Die Fotos der »Unsterblichen«

geschrieben von Klaus Holdefehr

7. Juli 2026

Neue Bilder eines NS-Verbrechens lösen in Griechenland Debatten über Erinnerung und Widerstand aus

Die Gesichter sind ernst. Ernst und entschlossen. Keine Spur von Angst ist zu erkennen, obwohl die Männer auf den Fotos wissen, dass sie dem Tod entgegengehen. Einige haben den Mund geöffnet. Vielleicht singen sie. Die griechische Nationalhymne? Die Internationale? Sicher ist nur: Die Aufnahmen zeigen die Menschen, die wenige Minuten später von deutschen Besatzern ermordet werden.

Mitte Februar tauchten auf dem internationalen Militariamarkt bislang unbekannte Fotografien auf, die die Hinrichtung von 200 griechischen Kommunisten (es waren ausschließlich Männer) am 1. Mai 1944 auf dem Schießstand von Kessariani dokumentieren. Inzwischen wurden die Bilder als authentisch bestätigt. Die Erschießungen waren eine Vergeltungsmaßnahme der deutschen Besatzungsmacht für die Tötung des Wehrmachtsoffiziers Franz Krech und dreier Begleiter durch griechische Partisan*innen wenige Tage zuvor. Dabei kam erneut die zynische »Sühnequote« von 50 Geiseln für einen getöteten Deutschen zur Anwendung. Die Fotos der »Unsterblichen« weiterlesen »

Notwendiges Erinnern

geschrieben von Manfred Weißbecker

7. Juli 2026

»Unternehmen Barbarossa«: 85 Jahre nach dem Naziüberfall auf die Sowjetunion

Ohne Kriegserklärung begann am 22. Juni 1941 der deutsche Überfall auf die UdSSR. Offiziell hieß es, gerichtet an die Öffentlichkeit im Ausland wie an die deutsche Bevölkerung, man sei zu »militärischen Gegenmaßnahmen« gezwungen worden. Hitler verbot, von Krieg zu sprechen. Propagandistische Verschleierung und bewusste Irreführung lenkten von eigener Kriegsschuld ab. Diese wies man »anderen« zu, gemäß einer Methode, die bereits im Ersten Weltkrieg praktiziert worden ist. Verkündet wurde zudem, man habe einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee zuvorkommen müssen. Verlogen hieß es an diesem Tag in Hitlers »Aufruf an die Soldaten der Ostfront«, Deutschland habe reagieren müssen auf ein »Komplott der jüdisch-angelsächsischen Kriegsanstifter und der ebenso jüdischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale«.

Es wurde ein Vernichtungskrieg geführt. Bekannt sind seine unheimlich bitteren Folgen. An vieles ist zu erinnern, unter anderem daran, wie intensiv der sogenannte Feldzug im Osten vorbereitet und wozu er entfesselt wurde. Historiker in Ost und West haben alles umfassend erforscht. Zahlreiche Dokumente belegen unumstößliche Tatsachen. Ändert sich heute etwas daran angesichts des furchtbaren russisch-ukrainischen Krieges? Notwendiges Erinnern weiterlesen »

Die Rechte nach 1945 verstehen

geschrieben von Kerstin Köditz

7. Juli 2026

Eine Doppelrezension über Forschung, Erinnerung und die Macht neonazistischer Milieus

Der israelische Faschismusforscher Zeev Sternhell beendete im März 2001 seinen Vortrag in Berlin mit den Worten, der Faschismus »wurde nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges geboren und starb nicht in den Ruinen von Berlin. Was auch immer wir über ihre Zukunft glauben mögen, diese Rechte ist noch immer Bestandteil unserer Welt.«

Angesichts dieser Worte mutet es seltsam an, dass ein Vierteljahrhundert später, im April 2025, einer der Vortragenden bei der gemeinsamen Konferenz der Bundeszentrale für politische Bildung und des Instituts für Zeitgeschichte in München »Die radikale Rechte in Deutschland nach 1945« unwidersprochen erklärte, es gebe zwar eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur aus den unterschiedlichsten Disziplinen zur extremen Rechten, doch ausgerechnet die Zeitgeschichtsforschung habe diesen Bereich bisher weitgehend vernachlässigt. Die Rechte nach 1945 verstehen weiterlesen »

Auschwitz als Hüpfburg

geschrieben von Niklas Tretow

7. Juli 2026

Gut gemeinte Geschichtsklitterung des Aktionskünstlers Oliver Bienkowski

Misslungene Kunst hat mitunter die interessante Eigenschaft, einen unbeabsichtigten Bedeutungs-überschuss zu produzieren, das heißt Interpretationsspielräume zu öffnen, die von dem*der Künstler*in nicht beabsichtigt wurden. Betrachtet man das neueste Projekt des Aktionskünstlers Oliver Bienkowski könnte man meinen, dass es sich um eine Satire auf die popkulturelle Verkitschung und Vermarktung des Holocaust handelt. Er und sein Kollektiv Pixelhelper arbeiten aktuell an einer »immersiven mobilen Holocaust Gedenkstätte & Musical« mit dem Titel »Auschwitz.us«. Auf der Website wird das Ganze beworben als »Bildungsprojekt, das jungen Menschen die Realität des Holocaust auf eine immersive und tief berührende Weise näherbringen soll (…).« Das klingt zunächst nach einem noblen Ziel, doch die (geplante) Umsetzung ist ein grober Fehlgriff. Auschwitz als Hüpfburg weiterlesen »

Was wussten die Deutschen?

geschrieben von Bernd Hüttner

7. Juli 2026

Eine neue Holocaustausstellung in der Berliner »Topographie des Terrors«

Die aktuelle Sonderausstellung in der Berliner »Topographie des Terrors« besteht aus drei Teilen. Der erste beleuchtet, was das NS-Regime über die Verfolgung (und Ermordung) der Juden und Jüdinnen selbst öffentlich bekannt gab. »Hinweise im Alltag« als zweiter Teil hat Gerüchte und inoffizielle Nachrichten und den Umgang damit zum Gegenstand. Der letzte Teil präsentiert drei Beispiele dafür, wie Einzelpersonen Informationen zusammenfügten und ihre Schlussfolgerungen daraus zogen. Was wussten die Deutschen? weiterlesen »

Traumata und Verständigung

geschrieben von Ulrike Bez und Walburga Rempe

7. Juli 2026

Offer Avnon geht mit seinem Film »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« erneut auf Tour

Der israelische, in Haifa geborene Regisseur Offer Avnon, Sohn eines polnischen Überlebenden der Shoah, hat zehn Jahre in Deutschland gelebt und den Holocaust niemals vergessen können. Nach seiner Rückkehr nach Israel betrachtet Avnon den israelisch-palästinensischen Konflikt mit neuem Blick, der sich im sozialen Raum von Haifa manifestiert. Sein Dokumentarfilm »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« wurde 2021 erstmals in Haifa gezeigt. In den vergangenen Jahren stellte Avnon ihn in verschiedenen Städten im Bundesgebiet vor. Derzeit plant er eine weitere Tour für den Herbst; die Termine werden demnächst auf seiner Homepage veröffentlicht. Traumata und Verständigung weiterlesen »

Mormonen unterm Hakenkreuz

geschrieben von Florian Osuch

7. Juli 2026

Zwischen Mittäterschaft, Anbiederung und Widerstand

Der US-Spielfilm »Wahrheit & Verrat – Truth & Treason« (2025) rückt eine vergessene Episode des antifaschistischen Widerstands ins Licht: die Geschichte der Widerstandsgruppe um den jungen Hamburger Mormonen Helmuth Hübener. Der Film ist Anlass, das Verhältnis der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« (»Latter-day Saints«, LDS) zum NS-Staat näher zu beleuchten. Dabei sind verschiedene Ebenen zu berücksichtigen: die Einzelmitglieder, die kirchliche Leitung im Reichsgebiet und in den USA sowie die Aktivitäten der Gestapo.

Der langjährige Bundessprecher der VVN-BdA Ulrich Sander1 hatte sich schon früh mit dem wohl bekanntesten deutschen Mormonen jener Zeit befasst: Helmuth Hübener, Jahrgang 1925. Er war ehrenamtlicher Sekretär des Hamburger Gemeindevorstehers, was ihm heimlichen Zugang zu einer Schreibmaschine verschaffte. Ab 1941 hörte er trotz Verbots Auslandssender wie die BBC ab. Mit seinen Glaubensbrüdern Rudolf Wobbe und Karl-Heinz Schnibbe sowie dem Verwaltungslehrling Gerhard Düwer bildete er eine kleine Widerstandsgruppe. Sie verfassten, reproduzierten und verteilten Flugblätter – von kurzen Parolen wie »Nieder mit Hitler« bis zu detaillierten Berichten über den tatsächlichen Kriegsverlauf. Mormonen unterm Hakenkreuz weiterlesen »

Mechanik des Frauenhasses

geschrieben von Michael Mallé

7. Juli 2026

Blick auf antifeministische Netzwerke, digitale Hetze und Macht öffentlicher Pranger

Veronika Kracher legt mit ihrem aktuellen Buch den Finger in eine offene gesellschaftliche Wunde: die Mechanismen von Frauenhass, digitaler Hetze und antifeministischer Mobilisierung. Bereits mit ihrem ersten Buch über »Incels«1 bewies Kracher ein Gespür für brisante Themen – und für den richtigen Zeitpunkt, sie sichtbar zu machen. Etliche Anschläge und Schießereien in dieser Zeit trugen die Handschrift von Incel-Tätern, inklusive seitenlangen misogynen Manifesten. Spätestens mit der Netflix-Serie »Adolescence« aus dem letzten Jahr ist das Thema in aller Munde.

»Bitch Hunt« schließt daran an, nimmt sich den Aspekt digitaler misogyner Kampagnen vor und seziert ihn zu einer Zeit, in der die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes das sexistische und gewalttätige Verhalten ihres Exmannes Christian Ulmen öffentlich gemacht und damit eine gesellschaftliche Debatte über Deepfakes und Frauenverachtung im Netz entfachte. Auf das Entsetzen über die Taten Ulmens und Demonstrationen folgte ein enor-mer Backlash an Relativierung und öffentlichem Schmutz, der auf der Betroffenen Fernandes abgeladen wurde. An vorderster Front der Kommentarspalten waren Männer (und Bots2), die bislang jede Verfehlung ihrer männlichen Lieblingspromis zu rechtfertigen wussten. Mechanik des Frauenhasses weiterlesen »

Laut gegen das Klischee

geschrieben von André Wartmann

7. Juli 2026

Sammelband zeigt Punk als Raum jüdischer Selbstbehauptung und Kritik

Dass Punk und Jüdischsein keine Gegensätze sind, war bislang ein Thema, das kaum beleuchtet wurde. Das Autor*innenkollektiv des Sammelbandes vereint Wissenschaftler*innen, Journalist*innen sowie Protagonist*innen der Szene selbst und verleiht dem Buch damit eine Vielstimmigkeit. Ein roter Faden ist die Absicht, dominante Narrative von Jüdinnen*Juden als Opfer zu unterlaufen und diesen starke, subversive jüdische Widerständigkeit entgegenzusetzen. Das gelingt dem Band in weiten Teilen, gerade weil er nicht bei der Bestandsaufnahme von Diskriminierung stehen bleibt, sondern Punk als Ressource und Möglichkeitsraum für antisemitismuskritische Praxis begreift. Laut gegen das Klischee weiterlesen »

Infrastruktur der Solidarität

geschrieben von Peps Gutsche

7. Juli 2026

Liebeserklärung an die Zivilgesellschaft und eine Gebrauchsanweisung

Der Aktivist, Journalist und Autor Arne Semsrott ist vielen durch das Projekt »Frag den Staat«, seinen Einsatz für ein demokratisches und transparentes Gemeinwesen und den »Freiheitsfonds«, der Menschen freikauft, die aufgrund von Fahren ohne Ticket inhaftiert werden, bekannt. In seinem ersten Buch »Machtübernahme« hat er szenarienhaft dargestellt, was passieren könnte, wenn die AfD an die Regierung käme, und wie sich Verwaltung, Medien und Zivilgesellschaft dagegenstellen können. Mit »Gegenmacht« wirft er einen Blick zurück nach vorn und zeigt, dass sich zivilgesellschaftliche Kämpfe nicht in Protest erschöpfen, sondern Solidarität zwischen den unterschiedlichsten Menschen ermöglichen und fördern. Infrastruktur der Solidarität weiterlesen »

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