Leben für das Überleben
4. Mai 2026
Der Zeitzeuge Sally Perel – einst »Hitlerjunge Salomon«
Der jüdische Zeitzeuge Sally bzw. Salomon Perel, in der Zeit seiner Zugehörigkeit zur Hitlerjugend als Josef Perjell bekannt, wäre am 21. April dieses Jahres 101 Jahre alt geworden. Er wurde 97 Jahre alt – nachdem er die Nazizeit und den Holocaust dank seiner intuitiven Intelligenz, seines Mutes, einiger glücklicher Zufälle und auch dank eines »anderen Deutschlands«, in dem Solidarität wirkte, überlebt hatte.
Seine Botschaft ist gerade heute so wichtig wie einst: In den letzten Jahrzehnten seines Lebens ging er immer wieder in Schulen, um bei jungen Menschen und Lehrkräften die Kraft für ein friedliches Miteinander, Menschlichkeit und damit für den Frieden zu stärken. Als Mensch, der unter der Judenverfolgung auf ungewöhnliche Weise litt, gewann er die Herzen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer – unabhängig davon, ob diese christlich, muslimisch, atheistisch oder aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kamen.
ShalomSalam
Er begann seine Gespräche oft mit den Worten: »Ich begrüße euch mit dem Wort für Frieden in der Sprache des Landes, in das ich nach dem Holocaust ausgewandert bin: ›Shalom‹. Und da es echten Frieden nur gemeinsam geben kann, ergänze ich: ›Salam‹. Ich begrüße euch mit ›ShalomSalam‹.«
In Zeiten eskalierender Gewalt betonte er zudem seine Kritik an unverhältnismäßiger militärischer Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten, etwa im Libanon oder in anderen Nachbarregionen Israels. Dabei blieb er stets jemand, der Brücken bauen wollte, ohne Widersprüche zu verschweigen.
Seine zentrale Botschaft blieb stets: Frieden entsteht nicht gegen, sondern nur miteinander – im Kleinen wie im Großen, zwischen Menschen ebenso wie zwischen Staaten. Diese Haltung vermittelte er ruhig, eindringlich und getragen von seinen eigenen Erfahrungen.

Sally Perel (21.4.1925–2.2.2023)
im Jahr 2016.
Foto: StagiaireMGIMO/Wikimedia
Sally Perel wurde 1925 in Peine geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf, die vom Schuhhandel lebte. Nach der Machtübertragung an die Nazis wurde das Geschäft der Eltern zerstört, die Familie floh nach Łódź in Polen. Mit dem Überfall auf Polen begann für sie eine erneute Flucht. Seine Eltern schickten ihn und seinen Bruder in die Sowjetunion – mit den eindringlichen Worten der Mutter: »Du sollst leben!« Diese drei Worte begleiteten ihn sein ganzes Leben.
In der Sowjetunion fanden sie zunächst Schutz in einem Heim des Komsomol1 und verbrachten knapp zwei vergleichsweise sichere Jahre – überschattet von der Sehnsucht nach den Eltern. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begann erneut Lebensgefahr. Bei einer Selektion gelang es Sally, seine Papiere zu vernichten und sich als »Volksdeutscher« auszugeben. So entging er der Ermordung – und lebte fortan in ständiger Angst, enttarnt zu werden. Er wurde von der deutschen Wehrmacht als Dolmetscher beschäftigt.
Einmal lief er in Panik auf Soldaten der Roten Armee zu, wurde jedoch von deutschen Soldaten be-obachtet, die ihn als mutigen Aufklärer feierten und die Rotarmisten töteten. Ein hoher Wehrmachtsoffizier nahm ihn unter seine Fittiche und brachte ihn auf eine Eliteschule der Hitlerjugend bei Braunschweig. Dort lebte er in permanenter Angst, beim Duschen oder im Alltag als Jude erkannt zu werden.
Ein Soldat entdeckte, dass Sally beschnitten war. Statt ihn zu verraten, versprach er zu schweigen und schützte ihn. Für Perel blieb diese Erfahrung ein prägendes Beispiel, dass Solidarität Leben retten kann. Diese Erfahrung gab ihm später auch die Kraft, differenziert über Schuld, Verantwortung und Menschlichkeit zu sprechen.
Nach der Befreiung, dem Aufbau eines Lebens in Israel und vielen Jahren begann Sally Perel im Alter seine intensive Aufklärungsarbeit. Sein Buch »Ich war der Hitlerjunge Salomon« wurde verfilmt und machte seine Geschichte international bekannt. Als Zeitzeuge kehrte er immer wieder nach Deutschland zurück und warnte eindringlich vor dem Wiedererstarken faschistischer Kräfte: »Hitler wurde vielleicht militärisch besiegt, aber geistig noch lange nicht.«
»… dass es nie wieder passiert«
Seine Worte fanden auch institutionellen Ausdruck: Schulen wurden nach ihm benannt, darunter die Verlässliche Grundschule Wallschule in Peine. Dort ist seine Botschaft am Eingang zu lesen: »Ihr seid nicht verantwortlich. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nie wieder passiert.« Diese Mahnung richtete sich besonders an junge Menschen – als Aufforderung, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen.
Auf die Frage von Schülerinnen und Schülern, welche der Ideologien, mit denen er konfrontiert war, ihn am meisten geprägt habe, antwortete er: »Wenn ich ehrlich bin, bewegt mich immer noch der Traum von der Gleichheit der Menschen, den mir die Kommunisten im Komsomol-Heim nahebrachten.«
Sally Perel erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, Ehrenringe mehrerer Städte sowie die Ehrenbürgerwürde von Braunschweig. Seine humanistische Friedensbotschaft bleibt aktuell – und notwendig für unsere Gegenwart und Zukunft.



























