Unser Rücktitel

11. Juli 2023

Zehntausende beteiligen sich am 15. Juni 2023 an einem Protest im Zentrum von Athen, einen Tag nach dem Schiffsunglück vor der griechischen Küste, mit mehr als 500 Toten und Vermissten. Foto: Iason Raissis

Zehntausende beteiligen sich am 15. Juni 2023 an einem Protest im Zentrum von Athen, einen Tag nach dem Schiffsunglück vor der griechischen Küste, mit mehr als 500 Toten und Vermissten. Foto: Iason Raissis

Ausgabe Mai/Juni 2023

geschrieben von Nils Becker

30. April 2023

Erinnern 2022 in Solingen, Foto: Jochen Vogler/ r-media-base.eu

Unser Titelbild zeigt das Erinnern 2022 in Solingen an den rassistischen Brandanschlag, an dessen Opfer auch in diesem Jahr gedacht wird. Vor nunmehr 30 Jahren wurden fünf Mitglieder der Familie Genç umgebracht, acht Menschen verletzt. Kurz vor der Tat war das Asylrecht in der Bundesrepublik faktisch abgeschafft worden. Foto: Jochen Vogler/ r-media-base.eu

Wer kennt hierzulande die Verteidiger des Warschauer Ghettos Mordechaj Anielewicz oder Marek Edelman? In Polen kennen sie alle. Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Rede zum 80. Jahrestag des Aufstands in Polen mahnend auf die unterschiedlichen Erinnerungskulturen hingewiesen und dennoch hinzugefügt: »Wir Deutsche wissen um unsere Verantwortung, und wir wissen um den Auftrag, den die Überlebenden und die Toten uns hinterlassen haben. (…) Für uns Deutsche kennt die Verantwortung vor unserer Geschichte keinen Schlussstrich.« Zwischen all den salbungsvollen Floskeln muss sich Steinmeier die Frage gefallen lassen, warum die historische Verantwortung Deutschlands dazu verleitet, sich als fünftgrößter Waffenexporteur an Kriegen weltweit zu beteiligen – von den schwachen Bemühungen, Konflikte politisch zu verhindern, ganz zu schweigen. Apropos Warschau: Was ist eigentlich aus den Reparationsforderungen geworden? Die lehnt Deutschland bekanntlich ab. Es ist wirklich kein »Wunder«, dass es Versöhnung in Europa gibt, sondern Ausdruck der zwischenstaatlichen Kräfteverhältnisse, dass deutsche Interessen regelmäßig obsiegen. Wir freuen uns, dass auch in dieser Ausgabe dieser besondere Zynismus an mehreren Stellen entlarvt wird. Noch zwei weitere Dinge, über die wir uns als Redaktion freuen: Wir gratulieren unserer Autorin Janka Kluge zu ihrem juristischen Sieg gegen die Rome Medien GmbH (gehört dem Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt). Janka ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Trans­identität und Intersexualität e. V. (dgti). In einem Onlinebeitrag war Janka bewusst dem falschen Geschlecht »Mann« zugeordnet worden und sie wehrte sich gegen das Misgendern erfolgreich am Landgericht Frankfurt am Main. Ein weiterer Punkt: Mit dieser Ausgabe überschreitet antifa erstmalig die symbolische Grenze von 10.000 Exemplaren. Einerseits weil die Mai/Juniausgabe immer größeren Absatz findet, andererseits aber auch weil die Mitgliederzahlen unseres Verbandes sich weiter positiv entwickeln.

Inhalt der Ausgabe

Zeitgeschehen
Björn Höcke ist ein Nazi – Zeit für eine antifaschistische Kampagne (Thomas Willms)
Metaphorische Affen – Zum Plädoyer der Bundesanwaltschaft im Antifa-Ost-Verfahren (Alena Lagmöller)
Feindbild und Projektion – Anmerkungen zu Dirk Oschmanns Buch »Der Osten: eine westdeutsche Erfindung« (Regina Girod)
Ostermarsch reloaded – Genauer hingeschaut, wer wo zu Ostern auf die Straße ging (Ulrich Schneider)
Schöne Verpackung – Leitlinie »feministische Außenpolitik« oder die Quadratur des Kreises (Jacqueline Andres und Yasmina Dahm)
Sturm im Kreistag – Upahl: Beispiel einer rassistischen Mobilisierung in Nordwestmecklenburg (Axel Holz)
Niemals vergessen – Zum 30. Jahrestag des Solinger Brandanschlags (Inge Krämer)
Meldungen
Ich gab ein Versprechen ab – Gisela Heiden über ihren Großvater und den Kampf um die KZ-Gedenkstätte Sachsenburg (Interview von Maxi Schneider)
Ein Pulverfass – Welche Fragen nach dem Blutbad in Hamburg gestellt werden und welche nicht (Juliet Schnabel)
Sichtbarkeit erhöhen – Bau- und Begegnungstage der »Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e. V.« (Interview mit Nandi von der Initiative von Andreas Siegmund-Schultze)
Endloses Wettrüsten – Gedanken zu Frieden in Europa nach dem 9. Mai 1945 und aktuellen Kriegen (Florian Gutsche)
Vorstoß zur Querfront – Berlin: »Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden« konferierte mit extrem Rechten (Mathias Wörsching)

Leser:innenbriefe
Neue Dinge entdecken – Zur Webveranstaltung »NS-Vergleiche. Die deutsche Debatte um den Ukrainekrieg« (Thomas Hacker)
Zu antifa März-/Aprilausgabe, »Esthers Vermächtnis«, Seite 29 schreibt unsere Autorin Janka Kluge

Spezial: Rechte Rekrutierung
Verschwundene Kinder Eltern halten Nachwuchs von Schulen fern und orientieren sich an rechten Lernkonzepten (Lotta Maier/Andrea Röpke)
Wie in der »Hitlerjugend« – In Herboldshausen finden regelmäßig Veranstaltungen des neonazistischen und völkischen Milieus statt (Timo Büchner)

Porträt
Jahrzehnte engagiert im Bild – Der Künstler Guido Zingerl verstarb mit 90 Jahren (Ernst Antoni)

Geschichte
Abrechnung mit einem Mythos – Francesco Filippi korrigiert das Bild des italienischen Faschisten Benito Mussolini (Maurice Schuhmann)
Systematisch ausgeplündert – Bremen: »Arisierungs«-Mahnmal zum Raub an jüdischer Bevölkerung im NS-Staat (Henning Bleyl)
Stichtag der Barbarei – Zuerst brannten die Bücher: Zum 10. Mai 1933 in Nazideutschland (Janka Kluge)
Die Gleichschaltung – Schaffung kriegsbereiter »Volksgemeinschaft«: Der Weg zur Macht. Teil 5 und Ende der Serie (Ulrich Schneider)

Internationales
Demokratie oder Rebellion – Die Antiregierungsproteste in Israel zur Verteidigung des Rechtsstaats (Warda Morzi, Hashomer Hatzair)
Nicht mal mehr eine Fassade – EU: Hohe Haftstrafen für Geflüchtete und Helfende auf dem Mittelmeer (Jürgen Weber)

Kultur
Umkämpftes Feld – »Iftach el bab!« (»Tür auf!«): Meron Mendels Buch »Über Israel reden« (Sebastian Schröder)
Bitte keinen Krach – Das Buch »Massenradikalisierung«: Von der Mitte, für die Mitte, über die Mitte (Juliet Schnabel)
Naturaneignung – Klimakrise als möglicher faschistischer Mobilmacher (Nils Becker)
Zur Weltveränderung – Feministische Theorie als Ansage für den Umsturz. Ein Essayband vom Kollektiv MF 3000 (Peps Gutsche)
Das unbekannte Wesen – Richard Rohrmosers »Antifa«-Buch: Hohe Ansprüche, banal in der Umsetzung (Bernd Kant)
Aufräumen mit einem Mythos – Garantin einer rechtsstaatlichen Ordnung? Zwei Bücher zur Polizei (Christian von Gélieu)
Skrupulös komponiert – Hans-Albert Walters Anthologie über deutsche Exilliteratur (Janka Kluge)
Zeugnis ablegen – Zwei Veröffentlichungen zu Erinnerungen aus den KZs (Gerald Netzl)

Björn Höcke ist ein Nazi

geschrieben von Thomas Willms

29. April 2023

Zeit für eine antifaschistische Kampagne

Am 26. September 2019 fasste das Verwaltungsgericht im beschaulichen südthüringischen Meiningen einen Beschluss zuungunsten der Stadtverwaltung Eisenach. Diese hatte – besorgt um die öffentliche Ordnung und das Persönlichkeitsrecht eines gewissen Björn Höcke – eine Demonstration verboten, die als »Protest gegen die rassistische AfD, insbesondere gegen den Faschisten Höcke« angekündigt worden war.

Wühlt man sich durch die acht Seiten Juristerei mit ihren endlosen doppelten Verneinungen, findet man den inhaltlichen Kern der Angelegenheit: Wer ist Björn Höcke? Oder genauer: Was ist Björn Höcke? Björn Höcke ist ein Nazi weiterlesen »

Metaphorische Affen

geschrieben von Alena Lagmöller

29. April 2023

Zum Plädoyer der Bundesanwaltschaft im Antifa-Ost-Verfahren

Erinnern Sie sich noch an 2015? Es war das Jahr, in dem die ersten Geflüchteten aus Syrien in Deutschland ankamen und tausende »Besorgte« zu Pegida-Veranstaltungen strömten. Die Welt war eine andere. Geht es nach der Bundesanwaltschaft wird Lina E., Hauptangeklagte im Antifa-Ost-Prozess, erst in acht Jahren in einer ebenso veränderten Welt das Gefängnis verlassen.

Die Bundesanwaltschaft erinnert durch ihre Beweisführung an die metaphorischen Affen, die wahlweise nichts hören, nichts sehen oder nichts sagen: Entlastungsbeweise wurden nicht zureichend gewürdigt, über Widersprüche wurde mit Nonchalance hinweggegangen. Und schließlich hat man dann auch nicht zu intensiv nachgefragt, wenn sich die illustre Zeugenschar aus gewaltbereiten Neonazis und einem »Szeneaussteiger« im Zeugenschutzprogramm entweder an überhaupt nichts erinnerte oder scheinbar wahllos Personen vom Sprayer bis zum Fußballfan als Komplizen der sonst so klandestinen kriminellen Vereinigung nannte. Metaphorische Affen weiterlesen »

Feindbild und Projektion

geschrieben von Regina Girod

29. April 2023

Anmerkungen zu Dirk Oschmanns Buch »Der Osten: eine westdeutsche Erfindung«

Um es gleich vorweg zu sagen: Diese Streitschrift muss man lesen! Sie verhandelt nicht nur die asymmetrischen Verhältnisse von Ost- und Westdeutschen seit 1990, sondern liefert immanent eine Zustandsbeschreibung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2023, die es in sich hat. Feindbild und Projektion weiterlesen »

Ostermarsch reloaded

geschrieben von Ulrich Schneider

29. April 2023

Genauer hingeschaut, wer wo zu Ostern auf die Straße ging

Rhein-Ruhr: Man kann ihn als »Klassiker« beschreiben, den Ostermarsch Rhein-Ruhr. Er begann mit einer Auftakt-kundgebung vor der Urananreicherungsanlage der Urenco in Gronau, wo für den Atomausstieg und gegen die Gefahr eines Atomkrieges demonstriert wurde. Am Karsamstag zogen laut Medienberichten etwa 600 Menschen von Duisburg nach Düsseldorf. Weiter ging es mit Friedensaktionen in zehn NRW-Städten und endete schon traditionell am Ostermontag auf dem Dortmunder Hansaplatz, wo noch einmal an Willi Hoffmeister (1933–2021) erinnert wurde, der Jahrzehnte eine treibende Kraft der Ostermärsche war. Nicht nur im Aufruf, auch auf dem Plakat hieß die klare Botschaft: »Rechtsextremisten und Neonazis bleiben vom Ostermarsch ausgeschlossen«. Trotz schlechter Witterung waren mehrere Tausend auf den Beinen. Ostermarsch reloaded weiterlesen »

Schöne Verpackung

geschrieben von Jacqueline Andres und Yasmina Dahm

29. April 2023

Leitlinie »feministische Außenpolitik« – oder die Quadratur des Kreises

Als »feministisch« versteht sich die Außenpolitik des Auswärtigen Amtes (AA) aufgrund dreier oberflächlicher »R«-Alliterationen: Rechte, Repräsentanz und Ressourcen. Zu den Rechten heißt es: »Wir setzen uns dafür ein, dass die Rechte von Frauen und Mädchen weltweit geachtet und gefördert werden«. Dieser Absicht widersprechen beispielsweise die bewusst in Kauf genommenen offenkundigen tagtäglichen Frauenrechtsverletzungen in den EU-finanzierten Folterlagern in Libyen, also Haftanstalten für Flüchtende unter der Kontrolle der sogenannten Küstenwache und anderer staatlicher Einrichtungen. Das zweite »R« steht für Repräsentanz: Hierbei geht es um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen* in allen Gesellschaftsbereichen, unter anderem durch die Stärkung der Repräsentanz von Frauen* und marginalisierten Gruppen in der Außenpolitik. Doch mehr Botschafterinnen machen die zu übermittelnden Botschaften und Ziele des AA noch lange nicht feministisch. Das dritte »R« steht für Ressourcen: Frauen* und marginalisierte Gruppen sollen den gleichen Zugang zu finanziellen, personellen und natürlichen Ressourcen bis zu immateriellen Ressourcen haben, so der fast utopisch anmutende Anspruch. Schöne Verpackung weiterlesen »

Sturm im Kreistag

geschrieben von Axel Holz

29. April 2023

Upahl: Beispiel einer rassistischen Mobilisierung in Nordwestmecklenburg

Im 500-Seelen-Dorf Upahl in Nordwestmecklenburg sollte schon laut Beschluss von Ende Januar eine Containerunterkunft für 400 Geflüchtete entstehen. Dagegen demonstrieren seit Monaten Menschen im Ort, aber auch in anderen nahe gelegenen Dörfern und unter Polizeischutz vor dem Kreistag in Grevesmühlen. Am 26. Januar wollten einige der 700 Demonstrant:innen den Kreistag stürmen – bei 120 eingesetzten Beamt:innen. Bis heute ist die Atmosphäre weiter aggressiv.

Regelmäßig sind unter den Demonstrant:innen auch AfD-Anhänger:innen und -Abgeordnete. Im Hintergrund aktiv und vor Ort präsent ist die eng vernetzte Neonaziszene der Region. Nicht zuletzt aus dem Dorf Jamel, in dem sich in den letzten Jahren eine extrem rechte Übermacht breitgemacht hat. Neonazis sowie andere Demokratieverächter und Menschenfeinde fokussieren sich gut darauf, Gruppen zu manipulieren, Hetze zu verbreiten, Ängste zu schüren und Kommunikationsdefizite der Behörden auszunutzen, kommentierte Daniel Trepsdorf vom Regionalzentrum für demokratische Kultur am 27. Januar die Situation im NDR-Journal. Tatsächlich wurde die Gemeinde an der Entscheidung des Landkreises nicht beteiligt. Sturm im Kreistag weiterlesen »

Niemals vergessen

geschrieben von Inge Krämer

29. April 2023

Zum 30. Jahrestag des Solinger Brandanschlags

Anfang der neunziger Jahre brannten Häuser und Wohnungen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerswerda und schließlich auch in Solingen. Brandgeruch lag über der Stadt. Fünf Mitglieder der Familie Genç kamen dabei am frühen Morgen des 29. Mai 1993 durch das Feuer ums Leben. Mit jedem dieser Opfer, Frauen und Kinder, endete ein hoffnungsvolles Leben, das durch Rassismus und Hass zerstört worden ist. Acht Angehörige wurden verletzt. Niemals vergessen weiterlesen »

Meldungen

29. April 2023

Rechter Autor tot

Der »Sturmzeichen-Verlag« von Sascha Kroizig (NPD) meldete Ende Februar das Ableben seines Autors Jürgen Schwab. Schwab verfasste rund ein Dutzend Bücher. Noch im Dezember 2022 nahm er am »DS-Netzwerktreffen« in Lauchhammer teil.

Knarre am Kopf

Dortmunder Neonazis griffen in der letzten Märzwoche das alternative Wohn- und Nachbarschaftsprojekt Haldi47 in Bochum-Hamme gleich zweimal an. Beim ersten Mal wurden Scheiben eingeworfen und rechte Parolen geschmiert. Einige Nächte später drangen Neonazis in das Haus ein, verletzten eine Person mit Pfefferspray und hielten ihr eine Schreckschusspistole an den Kopf.

U-Ausschuss zu Neukölln

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