Erinnern oder verherrlichen?
4. Mai 2026
SS-Gedenken, Geschichtsdeutung und Neonazis: Eindrücke vom 16. März in Riga
Trüb und grau ist der Montagmorgen des 16. März 2026 rund um die St.-Johannes-Kirche in der Rigaer Innenstadt. Tröpfchenweise kommen Menschen mit Blumen an, um am Gottesdienst teilzunehmen. Empfangen werden sie von einem Dutzend älterer Männer in Camouflage, die den Eingang der Kirche sichern, sowie von der Polizei, die den Platz überwacht – teils uniformiert, teils vermummt, mit Hunden und in Zivil. Rechte Politiker*innen schütteln Hände, ein paar junge Neonazis beobachten das Geschehen aus einem Torbogen. Die Stimmung ist angespannt.
Die Bänke in der Kirche füllen sich langsam. Mittig vor dem Altar, gut sichtbar für alle, sind Fahnen von baltischen Waffen-SS-Einheiten drapiert. Nach einer kurzen Begrüßung spricht der Pastor über die Geschichte Lettlands als Schicksal eines Volkes, das durch gemeinsame Erfahrungen von Leid und Verlust verbunden sei. Der 16. März erscheint dabei nicht nur als Gedenktag der Legion, sondern als ein Tag, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft.
Er verweist auf den aktuellen Krieg zwischen Russ-land und der Ukraine und stellt eine Verbindung zur lettischen SS-Legion her. Die Ukrainer, so sagt er, täten heute das, was die Legion damals getan habe: ihre Heimat verteidigen. Die lettischen Soldaten hätten keine Wahl gehabt und zwischen zwei Übeln entscheiden müssen. Er spricht auch davon, dass totalitäre Regime nicht nur Länder besetzen, sondern versuchen würden, Erinnerungen zu verändern, Geschichte umzuschreiben und Identität zu zerstören.
Am Ende spielt die Orgel ein Lied. Die Fahnen wer-den aufgenommen und hinausgetragen. Kurz verfängt sich eine von ihnen an der Empore vor dem Ausgang, bis der Träger einen zweiten Anlauf nimmt und es gelingt. Am Ausgang bedankt sich der Pastor bei den Gästen. Als er eine Gruppe junger Neonazis aus Tschechien auf ihre einheitlichen Armbinden anspricht, reagiert er auf deren Erklärung kurz irritiert, verabschiedet sie jedoch dennoch freundlich.
Wie jedes Jahr versammeln sich am sogenannten Tag der Legionäre lettische Kriegsveteran*innen und Neonazis aus ganz Europa in der Altstadt von Riga, um die lettischen Angehörigen der Waffen-SS zu ehren. Es handelt sich dabei um Letten, die seit 1943 in Divisionen der deutschen Waffen-SS kämpften – teils freiwillig, teils zwangsweise rekrutiert unter Androhung von Haft.

Vor dem 42 Meter hohen »Freiheitsdenkmal« in Riga – einem Symbol für Unabhängigkeit und nationale Selbstbestimmung – versammeln sich am 16. März Teilnehmer des geschichtsrevisionistischen Legionärsmarsches: Zwischen staatstragender Monumentalität und erinnerungspolitischer Instrumentalisierung wird der öffentliche Raum zum Schauplatz rechter Gedenkpolitik.
Foto: privat
Mit dem Zerfall der UdSSR und seit der Unabhängigkeit Lettlands wird am 16. März derer gedacht, die in Teilen der öffentlichen Erinnerung als »Freiheitskämpfer« gelten. In dieser Erzählung kämpften sie nicht für Nazideutschland oder waren an der Shoah beteiligt, sondern gegen die sowjetische Besatzung und für ein freies Lettland. Zeitweise war der Tag ein offizieller Feiertag. Der diesjährige Marsch fällt in ein Jubiläumsjahr: Seit 80 Jahren wird der »Tag der Legionäre« begangen.
Der Marsch ist Teil einer Veranstaltungsreihe in Riga und Lestene, die von der lettischen Veteranenorganisation »Daugavas Vanagi« (Düna-Falken) organisiert wird. 2026 legt die Organisation besonderen Wert auf die Zusammenarbeit mit der Lettischen Kulturakademie. Im Rahmen eines Kulturprojekts wurde eine Performance erarbeitet, die auf Erinnerungsgeschichten von Mitgliedern der »Daugavas Vanagi« basiert.
Die Organisation entstand nach dem Krieg 1945 in Kriegsgefangenenlagern in Belgien. Gegründet wurde sie von ehemaligen lettischen Soldaten, darunter viele aus Einheiten unter NS-Kommando. Zunächst diente sie der gegenseitigen Unterstützung und der Hilfe für Verwundete, später auch der Organisation lettischer Flüchtlinge im Exil. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands 1991 verlagerte sich ein Teil ihrer Aktivitäten zurück nach Lettland. Die Organisation gibt sich humanitär und kulturell, steht jedoch in der Kritik, ihre Nähe zu NS-Strukturen nicht ausreichend aufzuarbeiten und die Shoah zu relativieren oder auszublenden.
Unter den Marschierenden in diesem Jahr sind Neo-nazigruppen aus Tschechien, Estland, Spanien und der Slowakei. Angeführt von zwei Geistlichen, die zuvor in der St.-Johannes-Kirche sprachen, ziehen knapp 200 Personen singend vom Kirchengebäude zum Freiheitsdenkmal. Dort werden sie von jungen Männern und Frauen mit lettischen Fahnen empfangen. Nacheinander legen sie Blumen und Kerzen ab. Die meisten Veteran*innen dürften mittlerweile nicht mehr am Leben sein. Dennoch sind vereinzelt ältere Männer in Uniform erschienen – mutmaßlich Angehörige von SS-Veteranen, teilweise mit NS-Symbolen wie dem Hakenkreuz. An anderer Stelle sind SS-Totenköpfe auf Fahnen zu sehen. Ein kleines Presseaufgebot begleitet den Marsch. Einst nahmen mehrere Tausend Menschen an den Veranstaltungen teil, doch über die Jahre scheint die Beteiligung zurückgegangen zu sein. Proteste gibt es an diesem Tag nicht.
Die Kriminalisierung von Protesten dürfte dazu beigetragen haben, dass der Marsch heute weitgehend ohne Widerspruch durch die Rigaer Innenstadt ziehen kann. In der Vergangenheit hatten jüdische Verbände sowie Teile der russischstämmigen Bevölkerung gegen die NS-Verherrlichung protestiert. Mehrfach verweigerten lettische Behörden zudem deutschen Antifaschist*innen die Einreise, die sich an den Protesten beteiligen wollten.



























