Ewige Wahrheiten?

geschrieben von Für die antifa sprach Regina Girod mit dem
Bundessprecher der VVN-BdA, Ulrich Schneider und dem Schatzmeister der VVN-BdA,
Richard Häsler.

5. September 2013

antifa-Gespräch mit Richard Häsler und Ulrich
Schneider

Sept.-Okt. 2012

Die verbandsoffene Diskussion findet am Samstag, dem 29. September, von 12 bis 16 Uhr im »Blauen Café«, Landgraf Karl-Str. 26, in Kassel statt. Das »Blaue Café« befindet sich 5 Minuten zu Fuß vom Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe entfernt.

antifa: Der Bundesausschuss der VVN-BdA hat für den 29. September zu einer verbandsinternen Diskussion zum Thema »Der 80. Jahrestag der Machtübertragung an Hitler« nach Kassel eingeladen. In der Einladung ist von unterschiedlichen Positionen die Rede, die ihr beide zur Einleitung vortragen werdet. Was erwartet ihr von dieser Veranstaltung, worauf sollten sich die Teilnehmer einstellen?

Ulrich Schneider: Ich erwarte, dass es uns gelingt, einen Prozess der Selbstverständigung über originäre historische Themen in Gang zu setzen, die für die Politik unseres Verbandes bestimmend sind. Das haben wir in den letzten Jahren etwas versäumt. Ich glaube, dass wir diese Diskussion in Kassel nun wieder beginnen können.

Richard Häsler: Auch ich halte die Diskussion historischer Themen für notwendig. Die Forschungen zum 3. Reich sind umfangreich, auch widersprüchlich, äußere Bedingungen ändern sich, neue Probleme tauchen auf und alte verlieren an Sprengkraft. Das führt zwangsläufig zu Veränderungen in der Geschichtsbetrachtung. Ich nenne dazu Beispiele: Der Historikerstreit Anfang der 90er Jahre, die Diskussionen um Goldhagen oder die Auswirkungen der politischen Veränderungen in Osteuropa.

Ulrich Schneider: Doch solche Fragen wie »Was ist faschistische Gefahr ?«, oder »Was bedeutet Faschismus an der Macht?« sind ja nicht überholt, sie müssen immer wieder im neuen Kontext behandelt werden.

antifa: Glaubt ihr, dass es Auffassungen über die Geschichte gibt, die für eine Organisation wie die VVN-BdA so wichtig sind, dass ihre Mitglieder dazu eine einheitliche Auffassung haben müssen, um überhaupt handlungsfähig zu sein?

Ulrich Schneider: Ja, das ist meine Überzeugung.

Richard Häsler: Das wird einer der Knackpunkte der Diskussion in Kassel sein: Nach meiner Meinung ist es unter den Historikern mittlerweile Konsens, dass die marxistischen Nationalismusanalysen am Ende sind. Im besten Fall haben sie einen Großteil an ihrer früheren Ausstrahlungskraft verloren, im schlechtesten Fall ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Ulrich Schneider: Ich bin als Historiker da anderer Meinung, aber das ist nicht das Problem. Die VVN-BdA ist ja kein Historikerverband, sondern eine politische Organisation. Neue Auffassungen zum Faschismus, seinen Wurzeln und seinen Gefahren sind ja für uns keine akademischen Fragen, sondern müssen im Zusammenhang mit unserer politischen Positionen gesehen werden. Die Auseinandersetzungen über das Geschichtsbild einer Gesellschaft sind immer politische Auseinandersetzungen. Im Historikerstreit 1986 formulierte Prof. Stürmer: Wer in einem »geschichtslosen Land« die Erinnerungen prägt, gewinnt die Geschichte.

antifa: Richard, du kommst aus dem Osten, Uli stammt aus dem Westen. Wie ist das mit euren grundlegenden Auffassungen zur Geschichte, haben sie sich in den letzten 20 Jahren verändert?

Richard Häsler: Auch wenn ich aus der DDR komme, teile ich die marxistisch-leninistische Auffassung zum Faschismusbegriff nicht. Sie war mir immer zu schematisch. Ich habe mein Geschichtsbild inzwischen durch die verschiedensten Quellen erweitert, was nicht heißen muss, dass ich jede neue Auffassung kritiklos übernommen habe. Zum Beispiel finde ich das hochgelobte Goldhagen- Buch »Hitlers willige Vollstrecker« ein schlechtes Buch. Trotzdem hat Goldhagen etwas bewirkt, er hat die politische Sozialisation der deutschen Bevölkerung zum Thema gemacht, die Frage nach den Grundlagen der Massengefolgschaft eröffnet. Das hat meine Sicht auf die Geschichte schon verändert.

Ulrich Schneider: Ich habe auch in den zurückliegenden Jahren viele neue Erkenntnisse aufgenommen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Wehrmachts-Ausstellung oder in der Zwangsarbeiterdebatte. Inzwischen gibt es Forschungen zu Detailfragen, die früher überhaupt noch nicht gestellt wurden, zum Beispiel die so genannte »Täterforschung«. Diese Dinge haben mein Geschichtsbild bereichert, aber sie haben meine Kernvorstellungen von der Geschichte eher bestätigt. Ich habe ja in den ideologischen Auseinandersetzungen, z.B. zum Thema »Deutsche als Opfer«, Positionen bezogen. In solchen Fragen hat sich meine Auffassung überhaupt nicht geändert.

Richard Häsler: Das geht mir genauso. In Bezug auf die Machtübertragung an Hitler haben wir vielleicht sogar ähnliche Positionen. Ich denke aber, wir müssen historische Wahrheiten akzeptieren. Dazu zählt nicht die ewige Wiederholung des Satzes vom Großkapital, das Hitler an die Macht gebracht hat. Die von linker Seite behaupteten massiven Unterstützungen seitens der Industrie trugen zum Aufstieg des Nationalsozialismus in dieser Phase wenig bei. Da sollten wir uns lieber die Forschungsergebnisse darüber ansehen, wer die NSDAP bis dahin finanziert und wer sie im März 1933 gewählt hat.

antifa: Ich danke Euch für das offene Gespräch und bin gespannt auf seine Weiterführung in Kassel.