeit hervor. Im Abschnitt zur Internationalen wird berichtet, dass Thälmann 1919 als Delegierter auftrat und für eine klare Abgrenzung eintrat.
Im Kapitel »Offensivtheorie« werden seine Wahl zum Vorsitzenden der Hamburger KPD geschildert sowie die innerparteilichen Auseinandersetzungen über den Kurs und den Einfluss Moskaus. Seine Reise nach Moskau 1921 wird knapp dargestellt. Während viele Delegierte die Bestätigung der »revolutionären Offensive« erwarteten, setzte Lenin die Einheitsfronttaktik durch, die Thälmann ablehnte.
Das Jahr 1923 hebt der Autor als besonders bedeutsam hervor und beschreibt den Aufstieg Thälmanns. Im Abschnitt zum Hamburger Aufstand räumt Friedmann mit Legenden auf und stellt die tatsächliche Lage dar. Weitere Abschnitte wie »Triumpf der Linken« und »Bolschewisierung« zeigen die innerparteilichen Konflikte und Krisen sowie die Verantwortung Thälmanns und anderer führender Funktionäre.
Exkurse zum Reichstag und zum Roten Frontkämpferbund beleuchten das Wirken der KPD-Abgeordneten und Thälmanns Rolle als Bundesführer. Im Abschnitt zum Jahr 1925 wird er als bekanntester kommunistischer Führer Deutschlands beschrieben.
In den folgenden Kapiteln schildert der Autor die Entwicklung der KPD unter Thälmann zur Massenpartei, zeigt aber auch ihre Schwächen. Der Aufruf zum Generalstreik 1933 wird als zutreffend bewertet, blieb jedoch wirkungslos, auch wegen der Ablehnung durch die SPD-Führung.
Kritisch bewertet Friedmann Thälmanns Rolle als Parteiführer, hält die Einschätzung, er sei der Aufgabe nicht gewachsen gewesen, aber für zu weit gehend. Eindringlich schildert er die Haftjahre und Thälmanns unerschütterlichen Mut bis zu seiner Ermordung.
Die Publikation bietet ein differenziertes Bild und ermöglicht eine historische Würdigung Thälmanns. Hervorzuheben sind die klare Fußnotenstruktur sowie der umfangreiche Anhang.



























