Provokateur verhaftet
5. Mai 2026
Die Flucht, Festnahme und Inszenierung des Neonazis Liebich
Der einst unter dem Namen Sven Liebich bekannte neonazistische Provokateur wurde am 8. April in der tschechischen Grenzgemeinde Krásná verhaftet. Liebich hatte – als eine Haftstrafe drohte – seinen Vornamen und den Geschlechtseintrag in Marla-Svenja Liebich ändern lassen, um in eine Frauenhaftanstalt eingewiesen zu werden. Der erste neu angenommene Vorname ist ein Anagramm des Wortes »Alarm« – und für Aufmerksamkeit hat Liebich damit zur Genüge gesorgt. Im Gerichtssaal erschien Liebich mit einem großen, breiten Frauenhut und einem Oberteil in Tigeroptik. Vor sich stellte er demonstrativ Nagellack und zwei Flaschen Saft auf den Tisch. In einer Verhandlungspause lackierte er sich die Fingernägel.
Liebichs Wandel von Sven zu Marla-Svenja hat viele überrascht, ist jedoch die konsequente Fortsetzung seiner politischen Strategie. Seit Jahren versucht Liebich, durch gezielte Provokationen öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Inszenierung als »Marla-Svenja« dient dabei nicht nur der Selbststilisierung, sondern auch der bewussten Diffamierung von trans-Identitäten und der Lächerlichmachung.
Seit Jahrzehnten ist Liebich in neonazistischen und verschwörungsideologischen Zusammenhängen aktiv. In den 1990er-Jahren war er Teil der Rechtsrock-Organisation »Blood and Honour« (B&H). Ziel war es, über Musik mehr Jugendliche anzusprechen als über klassische Propagandamittel. Der Name ist die englische Übersetzung der Parole der Hitlerjugend »Blut und Ehre«.
Aus den Strukturen von B&H wurde der NSU maßgeblich unterstützt. B&H sowie ihre Jugendorganisation »White Youth« wurden im Jahr 2000 in Deutschland verboten. Eng mit B&H verbunden ist die Gruppe »Combat 18«, die insbesondere in Großbritannien Rohrbombenanschläge verübte. 2012 reorganisierte sich die Gruppe und propagiert seitdem das Konzept des »führerlosen Widerstands«, das auch vom NSU umgesetzt wurde. In dieses ideologische Umfeld passt auch Liebichs eigene Aussage, er freue sich auf eine mögliche Begegnung mit Beate Zschäpe im Frauengefängnis Chemnitz. Nach eigenen Angaben sei Liebich nach dem Verbot von B&H aus der Neonaziszene ausgestiegen.
Dennoch blieb er politisch aktiv und organisierte Veranstaltungen für die neonazistische Szene in Sachsen-Anhalt. Dabei verstand es Liebich stets, Aktivismus mit geschäftlichen Interessen zu verbinden. Bereits 1993 gründete er einen Versandhandel für Rechtsrock-CDs. Später vertrieb er ein breites Sortiment an Produkten für ein neonazistisches Publikum.
Mit Beginn der Pandemie 2020 schloss sich Liebich den Protesten gegen die Covid-Maßnahmen an. Zu seinen Aktionen gehörte die Verbreitung eines Judensterns mit der Aufschrift »Ungeimpft«, den er sich auch tätowieren ließ. Bei einem Aufmarsch griff Liebich einen Journalisten an. Dafür wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Haftstrafe verurteilt. Strafverschärfend wirkten frühere Verurteilungen, unter anderem wegen Beleidigung, Volksverhetzung und der Verbreitung verfassungsfeindlicher Propaganda.
In einem weiteren Verfahren im Juli 2023 wurde Liebich zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von eineinhalb Jahren ohne Bewährung verurteilt. Da er gegen sämtliche Urteile Rechtsmittel einlegte, mussten die Verfahren erneut geprüft werden. Das Landgericht Halle bestätigte im August 2024 die Haftstrafe. Eine weitere Revision wurde im Mai 2025 abgelehnt.
Mit dieser Entscheidung dürfte Liebich gerechnet haben – und bereitete die nächste Provokation vor. Aus dem Neonazi Sven Liebich wurde die Kunstfigur »Marla-Svenja«. In dieser Rolle versuchte er gezielt, das Selbstbestimmungsgesetz zu diskreditieren und gesellschaftliche Debatten über Geschlechts-identität zu instrumentalisieren.
Dabei ging es ihm nicht nur um die Unterbringung in einem Frauengefängnis. Liebich stellte zudem massenhaft Anzeigen gegen Personen, die über seine Vergangenheit in männlicher Form berichteten. Allein gegen die Autorin dieses Artikels will Liebich nach eigenen Angaben mehr als 30 Anzeigen gestellt haben – keine davon führte bislang zu einem Gerichtsverfahren. Insgesamt brüstete er sich mit fast 1.000 Anzeigen. Inzwischen wird gegen ihn wegen möglichen Missbrauchs der Justiz ermittelt.
Im August 2025 sollte Liebich seine Haftstrafe im Frauengefängnis Chemnitz antreten, entzog sich jedoch durch Flucht. Auch dies inszenierte er öffentlichkeitswirksam: Zum angeblichen Haftantritt hatte die rechte Partei »Freie Sachsen« eine Kundgebung vor dem Gefängnis organisiert, die im Internet übertragen wurde. Statt einer Einlieferung wurde jedoch eine Erklärung abgespielt, in der Liebich sein Untertauchen verkündete. Auch danach setzte er seine Provokationen fort. Beim Standesamt ging ein weiterer Antrag auf Namensänderung ein – diesmal mit dem Ziel, den Vornamen »Anne Frank« anzunehmen. Derzeit prüft ein Gericht, ob Liebichs Vornamensänderung wegen Missbrauchs des Selbstbestimmungsgesetzes rückgängig gemacht werden kann. Nach seiner Verhaftung zeigte sich ein großer Teil der extremen Rechten solidarisch.




























