Penible Gründlichkeit

geschrieben von Renate Hennecke

7. November 2017

»Arisierung« und Massenmord am Beispiel einer Stadt

»,Die Firma ist entjudet‘ – Schandzeit in Regensburg 1933–1945« heißt ein neues Buch von Waltraud Bierwirth, Mitglied der VVN-BdA Regensburg, über ein »vergessenes« Kapitel der Stadtgeschichte: die »Arisierung« jüdischen Eigentums während der NS-Zeit.

Waltraud Bierwirth, »Die Firma ist entjudet« – Schandzeit in Regensburg 1933-1945, Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 208 Seiten, 19,95 Euro

Waltraud Bierwirth, »Die Firma ist entjudet« – Schandzeit in Regensburg 1933-1945, Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 208 Seiten, 19,95 Euro

»Unmittelbar nach dem Krieg listete das Finanzamt Aschaffenburg penibel auf, wieviel der Fiskus den Juden der Stadt geraubt hatte. … Etliche Städte verfuhren ähnlich. In Regensburg erfolgte keine Aufstellung zur Höhe des geraubten jüdischen Vermögens«, heißt es im Vorwort. Bierwirth kann das Versäumte nicht nachholen. Aber sie gibt anhand zahlreicher Einzelfälle eine Vorstellung von der peniblen Gründlichkeit des Raubs. Und von den Folgen: »Der wachsende Kreis der ‚arischen‘ Nutznießer und Profiteure hatte großes Interesse daran, nie mehr von jüdischen Eigentümern in Regress genommen zu werden. Das machte sie zu Komplizen des NS-Systems, korrumpierte sie moralisch und ließ sie wegschauen bei den Juden-Deportationen.«

Die Studie beginnt mit einem Abriss der Entwicklung der Jüdischen Gemeinde Regensburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Namen und Adressen, verwandtschaftliche Beziehungen, Funktionen in kommunalen Einrichtungen, gesellschaftliches Engagement werden genannt. Auch der schon vor 1933 zunehmende Antisemitismus. Der erste Hauptabschnitt (»Jüdisches Leben unter dem Hakenkreuz bis 1938«) reicht von der Amtseinsetzung des überzeugten Nationalisten und Rassisten Otto Schottenheim als Oberbürgermeister und dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 bis zum Ausschluss jüdischer Viehhändler vom städtischen Schlachthof im November 1936.

Der zweite Teil ist den Ereignissen der Pogromnacht (9./10. November 1938) und des folgenden Tages gewidmet. An diesem Tag wurden 70 bis 80 jüdische Männer in das KZ Dachau deportiert, nachdem ein Großteil von ihnen bei dem später so genannten »Regensburger Schandmarsch« durch die Stadt getrieben und sadistisch gequält und gedemütigt worden war.

Im dritten Hauptabschnitt (»Regensburg arisiert«) geht Bierwirth dem Raub jüdischen Vermögens sowohl durch den Fiskus als auch durch gierige »Schnäppchenjäger« nach. Fall um Fall erstattet sie Bericht: über die »Sühnezahlung« von 100 Millionen Reichsmark, die deutsche Juden für die Schäden zahlen mussten, die ihnen in der Pogromnacht angetan worden waren, über das Verbot jeder »jüdischen« Geschäftstätigkeit ab dem 1. Januar 1939, über die erzwungenen Verkäufe, über »Vermögensabgabe« und »Reichsfluchtsteuer«, über die Einfrierung des verbliebenen Restes von Verkaufserlösen auf Sperrkonten, die konfisziert wurden, sobald die nominellen Inhaber sich außerhalb des Reiches befanden, deportiert in die Vernichtungslager. Aus einem Kapitel Regensburger Stadtgeschichtsschreibung wird auf diese Weise eine exemplarische Darstellung der Stufen der Judenverfolgung in Deutschland während der NS-Zeit und der Rolle, die dabei die Finanzbürokratie spielte.

Am Ende des Raubzuges steht der fabrikmäßige Mord. Die erste große Deportation aus Regensburg fand am 4. April 1942 statt. Bierwirth stellt hier ein Kapitel über den ab 1940 verübten Mord an jüdischen und anschließend auch an nichtjüdischen Psychiatriepatienten voran. Denn in den Tötungsanstalten des »Euthanasie«-Programms vollzog sich »der Vorlauf und die technische Erprobungsphase für die ‚Endlösung‘ in den Vernichtungslagern in Polen«.

In einem Archiv stieß die Autorin auf einen Zufallsfund: knapp 20 Seiten über die Verfolgung und Deportation von 36 Sinti und Roma aus dem Zuständigkeitsbereich der Gestapo Regensburg. Mit einem knappen Exkurs erinnert sie daran, dass an dieser Minderheit ein ähnlicher Völkermord verübt wurde wie an den Juden.

Und nach dem Krieg? Mit Blick auf die Beamten der NS-Vermögensverwaltungsstellen stellt Bierwirth fest: »Wie alle durchliefen auch sie die Entnazifizierungsverfahren und verwiesen in der Befragung auf die NS-Politiker und deren Gesetze. Im Oberfinanzpräsidium Nürnberg mussten zunächst 20 der 30 höheren Beamten ihren Stuhl räumen. In den späten 40er Jahren waren sie wieder in ihren alten Funktionen.« So auch in Regensburg.

Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Jüdische Gemeinde Regensburg, hauptsächlich durch Zuzug aus osteuropäischen Ländern, von rund 200 auf mehr als 1000 Mitglieder angewachsen. Ein neues Gemeindezentrum einschließlich Synagoge wird gebaut. Die Zuwanderer werden sich mit der jüdischen Geschichte ihrer neuen Heimat beschäftigen und sie werden danach fragen, wie die Alteingesessenen sich damit auseinandergesetzt haben. Waltraud Bierwirths Studie fordert die Stadtgesellschaft heraus: Will sie weiterhin den Mantel der Vergessens über die Ereignisse von damals breiten? Oder offen auf die Neuen zugehen und Haltung zeigen?

 

 

 

Programmierte Pogrome?

geschrieben von Thomas Willms

7. November 2017

Psychoanalytische Tagungsbeiträge zu AfD, Pegida & Co.

Unterhalten sich Antifa-Aktivisten und Aktivistinnen innen über Pegida, AfD und Konsorten, ihre Umtriebe, über Ursachen und Begleitumstände ihrer Erfolge, kommt irgendwann nach einem kurzem Schweigen der Moment an dem jemand sagt: »Also, warum die das eigentlich machen, verstehe ich nicht…«

Das ist der Moment, an dem politisches Analysieren an seine Grenzen stößt. Es ist nicht wirklich zu verstehen, wie beispielsweise sächsische Kleinstädter darauf kommen, ihnen völlig unbekannte hilflose Menschen zu beschimpfen, mit Steinen zu bewerfen und nur durch Gegengewalt an Schlimmerem zu hindern sind. Oder ist es doch zu verstehen, nur unser Instrumentarium dafür nicht ausreichend?

Kurt Grünberg/Wolfgang Leuschner/Initiative 9. November (Hg.): Populismus, Paranoia, Pogrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Verlag Brandes & Apel, 2017, 184 Seiten, 19,90 €

Kurt Grünberg/Wolfgang Leuschner/Initiative 9. November (Hg.): Populismus, Paranoia, Pogrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Verlag Brandes & Apel, 2017, 184 Seiten, 19,90 €

Die 15 Beiträge des Tagungsbandes »Populismus, Paranoia, Pogrom« der Frankfurter »Initiative 9. November« kommen direkt nach dem Durchbruch der AfD bei den Bundestagswahlen zur rechten Zeit. Der Blickwinkel der Autoren ist der der psychoanalytischen Sozialpsychologie und fragt nach tiefliegenden Bedingungen und Ursachen für politisch wahnhaftes Denken und Handeln. Er ist auch deshalb besonders wichtig, weil er einen Kontrapunkt zu der zurzeit beliebten Tendenz setzt »mit Rechten reden« zu wollen, sie »mit Argumenten zu widerlegen« oder zu »überzeugen«.

Als allererstes springt ins Auge, dass die Freudianer keinerlei Grund sehen, zwischen der Ideologie des Nationalsozialismus und der der AfD und Pegida nach Unterschieden zu suchen. Zwar seien die Äußerungsbedingungen anders, Ziele und Motive des Denkens aber deckungsgleich. Die AfD ist kein irgendwie geartetes neues Phänomen für das pflichtschuldigst der neue Begriff Rechtspopulismus zu verwenden sei, sondern die Wiederkehr des deutschen Faschismus. »Alles drängt letztlich – auch im Sinne des Wortes – auf eine finale Lösung, indem das paranoide Objekt zur Rettung der Affektlogik totzuschlagen wäre.« so Herausgeber Wolfgang Leuschner in einem erschütternden Beitrag über »Verfolgungswahn, Zerstören und Totschlagen – zur Psycho- und Soziogenese rechter Gewalt«.

AfD-Anhängern ihre Vorstellungswelt ausreden zu wollen ist aus der wissenschaftlichen Sicht der Psychoanalyse gänzlich sinnlos. Ein Austausch von Sachargumenten setzt voraus, dass der andere dazu auch bereit ist. Genau das Gegenteil ist jedoch bei den Aktivisten der AfD der Fall. Ihr ganzes Reden dient der Zerstörung der Logik und der Etablierung eine »Verwirrlogik« in Form von Verschwörungstheorien. Die Voraussetzungen dafür sieht der Psychoanalytiker Leuschner in der frühen Kindheit, in der nicht gelungenen Bändigung gewaltsamer Triebe des Kleinkindes, die als latente Gefahr, als »notorischer Hang sich verfolgt zu fühlen« schlummern. »Scharf gemacht« würden sie durch die gezielte Ansprache von Ideologen vom Schlage Höckes und Gaulands und letztlich durch Kollektivbildung zur gesellschaftlichen Gefahr.

Dietmar Becker interpretiert in »Bann und Befehl« das Verhältnis von Angst, Unterwerfung, Mitleidsabtötung und Gewalttat. Die Ausführung eines Befehls z.B. zum Töten von Schwächeren ist demnach zweierlei: Zumutung und Vertrauensbeweis. Für den Täter ist der Befehl eine seelische Gefahr, ein »Introjekt«, das durch Unterwerfung und Leistungsbereitschaft zu befrieden versucht wird, daher die Bereitschaft zur kreativen Ausübung des Befehls.

Jan Lohl untersucht in seinem Beitrag zur rechtspopulistischen Propaganda detailliert Auftritte von Björn Höcke und ihre »triadische Struktur« aus Beschwörung deutscher Größe, Beklagen des gegenwärtigen Zustandes und Selbstinszenierung als Retter und Führer. Er fragt nicht nur danach was, sondern auch wie etwas gesagt wird. Er analysiert, dass ein Großteil seiner Reden sich mit den Themen »nicht schaffen« und »nicht können« beschäftigt und fragt sich was dies wohl bei den Zuhörerinnen, die ja nicht zur zuhören, sondern aktiv teilnehmen, auslösen mag. Es ist die Angst vor dem eigenen »nicht schaffen« in der modernen Leistungsgesellschaft, die den Treibstoff für den Hass auf andere liefert. Höcke erschafft das Wunschbild eines nichtambivalenten Deutschlands und stört es zugleich durch Negativdarstellungen der deutschen Realität. Damit vergrößere er bewusst Ängste und Nöte und die Bereitschaft der Zuhörer, diese Spannung zu externalisieren, d.h. auf andere angeblich »nicht schaffende« zu übertragen. Der Überfall auf das Hassobjekt ist keine bedauerliche Entgleisung, sondern zwingend in der Affektlogik der Rechten angelegt. Das nächste, dieses Mal blutige, rassistische Pogrom in Sachsen ist nur eine Frage der Zeit, ist zu folgern.

Die »Möglichkeitsräume« des modernen Faschismus sind zu schließen, damit sich die Hassaffekte ihre Mitglieder nicht immer stärker aufladen und nach todbringender Entladung suchen. Darüber hinaus eine solidarische »soziale Infrastruktur« zu schaffen in der Hassaffekte gebändigt und abgebaut werden, sollte das große gesellschaftliche Ziel sein.

 

 

 

 

Die Roma-Armee

geschrieben von Nils Becker / Dörte Döring

7. November 2017

Am Berliner Gorki-Theater sorgt ein Stück über Diskriminierung von Roma für Aufsehen

Seit der Übergabe der Intendanz des Berliner Gorki-Theaters an Shermin Langhoff wurde dem »post-migrantischem Theater« ein prominenter Platz im Kulturbetrieb gegeben. Postmigrantisch meint hier die Einsicht, dass viele der ehemalig Eingewanderten ihre Migrationsgeschichte – die mitunter Generationen zurückliegt – hinter sich gelassen und ihren Platz hierzulande gefunden haben – als Deutsche. Sie weiterhin als MigrantInnen zu bezeichnen und sie irgendwie von den Deutschen abzugrenzen, bildet nicht (mehr) die bundesrepublikanische Realität ab. Das Gorki-Theater hat sich diesem Ansatz verschrieben unter anderem mit Stücken zu anhaltender, sich aber dennoch transformierender Diskriminierung.

»Roma Armee«, Regie: Yael Ronen, im Gorki-Theater, Berlin. Nächste Aufführungen: 13.,14. und 26.11.2017

»Roma Armee«, Regie: Yael Ronen, im Gorki-Theater, Berlin. Nächste Aufführungen: 13.,14. und 26.11.2017

In dem aktuellen Stück »Roma-Armee« wird über die Lebensrealität von Romnija und Roma berichtet und über Auswege aus dem weiterhin grassierenden Antiziganismus in Deutschland und Europa nachgedacht. Was stünde auf der Tagesordnung, wenn die Jahrhunderte andauernde Diskriminierung in Europa endlich beseitigt werden sollte? Anerkennung der Verfolgung, Aufarbeitung, Wiedergutmachung? Wie den Klischees begegnen? Wie können sich Romnija und Roma beispielsweise von der verinnerlichten Opferrolle emanzipieren und sich selbstbewusst mit Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft richten?

Diese Fragen werden in dem Stück von einem Gespann von SchauspielerInnen, die vor allem ihre eigene Geschichte als Romnija und Roma erzählen, aufgebracht und schrill, mit einer großen Portion Selbstbewusstsein und feministischem Anspruch dargestellt. Sie gründen eine bewaffnete Eingreiftruppe, wollen die unterschiedlichen Gruppen der Romnija und Roma vereinen und zusammen den Kampf aufnehmen. Das Stück richtet sich mit dieser Einigkeits-Forderung sehr stark nach innen und rüttelt mit seiner Kampfansage Nicht-Roma (Gadjé) auf. Diese Melange aus Opferstatus und Emanzipationsgeschichte, die mit viel Popmusik, Glitter, Tanz und Pathos daherkommt, will provozieren. Und das hat sie geschafft.

Die Theaterkritiken reichen von begeistert (Berliner Morgenpost) bis sehr ablehnend (SWR). Überwiegendes Urteil: Zu klischeehaft, zu radikal und zu wenig künstlerisch. Vielfach wird darauf hingewiesen, dass hier Nationalstolz und Nationalismus zelebriert würden. Als ob die Selbstbehauptung einer rassistisch unterdrückten Gruppe das Gleiche sei wie der nationalistische Rechtsruck in vielen europäischen Staaten. Tom Mustroph verrennt sich in seinen Kritiken für taz und Neues Deutschland in einen Pegida-Vergleich: »‘Ich bin stolz, Rom zu sein‘ heißt es zum Höhepunkt der Bekenntnisorgie. Sonst hört man das, ins Deutsche gewendet, bei Pegida, AfD & Co.« Diese formale Kritik lässt offensichtliche Herrschaftsverhältnisse unbeachtet und zeigt, dass in der Anti-Diskriminierungs-Arbeit auch für links-liberale JournalistInnen noch ein langer Weg zu gehen ist.

Die überwiegend kritischen Besprechungen sind auch ein Beweis dafür, dass der Kampf gegen Rassismus genauso geführt werden muss: radikal, vielstimmig und selbstbestimmt. Statt sich an den Regeln und Wohlfühl-Bedürfnissen der Nicht-Betroffenen zu orientieren, um die Rassismus-Kritik möglichst schonend zu platzieren, vergreifen sich die KünstlerInnen der Roma-Armee bewusst im Ton.

Ein Abend, der sich zum Ziel gesetzt hat, selbstbestimmt gegen Unterdrückung zu kämpfen, sollte das vom Rassismus nicht-betroffene Publikum zumindest »mulmig« fühlend zurücklassen. Die Macherinnen Simonida und Sandra Selimovic bringen es in einem Interview auf den Punkt: »Jede Befreiungsbewegung muss ins Extreme gehen, um schließlich in der Mitte anzukommen«. So bleibt man bisweilen auch schlechten Gefühlen ausgeliefert und stellt sich erkenntnisreiche Fragen rund um die eigene Position: Was ist meine Rolle darin? Warum finde ich das gerade zu radikal? Damit einen Umgang zu finden ist eine zentrale Aufgabe für alle, die sich als antirassistisch verstehen. Gerade in Zeiten des noch aktueller gewordenen Kampfes gegen die AfD lohnt es sich, Rassismus nicht nur bei den anderen zu suchen. Die Frage zu stellen, ob die deutliche Ablehnung von Selbstermächtigungs-Szenen in den Theaterkritiken einer nicht aufgearbeiteten rassistischen Prägung der JournalistInnen geschuldet ist oder eine berechtigte Kunst-Kritik darstellt, könnte auch lohnenswert sein.

 

 

 

»Camaradas«

geschrieben von Peter Rau

4. November 2017

Zu Gast in Berlin: Ausstellung über Spanienkämpfer aus Österreich

Vorab: Von den etwa 1.400 Österreichern, die sich vor acht Jahrzehnten, also zwischen 1936 und 1939, an die Seite der Spanischen Republik stellten und deren Freiheit zu verteidigen halfen, ist heute niemand mehr am Leben. Dennoch sind ihre Biographien und ihre Gesichter noch allgegenwärtig. Umso mehr, als sie sich für viele von uns mit persönlichen Begegnungen verbinden wie jene mit den ehemaligen Interbrigadisten Hans Landauer, Josef Eisenbauer und Gert Hoffmann. Oder literarisch übermittelte bzw. verbürgte Begebenheiten wie im Falle des letzten Kommandeurs der XI. Internationalen Brigade, Anton Dobritzhofer, der Brigadeärzte Emanuel Edel, Walter Fischer und Fritz Jensen oder von General Julius Deutsch, dem die gesamte spanische Küstenverteidigung unterstand.

»Camaradas« noch bis 6. November im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg, Montag bis Freitag, 10–17 Uhr

»Camaradas« noch bis 6. November im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg, Montag bis Freitag, 10–17 Uhr

Sie alle – und noch viel mehr – sind Bestandteil der von Georg Pichler zum 80. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden im Herbst 2016 konzipierten Fotoausstellung »Camaradas« – Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939«, die Anfang Oktober im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte – nach Präsentationen in Österreich und Spanien – erstmals – in Deutschland vorgestellt wurde.

Die Ausstellung mit Aufnahmen aus dem Bestand des Spanienarchivs wie des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) entstand in Zusammenarbeit mit CLIO, dem Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit, und der spanischen Associación de Amigos de las Brigadas Internaciónales (AABI). Sie gliedert sich in fünf Komplexe. Im »Weg nach Spanien aus Österreich und dem Exil« wird insbesondere der gegen den vom Austrofaschismus gerichtete und vom sozialdemokratisch inspirierten Schutzbund getragene Aufstand im Februar 1934 thematisiert. Nach dessen Scheitern mussten viele daran Beteiligte in die benachbarte Tschechoslowakei emigrieren; einige hundert sogenannte Februarkämpfer fanden Aufnahme in der Sowjetunion und machten sich später von dort aus auf den Weg nach Spanien.

Zu den Themen »Der spanische Bürgerkrieg« und »Österreicher im spanischen Bürgerkrieg« sowie »Die Internationalen Brigaden« werden die meist schon bekannten Fakten rekapituliert. Weniger geläufig dürfte die Zahl der 43 Frauen sein, die mit dem Krieg in Spanien zu tun hatten, darunter 34, die wie Dr. Fritzi Brauner (1911–2000) oder Marie Langer (1910 – 1987) im Sanitätsbereich tätig waren. Während Brauner bis zu ihrem Tod in der Vereinigung Ärzte gegen den Atomkrieg mitwirkte, ging Langer nach Argentinien, später nach Mexiko und Nikaragua, wo sie sich um den Aufbau eines psychosozialen Dienstes verdient machte. Für den Sanitätsdienst der Internationalen Brigaden arbeitete auch Gusti Jirku (1892–1978), die mit ihrem 1938 erschienenen Bericht »Kampf dem Tode« u. a. dem Brigadearzt Fritz Jensen (1903–1955) ein bleibendes Denkmal setzte.

Österreicher waren vor allem in der XI. Internationalen Brigade und hier bevorzugt in dem im Juni 1937 gebildeten Bataillon »12. Februar« zugange, benannt nach den Kämpfern des Aufstandes der Schutzbündler im Jahr 1934; sie waren »in praktisch allen militärischen Einheiten der Republik zu finden«, wie Hans Landauer (1921–2014) hervorhob. Jensen etwa war Chefarzt der XIII. Brigade, sein Kollege und Genosse Dr. Walter Fischer (1901–1978) war in derselben Funktion in der XV. Brigade im Einsatz. Landauer war nicht nur der seinerzeit jüngste österreichische Interbrigadist, er gründete 1983 das Spanienarchiv des DÖW und gab 2003 das Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer heraus.

Ohne dass er es darauf abgesehen hätte, zählte auch der Sozialdemokrat Julius Deutsch (1884–1968) zu den außergewöhnlichen Spanienkämpfern. Der Mitbegründer und Führer des Schutzbundes war als General der Küstenverteidigung vermutlich in der spanischen Volksarmee der höchstrangige Militär aus Österreich. Unter dem Namen Adolf Reiner trug sich der Wiener Anton Dobritzhofer (1901–1977) während der Offensive am Ebro als letzter Chef in die Liste der Kommandeure der XI. Brigade ein.

Ein letztes Kapitel der Ausstellung widmet sich der Zeit nach dem 1939 verlorenen Krieg. Sie endete für die meisten Österreicher, die ja nicht mehr ohne weiteres in die heimatliche Alpenrepublik, die sich das faschistische Deutschland inzwischen einverleibt hatte, zurückkehren konnten, in einem der französischen Internierungslager. 458 von ihnen landeten nach der im Mai/Juni 1940 erfolgenden Besetzung Frankreichs durch die Hitlerwehrmacht in deutschen Konzentrationslagern. Nachdem in Spanien bereits 235 Kämpfer aus Österreich gefallen waren, ließen in Dachau, Mauthausen, Sachsenhausen oder Buchen-wald und anderen KZ noch einmal 86 Interbrigadisten ihr Leben oder starben bei Aktionen des antifaschistischen Widerstandes.         Peter Rau

Die Ausstellungseröffnung war der Auftakt des diesjährigen Internationalen Jahrestreffens des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik« (KFSR), zu dem neben dem in Madrid lehrenden Professor Pichler weitere Veranstalter des Vereins »Prenninger Gespräche« sowie Mag. Andreas Somogyi, Geschäftsträger der Botschaft Österreichs in der BRD, begrüßt werden konnten.

Hinderlicher Tunnelblick

geschrieben von Wolfgang Herzberg

4. November 2017

Wirklich Neues über Kindheit, Jugend und Widerstand von Erich Honecker?

Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschungen in Potsdam, wurde 2006 Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission, die Empfehlungen für eine zukünftige Forschungsstrategie zur „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ vorlegt hat. 2016 publizierte er, in diesem Geist, ein Buch, das sich als erste wissenschaftliche Aufarbeitung von Erich Honeckers Kindheit und Jugend von 1912-1945 präsentiert. Der erhebliche Forschungsaufwand förderte einige neue Details aus Honeckers Widerstands-und Überlebensgeschichte zu Tage. Und doch ist diese biografische Studie im hochmütigen Ton der Sieger-Historiografie nach 1989 geschrieben, treu dem damals gemachten Aufruf Klaus Kinkels: „Es muss uns gelingen, das SED-System zu delegitimieren.“ Unbeeindruckt blieb der Historiker von den Warnungen C. F. von Weizsäcker gegenüber Honeckers Leben: „ Westliche Triumpfe … mit uns habe nunmehr die Wahrheit gesiegt, stehen unter einer ebenso großen Versuchung der Selbstbelügung … Die Probleme, die vor uns stehen und die wir nicht gelöst haben, dürfen nicht für einen Augenblick verdrängt werden, so die Marginalisierung einer Unterschicht, die keine demokratischen Mehrheiten erzeugen kann…“

Martin Sabrow, Erich Honecker: Das Leben davor. C.H. Beck, 623 Seiten, 27,95 Euro

Martin Sabrow, Erich Honecker: Das Leben davor. C.H. Beck, 623 Seiten, 27,95 Euro

Beim Versuch, die von der SED-Geschichtsschreibung sicher glorifizierte Darstellung von Honeckers Leben bis 1945 zu entzaubern, verspielt Sabrows antikommunistischer Tunnelblick die Chance, am  Beispiel Honeckers, die schwierige soziale, mentale und antifaschistische Vorgeschichte vieler politischer Protagonisten der DDR und ihrer darauf basierenden  Lebensleistungen und politischen Defizite durch eine historiografisch gerechte Tiefenbohrung zu reflektieren. Er bleibt weitgehend der westlichen Grundtorheit verhaftet, allzu vordergründig, etwa  die Lebensleistungen des jungen Honecker abzuwerten. Sabrow ersetzt nur die Helden-Schablone der SED- Geschichtsschreibung durch die Schablone seines angeblichen Scheiterns. So aber lassen sich weder die widersprüchlichen Erinnerungen der Ostdeutschen an die Vor- und Alltagsgeschichte der DDR verdrängen, noch die steigende Zahl von differenzierenden Zeitzeugenberichten und das unübersehbaren Erbe von Kunst und Literatur aus und über die DDR und ihre Vorgeschichte.                                                                                         Dem kritischen Leser stößt sogleich auf Seite eins die stigmatisierende Absicht des Autors auf:  „Während die charismatische Aura des faschistischen Diktators in der propagierten Einzigartigkeit der Führerpersönlichkeit hervortrat, verehrte die politische Kultur des SED-Regimes noch im Individuum das Ganze: >> Er hat uns vom Ich zum Wir geführt… Walter Ulbricht – das sind wir alle!<<“ – so zitiert Sabrow unvermittelt Otto Gotsche, einst Referent bei Ulbricht. Und im nächsten Absatz heißt es, dass das ins „kulturelle Gedächtnis eingebrannte Bild Erich Honeckers“ weniger „ein Produkt persönlicher Prägung als vielmehr politische Inszenierung“ sei, das einem „einheitlichen Normierungsanspruch“ unterworfen und der „Besonderheit“ beraubt wurde: „Die kommunistische Wir-Biografie des neuen Menschen brach mit dem auf bloße Ich-Entfaltung gerichteten Bildungs- und Entwicklungsroman des bürgerlichen Zeitalters; nicht individuelle Einzigartigkeit sollte sie illustrieren, sondern lehrreiche Vorbildlichkeit.“                                             Sollte also der Völkermörder Hitler in „Mein Kampf“, dem Vorbild des bürgerlichen Bildungsromans besser gefolgt sein, als Honecker, der sein „Ich“ in der Selbstdarstellung, nach dem Personenkult der Stalinzeit, radikal zurücknahm?  Die Losung in der DDR: „ Vom Ich zum Wir“ oder „Der Staat – das sind wir“ , diente angeblich nur zur Entindividualisierung und Normierung des Einzelnen unter die „SED- Diktatur“. Sabrow entgeht völlig, dass damit vor allem auch gegen den egomanischen Herrenmenschenkult angegangen wurde, zu dem die Deutschen in der NS-Zeit erzogen und in den 2. Weltkrieg getrieben worden waren. Im Unterschied zur BRD rangierte in der DDR der Einsatz für das Gemeinwohl vor egoistischem Eigennutz. Soziale Empathie wurde höher bewertet als bürgerlicher Individualismus. Dass das oft Ideologie blieb und das „Ich“ dabei häufig zu kurz kam und dadurch keine historisch tragfähige, gesellschaftliche Alternative entstand, wurde nachdenklichen Zeitgenossen auch in der DDR schon ziemlich früh und schmerzhaft klar.              Weiter behauptet die Einleitung, dass die Erfassung von Honeckers Leben nicht auf die geschichtliche Rolle seiner Persönlichkeit zielen könne. Vielmehr müsse sie „die Spieglung der Geschichte in der Persönlichkeit“ verfolgen und sich mit „ihrer autobiografischen und parteiamtlichen Beherrschung in der DDR“ auseinandersetzen. Das erweist sich indes als billiger Trick, um die Widerstandsleistungen Honeckers während der NS-Zeit als weitgehend gescheitert zu denunzieren und ihn nur als Produkt illusionärer, kommunistischer Indoktrination und als kleines Widerstandslicht darzustellen.                                                                                                              Was kam nun auf den 622 Seiten und über 1595 Anmerkungen an wirklich neuen Erkenntnissen über den künftigen Repräsentanten der DDR heraus, der nur acht Schulklassen, eine abgebrochene Dachdeckerlehre und schließlich zwei Jahre Parteischule absolviert hatte?  Über die Bitte Maxwells zu seiner überwiegend von SED- Historikern geschriebenen Honecker – Autobiografie schwadroniert Sabrow: “ Doch dass ein kommunistischer Machthaber im Stile eines Winston Churchill persönlich zur Feder greifen…. lag … außerhalb staatssozialistischer Denkwelt“            Honecker soll nun nicht aus einer klassisch, proletarisch-linken Bergmannsfamilie stammen. Er und sein Vater, mit dem er im Spielmannszug trommelte und, von dem er sich angeblich nie abnabelte, vermittelte ihm jedoch früh den „kommunistischen Gesellschaftsentwurf“. Aber die Familie war „eher kleinbürgerlichen Zuschnitts“. Der Vater habe von der Novemberrevolution nur aus der Zeitung erfahren. Dann heißt es weiter: Erst hat Honecker „ mit einer landwirtschaftlichen Karriere … geliebäugelt und dann eine Dachdeckerlehre … abgebrochen, bevor er eine Laufbahn als kommunistischer Berufspolitiker startete, die ihn zuerst in die regionale Jugendpolitik und bald darauf in der illegalen Widerstandsarbeit im Reich in verantwortungsvolle Positionen aufsteigen ließ, aber neben beeindruckenden Erfolgen auch viel geschäftlichen Leerlauf und eklatantes Scheitern mit sich brachte.“ Zeitlebens blieb Honecker jedoch seiner Heimat „tiefgreifend“ verbunden und kämpfte, zunächst auch unter Leitung Herbert Wehners, vergeblich gegen die Wahlentscheidung der Saarländer für Deutschland. Mit Wehner war er danach in einen misslungenen Anschlag auf ein Parteibüro der Deutschnationalen verwickelt, wofür er einen Tadel der Partei erhielt. Obwohl Thälmann und Stalin seine Vorbilder waren, bewerkstelligten u.a. die beiden, entgegen der sektiererischen Linie der KPD,  immerhin eine antifaschistische Einheitsfront- Demonstration. Sabrow weiß nicht zu würdigen, dass sich das alte Vertrauensverhältnis zwischen Wehner und Honecker, trotz der Brüche, bis in die spätere Entspannungspolitik positiv auswirkte, die letztlich auch zur Überwindung der deutschen Spaltung und Nachkriegsordnung beitrug.

Nach 1933 lebte Honecker kurzzeitig im Pariser Exil, wurde aber von den Genossen auf ein  „Himmelfahrtskommando“ nach Berlin geschickt, wo sich der gut Zwanzigjährige wie ein „Grünschnabel“ benahm. In der ihm unbekannten Hauptstadt ließ er, sicher in der Aufregung, einen Koffer mit illegalem Material im Taxi liegen, wodurch ihm die Gestapo auf die Spur kam. Er wurde also durch „eigenes Verschulden“ und „geständnisbereit“ zu zehn Jahren Haft verurteilt. Anders als es allerdings die Medien nach 1989 meldeten, verriet er keine Mitstreiter, sondern sagte, gemäß illegalem Codex, nur das aus, was die Gestapo ohnehin wusste. Sabrow will hier eine  Kooperation mit der NS- Justiz „ heraushören“.

Nach seiner Verurteilung, gehörte der dem KZ, ja der Hinrichtung entgangene Honecker, nicht zur illegalen Parteileitung im Gefängnis, sondern sorgte „unauffällig“ u.a. als Kalfaktor dafür, dass seine Kameraden besser mit Kleidung und Essen vorsorgt wurden. Aber Sabrow mutmaßt hier „Umrisse einer neuen Identität“, weil der Vater in einem abgelehnten Begnadigungsschreiben schrieb, dass sein Sohn sich als Bauhandwerker und Dachdecker „am Aufbau Deutschlands und der Erringung des Sieges für Deutschlands Größe“ beteiligen wolle. Gegen Kriegsende ließ sich Honecker sogar auf eine Liebesbeziehung mit einer Schließerin im Frauengefängnis ein, über dessen Dach er Bombenschäden beseitigen sollte. Als er, nach einer missglückten Flucht, in den Ruinen Berlins keine Unterkunft fand und bei dieser Schließerin, die er später kurzzeitig ehelichte, Obdach fand, sorgte sie mit dafür, dass er sanktionslos ins Gefängnis Brandenburg zurückgeführt wurde, bevor die Rote Armee ihn dort befreite. Diese angeblich spektakulären Enthüllungen Sabrows vermenschlichen Honecker, offenbar wider Willen, als ihm das selbst in seiner Autobiografie gelungen ist. Dennoch sind es immer noch die alten Strickmuster des Kalten Krieges, der Nichtanerkennung von Lebensleistungen vor und während der DDR- Geschichte, mit denen, der zweifellos dort idealisierte Staatslenker „wissenschaftlich“ evaluiert werden soll.  Zugleich widerlegt Sabrow selbst seine Eingangsthese, da es erstaunlich sei, wie stark Honeckers „individuelle und generationelle Lebenserfahrung“ durch den „unpersönlichen Charakter der SED-Herrschaft hindurch schimmert.“

Der Historiker reflektiert an keiner Stelle, warum  die lange in das NS-System verstrickten und schließlich gescheiterten Hitler-Attentäter um Graf Staufenberg bis in die 60iger Jahre in der Bundesrepublik als Landesverräter galten, während in der DDR Menschen, die vor und nach 1933 Widerstand leisteten, von Anfang an gesellschaftliche Anerkennung erfuhren. Obwohl zur bitteren Wahrheit aller heroischen Widerstandshandlungen von Deutschen auch gehört, dass erst die geballte Macht der Alliierten, mit Millionen von Opfern auf allen Seiten der Fronten, die Welt und die Deutschen vom Hitlerregime befreien konnten.

 

Die angeblich spektakulären Enthüllungen Sabrows über Honeckers Haftzeit vermenschlichen ihn, offenbar wider Willen mehr, als ihm das selbst in seiner Autobiografie gelungen ist. Zugleich widerlegt Sabrow selbst damit seine Eingangsthese, da es erstaunlich sei, wie stark Honeckers »individuelle und generationelle Lebenserfahrung« durch den »unpersönlichen Charakter der SED-Herrschaft hindurch schimmert.«

Rückseite

4. November 2017

Der Schwur von Buchenwald

Wer kennt den »Der Schwur von Buchenwald«? Ja, sicher einige Passagen… Deshalb hier einmal in voller Länge.

Schwur von Buchenwald

Schwur von Buchenwald

Rudolf Heß durfte marschieren

geschrieben von Markus Roth

21. Oktober 2017

Berliner Senat ermöglicht, was in Wunsiedel nicht mehr geht

Knapp 800 Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet haben zum 30. Todestag von Rudolf Heß in Berlin-Spandau demonstriert. Ein schwacher Trost dabei ist, dass sie es unter Auflagen tun mussten. Laut Verfügung der Versammlungsbehörden durften sie keine eindeutige Huldigung von Heß und des Nationalsozialismus betreiben. Doch schon auf dem Frontbanner stand sein »Ich bereue nichts« mit der Unterzeile »Nationale Sozialisten Berlin«. Viel Eindeutiges stand auf weiteren Spruchbändern und T-Shirts. Was braucht es mehr, um zu beweisen dass da für die Neuauflage des deutschen Faschismus geworben wurde? Während sich Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) für seinen Ausspruch »Wir haben festgestellt, dass die Versammlungsfreiheit auch für Arschlöcher gilt« feiern lässt, müsste in den Fokus gerückt werden, was unterlassen wurde. Es wäre möglich gewesen den Aufmarsch zu verbieten und damit ein Signal auszusenden. Andere Gemeinden haben das vorgemacht und konnten so diese Traditionsmärsche beenden. Die Berliner rot-rot-grüne Koalition hat es noch nichtmal vermocht eine gemeinsame Erklärung gegen diesen Aufmarsch abzugeben. Klare Signale oder Mobilisierungsbemühung seitens der Parteien – Fehlanzeige. Ein Armutszeugnis, wenn selbst einem linken Senat bei offener NS-Verherrlichung nur das banale Mantra der Meinungsfreiheit einfällt.

Der Aufmarsch war für die Initiatoren dennoch kein Erfolg. Rund 250 Neonazis aus Norddeutschland schafften es gar nicht erst nach Spandau, weil durch Gleisprobleme die Anreise im brandenburgischen Falkensee endete. In Spandau wurde der Aufmarsch von rund eintausend Gegendemonstranten blockiert. Zwar unter den wohlwollenden Augen der Politik aber nicht ohne rabiate polizeiliche Gegenwehr. Die Neonazis werden Spandau unter diesen Bedingungen in Zukunft nicht meiden.

Dranbleiben gegen die AfD

geschrieben von Markus Roth

21. Oktober 2017

Vor dem Einzug in den Bundestag – und doch im Abwärtstrend

Schon 2013 sah es so aus, als ob die frisch gegründete Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag einziehen würde. Damals hat sie mit 4,7 Prozent ihr Ziel nur knapp verfehlt. Nun, vier Jahre später, gilt ihr Einzug in das höchste Gremium mit vorhergesagten sieben bis zwölf Prozent als sicher. Den Rückenwind dafür brachten die Wahlerfolge der letzten Jahre. Die begannen mit dem Einzug in das Europaparlament (2014). Insgesamt 13 Landtage und unzählige Kommunalparlamente folgten. Die Wähler-Mobilisierung für die AfD, vom rechten Rand bis in die Mitte der Gesellschaft, ist zwar seit einiger Zeit rückläufig, doch wohl noch nicht ausgestanden. Nach dem 24. September werden wohl einige AfDler im Bundestag Platz nehmen.

»Hoffnungsträger« AfD

Über die Gründe herrscht mittlerweile Einigkeit: Einerseits die inhaltliche Stoßrichtung der AfD, die nationalistischen, bisweilen rassistischen Hochmut mit konservativen Werten und Fragmenten liberaler Wirtschaftspolitik vereint und damit für ein breites Spektrum bis hin zu Neonazis attraktiv ist. Andererseits dürfte für den Erfolg auch die nicht zu unterschätzende Wechsellaune eines größeren Teils der Bevölkerung bestimmend sein, der aus unterschiedlichsten Gründen ernsthaft vom hiesigen Politikzirkus genervt ist. Die AfD hat es offenbar geschafft, vielen Menschen unbegründete Hoffnungen zu machen. Diese Hoffnungen lassen elementare Bestandteile der AfD, wie ihre Offenheit gegenüber dem Neonazi-Spektrum, der in Teilen verbreitete Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und Rassismus für viele als verschmerzbar erscheinen. Während in der Vergangenheit gerade an fehlenden Abgrenzungen nach Rechtsaußen viele Rechtsparteien scheiterten, ist 2017 der mehr oder weniger offene Bezug zum deutschen Faschismus nicht mehr hinderlich, um in den Bundestag einzuziehen. Das müssen wir schmerzvoll und in aller Dramatik wahrnehmen.

Ein »unhappy product«

Auf der anderen Seite konnte bisher nicht überzeugend genug dargelegt werden, dass die AfD keine Alternative zum Bestehenden ist und mit ihr in den Parlamenten, zumindest für einen Teil ihrer Wählerinnen, nichts besser, sondern vieles eher schlimmer wird. Denn mit guten Argumenten war den Ressentiments und dem faktenfernen Gepöbel noch nie beizukommen. Ernsthafte Bemühungen wurden von uns, der VVN, dem bundesweiten Netzwerk Aufstehen gegen Rassismus (AgR) und der unüberschaubaren Landschaft von lokalen und überregionalen Bündnissen durchaus unternommen, um den Erfolg der AfD zu stoppen.

Selbst die Marketingfirma, welche die AfD-Wahlplakate entwickelt hat, bescheinigt der Partei ein »unhappy product« zu sein. Weil sie die Ängste, die sie schürt nicht löst, sondern selbst verkörpert, vermittelt sie ein unangenehmes Lebensgefühl. Interne aber öffentlich ausgetragene Machtstreitigkeiten haben ebenso zur Abwendung der Wähler beigetragen, wie die Garantie, dass keines der Wahlversprechen umgesetzt werden kann, weil keine Partei (zumindest auf Bundesebene) eine Koalition mit der AfD eingehen wird. Letzteres ist der CDU/CSU zu verdanken, die zwar nur ihren Markenkern nicht schwächen will, aber dadurch der AfD die strategischen Wählerinnen abspenstig macht. Gleiches gilt für das Flüchtlingsthema, das die AfD zunächst ertragreich für sich nutzen konnte, nun aber wieder von der CDU/SPD dominiert wird. Auch die (Über)Repräsentation der AfD in den Massenmedien, die wohl das wichtigste Werkzeug des Populismus ist, konnte durch ausdauernde Diskussionen mit Medienmachern und das Aufdecken der Diskursstrategien zumindest reduziert werden.

Ihren Einzug in zahlreiche Parlamente konnte sie aufgrund ihrer schwachen Performance dort nicht wirklich als »einzigartiges Verkaufsversprechen« an potentielle Wähler nutzen. Eine Studie vom WZB (Juni 2017) bescheinigt den AfD-Fraktionen eine miserable Oppositionsarbeit. Statt die Landesregierungen zu kontrollieren, würde vor allem Publicity-trächtige Propaganda gemacht. Eine Lernkurve ist bei den (Neu-)Parlamentarierinnen auch nach Jahren nicht festzustellen. Das Parlament ist für die AfD nur eine weitere Bühne und kein Mittel, um tatsächlich Politik zu machen.

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass unsere Gegenstrategien zur AfD gar nicht so schlecht gegriffen haben. Ihr Erfolgskonzept ist, wie auch in anderen europäischen Ländern, vorerst an Grenzen gestoßen. Ihr Einzug in den Bundestag ist eine Katastrophe, sollte uns aber daran erinnern, nicht locker zu lassen und sie weiter in die Defensive zu drängen.

 

 

Zum Weiterlesen

Wolfgang Schroeder et al: Parlamentarische Praxis der AfD in deutschen Landesparlamenten, Juni 2017 Download: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2017/v17-102.pdf

Unser Titelbild

21. Oktober 2017

VVN-BdA auf der Großdemonstration in Hamburg gegen den G20 Gipfel. Ulf Stephan, r-mediabase

VVN-BdA auf der Großdemonstration in Hamburg gegen den G20 Gipfel. Ulf Stephan, r-mediabase

Editorial

geschrieben von Regina Girod

21. Oktober 2017

Am 1. September jeden Jahres erinnert die internationale  Friedensbewegung an den faschistischen Überfall auf Polen – den Beginn des 2. Weltkriegs, der mehr  60 Millionen Menschen das Leben kostete. Wir veröffentlichen aus diesem Anlass als »Spezial« dieser Aufgabe noch einmal den Vortrag, den Lühr Henken im April 2017 auf dem Bundeskongress der VVN-BdA gehalten hat. »Deutschland rüstet auf« lautet sein Thema und seine Analyse, wie und auf welchen Wegen Deutschland nach der stärksten Wirtschaftsmacht nun auch zur stärksten Militärmacht Europas werden will, ist erhellend und erschreckend zugleich. Es bleibt eine Herausforderung für die Friedensbewegung, diesen Plänen entschieden entgegezutreten, denn »Der Krieg beginnt hier und hier muss er gestoppt werden!« Zum »Spezial« unserer Juli-August-Ausgabe: »Mélenchon und Mouffe« haben wir viele Zuschriften erhalten und ihnen daher zwei Leserbriefseiten dieser Ausgabe gewidmet. Thomas Willms Beitrag hat widersprüchliche, ja gegensätzliche Reaktionen ausgelöst: Zustimmung und Ablehnung, verständnisvolles Aufnehmen und Weiterführen seiner Gedanken aber auch Zurückweisung und Abwertung. Als Redaktion hatten wir mit solcher  Art Wirkung gerechnet, sie spiegelt die Lage in der politischen Linken und der antifaschistischen Bewegung wider. In einer Situation, in der nationalistische, rassistische, rechtspopulistische und offen faschistische Bewegungen an Boden gewinnen, sucht die Linke nach einer Gegenstrategie. In einer Reihe grundsätzlicher Fragen existieren dazu unterschiedliche Positionen, darunter auch zur Rolle und den Aufgaben antifaschistischer Bewegungen heute. Diese Positionen müssen dargestellt und diskutiert werden und dieser Aufgabe fühlen wir uns als  antifa-Redaktion verpflichtet. Allerdings ist das Führen fortlaufender Diskussionen in einer Zeitschrift, die nur alle zwei Monate erscheint, fast aussichtslos. Auf unserer Redaktionskonferenz im Oktober werden wir deshalb über weitere Möglichkeiten der Förderung dieses Verständigungsprozesses diskutieren.

 

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