Was von 9/11 bleibt

geschrieben von André Wartmann

4. September 2026

Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen: Überwachung, Generalverdacht und rechte Hetze

Dieses Jahr jähren sich die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center zum 25. Mal. Der größte Angriff auf die USA vor einem Vierteljahrhundert – 60 Jahre nach Pearl Harbor – markierte eine Zäsur nicht nur für das Land, sondern für den gesamten kapitalistischen Westen. Dieser und seine liberale Werteordnung, geprägt von Wohlstand, Wachstum und Fortschritt, oft zulasten anderer Erdteile, waren siegreich aus dem Kalten Krieg hervorgegangen. Am 11. September 2001 zeigte sich, wie verwundbar dieses System dennoch war.

Wie verwundbar, das zeigte sich vor allem in Bildern: die brennenden Türme, Menschen, die hilflos in den oberen Stockwerken eingeschlossen waren, die einstürzenden Gebäude. Diese Bilder gingen in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation ein. Rund 3.000 Menschen starben bei den Anschlägen, viele werden bis heute vermisst oder leiden an Spätfolgen. Unzählige Geschichten und antisemitische Verschwörungserzählungen entstanden seitdem – manche davon sind bis heute präsent. Was von 9/11 bleibt weiterlesen »

Jeden Dienstag ein Zug

geschrieben von Gerald Netzl

4. September 2026

Wie die Niederlande an die Lager der deutschen Besatzung erinnern

Die Kleinstadt Vught liegt etwa 3,5 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt ’s-Hertogenbosch. Dort, im Süden der Niederlande, entstand ab 1942 das einzige SS-Konzentrationslager außerhalb Nazi-Deutschlands; ab Januar 1943 war es belegt. Seine offizielle Bezeichnung war Konzentrationslager Herzogenbusch, in den Niederlanden spricht man vom Kamp Vught. Besonders perfide: Die Errichtungskosten von fünfzehn Millionen Gulden (entspricht heute rund 136 Millionen Euro) mussten die Juden der Niederlande tragen. Obwohl es formal ein »richtiges« KZ war, gab es im Lager selbst vergleichsweise niedrige Opferzahlen. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten und auch das Lager selbst am Laufen halten. Darüber hinaus wurden sie zunehmend für die deutsche Kriegsindustrie eingesetzt. Jeden Dienstag ein Zug weiterlesen »

Sechs Jahrzehnte Erinnern

geschrieben von Bernd Hüttner

4. September 2026

Neue Studien zum Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag 326

Das »Stalag 326 (VI K) Senne« in Schloß Holte-Stukenbrock (einer Kleinstadt südlich von Bielefeld) war eines der größten NS-Kriegsgefangenenlager. Dort waren vor allem sowjetische Kriegsgefangene interniert. Besonders ist, dass es an diesem Ort seit April 1945 Bemühungen um Gedenken und Aufarbeitung gab. Erst 1967 gründete sich der bekannte Arbeitskreis »Blumen für Stukenbrock«, eine der ältesten Gedenkstätteninitiativen an sowjetischen Kriegsgräberstätten in der Bundesrepublik Deutschland.

Im März 2026 ist nach fast vier Jahren Arbeit der Sammelband zur Geschichte der Gedenkstätte »Stalag 326« erschienen. Der Ursprung des Buches liegt in einem Projektseminar von Prof. Dr. Christina Morina und Jens Hecker im Wintersemester 2022/2023 an der Universität Bielefeld. Die aus dem Seminar hervorgegangenen Arbeiten der Studierenden sind nun gemeinsam publiziert worden, bereichert um einleitende Beiträge der HerausgeberInnen, einen postum veröffentlichten Aufsatz des 2024 leider verstorbenen Prof. Habbo Knoch und einen ausführlichen Anhang. Sechs Jahrzehnte Erinnern weiterlesen »

Verpasste Einheitsfront

geschrieben von Peter Nowak

4. September 2026

Das Reichsbanner verweigerte sich dem Bündnis mit der KPD

Der Berliner Historiker Hans-Rainer Sandvoß hat sich mit seinen Forschungen über den sozialdemokratischen Widerstand gegen den deutschen Faschismus große Verdienste erworben. Letztes Jahr hat er im Metropol-Verlag unter dem Titel »Schutztruppe der Republik« ein Buch über das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Berlin und Brandenburg in den Jahren 1924 bis 1933 veröffentlicht. Es war sein Beitrag zum 100. Geburtstag des SPD-nahen Reichsbanners, der aber in der Öffentlichkeit wenig Beachtung gefunden hat.

Justiz als Hofiererin der Nazis

Ausführlich würdigt Sandvoß in dem Buch die Reichsbanner-Mitglieder, die Opfer des Naziterrors wurden. Der rechte Terror begann bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Ausführlich geht Sandvoß auf Naziüberfälle 1930 in Röntgental und Mittenwalde ein. Er zeigt auch, wie die Justiz die Nazis begünstigte und Reichsbanner-Mitglieder, die sich gegen den rechten Terror wehrten, zu langen Gefängnisstrafen verurteilte. Nach 1933 wurden viele Reichsbanner-Mitglieder in die Illegalität gedrängt, mussten emigrieren oder wurden ermordet. Verpasste Einheitsfront weiterlesen »

Kann das mal weg?

geschrieben von Christian Viefhaus

4. September 2026

Ein Verein in Berchtesgaden kämpft gegen Hindenburgs Ehrung – jetzt mit Film

Berchtesgaden dürfte den meisten Mitgliedern der VVN-BdA bekannt sein: Kehlsteinhaus, Obersalzberg, ein zentraler Ort des Führerkults, neben Berlin das zweite Herrschaftszentrum der Nazis und ab 1933 ein regelrechter Sehnsuchts- und Wallfahrtsort für Hitler-Anhänger.

Auch wenn Hitlers »Berghof« lange abgerissen ist, zieht das Areal am Obersalzberg noch immer Menschen aus rechten Kreisen an. Ein Umstand, mit dem sich viele im Berchtesgadener Talkessel nicht abfinden wollen. Nachdem in der Kneipe »Kuckucksnest« ein Gast ohne Vorwarnung von Neo-nazis attackiert wurde, gründete sich Anfang 2024 der Verein »Berchtesgaden gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie«. Kann das mal weg? weiterlesen »

Ambivalenter Mut

geschrieben von Bernd Kant

4. September 2026

Jüdischer Alltagswiderstand zwischen 1933 und 1943

Es ist von einem Buch zu sprechen, das 2023 in den USA und 2026 beim Wallstein Verlag erschien, mit biografischen Geschichten jüdischer Menschen – einem Kaufmann, einer Hausfrau, einem Immobilienmakler und zwei Jugendlichen –, die sich in Deutschland und Österreich zwischen 1933 und 1943 resistent verhielten. In einer Verlagsbeschreibung zur englischen Ausgabe »Resisters« heißt es: »Jede dieser Geschichten steht für eine Kategorie des individuellen Widerstands: schriftlicher Protest, mündlicher Protest, Anfechtung der NS-Propaganda, Missachtung antijüdischer Gesetze und Maßnahmen sowie Selbstverteidigung gegen physische Angriffe. Auch steht jede Geschichte für viele andere, wie der Autor an weiteren Beispielen zeigt.«

Dass solch widerständiges Verhalten für die jüdischen Männer und Frauen Konsequenzen hatte, steht außer Zweifel. So wurde beispielsweise David Bornstein in Hamburg der Prozess gemacht, weil er angeblich absichtlich ein Hakenkreuz an einem Reisebus zerkratzt haben soll. Trotz seiner wiederholten Beteuerung, dass er dieses Symbol nicht habe beschädigen wollen, beharrten Nazizeugen darauf, dass die Schramme von »dem Juden« bewusst verursacht wurde. Bornstein wurde daraufhin wegen Missachtung eines Hoheitszeichens verurteilt. So absurd dieser Vorgang klingt, so ambivalent ist jedoch die Einordnung dieses Vorgangs als »jüdischer Widerstand« gegen NS-Symboliken. Ambivalenter Mut weiterlesen »

Kultur als Kampffeld

geschrieben von Lisa Mangold

4. September 2026

Vokabular und Schauplätze der Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten«

Um den Debattenstand über kulturpolitische Strategien und Hegemoniepolitik der »Neuen Rechten« zu beleuchten, setzt der neue Sammelband auf ein Fundament aus Rechtsextremismus-Forschung sowie Literatur- und Sozialwissenschaft. Die Autor*innen stellen Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen vor und verbinden sie zu einer gewinnbringenden Deutung der Strategien der »Neuen Rechten«. Die Kapitel sind jeweils von ein bis zwei Autor*innen verfasst und von allen Mitwirkenden diskutiert worden. Das trägt zur guten Verständlichkeit der Ausführungen bei. Kultur als Kampffeld weiterlesen »

Kraft statt Kapitulation

geschrieben von Peps Gutsche

4. September 2026

Trainierbare Widerstandsfähigkeit gegen die Dauerkrise

Durch die Polykrisen der Gegenwart sind viele Menschen belastet, ausgelaugt und voller Zukunftsängste. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty zeigt in ihrem neuen Buch auf, wie eng mentale Gesundheit und der Einsatz für Demokratie sich wechselseitig bedingen. Widmen sich ihre vorherigen Bücher noch der Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen und den Gefahren von Esoterik, verschiebt sich in diesem Buch ihr Fokus von Risiken für die Gesellschaft hin zu Schutzfaktoren. Dabei geht sie von einer einfachen These aus: Stress, Hoffnungslosigkeit und Rückzug belasten nicht nur Individuen, sondern auch die Demokratie, da Teilhabe dadurch nicht wahrgenommen werden kann. Gleichzeitig können gesellschaftliches Engagement und Mitbestimmung einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit von Menschen haben – und sie so besser auf Krisen vorbereiten oder diese überstehen lassen. Kraft statt Kapitulation weiterlesen »

Momentaufnahme im Sumpf

geschrieben von André Wartmann

4. September 2026

Ein populärer Streifzug durch die Ära Trump

Im 250. Jahr des Bestehens der USA und wenige Monate vor den Midterm-Wahlen im November erscheint mit »Trumps Welt« ein neuer Band des Politikwissenschaftlers Stephen Eric Bronner. Das Buch ist keine chronologische Monografie, sondern eine Sammlung von 16 überarbeiteten Beiträgen, die größtenteils auf Social-Media-Posts der vergangenen zehn Jahre basieren und Orientierung im Sumpf der Dekrete und willkürlichen Entscheidungen der zweiten Trump-Administration liefern sollen. Der Autor schreibt bewusst populär und kommt fast ohne Fußnoten aus – das erleichtert den Zugang, an manchen Stellen hätte man sich aber eine tiefere Erklärung oder einen Quellenhinweis gewünscht.

Bronner beginnt mit einer historischen Einordnung: Die US-Demokratie in ihrer heutigen Form existiert eigentlich erst seit dem Civil Rights Act von 1964, und die Sehnsucht der MAGA-Welt nach den »guten alten Zeiten« ist untrennbar mit der rassistischen Tradition des Landes und einer im Vergleich zu Europa um Jahrzehnte hinterherhinkenden Sozialgesetzgebung verbunden. Besonders bemerkenswert ist Bronners These, dass Trump seine Stimmen im Wesentlichen aus denselben Staaten bezieht, die einst die Sklaverei verteidigten – und dass die Südstaaten, langfristig betrachtet, den Bürgerkrieg eigentlich gewonnen haben. Angesichts des Wiedererstarkens des weißen Nationalismus als Machtbasis Trumps liegt der Autor damit kaum falsch. Momentaufnahme im Sumpf weiterlesen »

Ein Stachel im Fleisch

geschrieben von Janka Kluge

4. September 2026

Ruth Hoffmann über den langen deutschen Streit um den 20. Juli 1944

Die Journalistin Ruth Hoffmann nimmt den 80. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 zum Anlass für eine Geschichte des Erinnerns: wie Deutschland mit dem Widerstand gegen die Nazis umgegangen ist. Nach der Befreiung 1945 galten die Männer um Stauffenberg als Vaterlandsverräter, für die Opfer interessierte sich kaum jemand. Geändert hat sich diese Wahrnehmung erst durch Fritz Bauer. Der Jurist, als jüdischer Sozialdemokrat aus Deutschland geflohen, hatte sich im Exil mit der Frage befasst, wie eine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen gelingen kann. Ein Stachel im Fleisch weiterlesen »

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