Aus vollem Herzen
4. Mai 2026
Die Antifaschistin Eva Mamlok – jüdischer Widerstand gegen das NS-Regime
Die deutsch-jüdische Widerstandskämpferin Eva Mamlok war lange Zeit kaum bekannt. Erst eine vielbeachtete Ausstellung über sie im FHXB-Museum in Berlin im Sommer 2024 änderte dies. Bereits seit 2011 erinnert in Kreuzberg ein Stolperstein an sie, und demnächst soll dort auch der Platz am Ort ihrer ersten antifaschistischen Aktion nach ihr benannt werden. Anfang Mai dieses Jahres wurde sie sogar durch die Bundesrepublik mit einer Briefmarke in der Reihe »Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus« geehrt.
Eva Mamlok wurde am 6. Mai 1918 als zweite Tochter des jüdischen Weingroßhändlers Albert Mamlok und dessen Frau Martha (geb. Peiser) in Berlin geboren und wuchs im Stadtteil Kreuzberg auf. Schon in der Schule zeigte sie »Oppositionsgeist«, wie sie es später selbst beschrieb. Nach der Mittleren Reife auf dem Lyzeum begann sie eine Lehre als kaufmännische Angestellte. Schon früh war sie politisch aktiv und Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Nach deren Zerschlagung im Juni 1933 war sie im illegalen Widerstand.

Eva Mamlok zu Ehren erscheint am 7. Mai 2026 eine Sonderbriefmarke im Rahmen der Serie »Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«. Foto: Bundesministerium der Finanze
Bereits vor der Machtübergabe an die Nazis stieg Eva Mamlok nach mündlicher Überlieferung – mit nur 14 Jahren oder jünger – auf das Dach des Kaufhauses Hermann Tietz (nach der Arisierung Hertie) in Kreuzberg und malte darauf die Parole »Nieder mit Hitler«. Sie wurde festgenommen, kurz darauf aber wieder freigelassen, da sie noch nicht strafmündig war.
Zu einer erneuten Verhaftung kam es am 21. November 1934, als sie gemeinsam mit einem älteren Genossen auf die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde Blumen niedergelegt hatte. Es handelte sich dabei um eine Aktion der verbotenen KPD, an der noch weitere Personen beteiligt waren. Nachdem Eva Mamlok zunächst wieder entlassen wurde, kam die 16jährige am 23. November 1934 auf Grund ihrer »staatsfeindlichen Einstellung« in »Schutzhaft«.
Einen Monat später erfolgte ihre Einweisung in das niedersächsische Frauen-KZ Moringen. Die dortige Leitung attestierte ihr »ein arrogantes Wesen« und »Schnippigkeit« gegenüber den Aufseherinnen. Sie wurde oft verwarnt, und die Gestapo wurde über ihr »freches Verhalten« informiert. Zudem habe sie im Lager Kontakt zu Kommunistinnen gesucht. All das führte dazu, dass ihre Haft verlängert und sie erst am 8. Mai 1935 entlassen wurde.
Unbeeindruckt von der Hafterfahrung setzte Eva Mamlok ihren Widerstand fort und engagierte sich in antifaschistischen Gruppen in Berlin. In diesem Umfeld lernte sie (um 1936) auch ihren Freund Pieter Siemsen kennen, der aus einer bekannten sozialdemokratischen Familie stammte. Vor seiner Auswanderung nach Argentinien im Herbst 1937 verlobten sie sich. Ihm gelang es jedoch nicht, sie nachzuholen. Pieter würdigte Eva – die »aus vollem Herzen gegen die Nazis« war – noch Jahrzehnte später als »ungeheuer wichtig« für ihn.

Das einzige erhaltene Foto von Eva Mamlok, Februar 1939.
Foto: Privatarchiv Wolfgang Kaleck/Cristina Siemsen
Eva Mamlok musste als Jüdin ab 1940/1941 Zwangsarbeit in der Schraubenfabrik Butzke leisten, die für die Rüstung produzierte. Dort war sie höchstwahrscheinlich der Kopf einer Widerstandsgruppe jüdischer Mädchen bzw. Frauen. Sie bildeten ein Netzwerk und hatten Kontakte zu anderen illegalen Gruppen, druckten und verteilten Flugblätter, schrieben Parolen an Hauswände und organisierten auch eine geheime »Bibliothek« mit verbotener Literatur. Ob die Mitglieder sich schon vor der Zwangsarbeit gekannt oder sich gemeinsam gegen das NS-Regime aufgelehnt hatten, ist unklar.
Im April 1941 stieß Inge Gerson (später verheiratete Berner) im Betrieb zur Gruppe dazu. Durch sie wissen wir heute von Eva Mamlok und »ihrer« Widerstandsgruppe. Sie sei mutig, schön und lebenslustig gewesen. So habe sie an der Drehmaschine auch Brechts längst verbotene Dreigroschenoper gesungen. Schließlich kam es wegen der am Arbeitsplatz verliehenen Bücher zu einer Denunziation. Eva wurde zusammen mit Inge Gerson und Ingeborg Levinsohn (einer weiteren Zwangsarbeiterin) Ende September 1941 von der Gestapo verhaftet. Sie kamen in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Die Widerständlerinnen wurden von einem Gericht wegen »Wehrkraftzersetzung« zunächst zum Tode verurteilt, was dann zu KZ-Haft »abgemildert« wurde.
Am 13. Januar 1942 wurden die drei Frauen mit dem »8. Osttransport« nach Riga deportiert. Zuvor durften sie noch Abschied von ihren Familien nehmen. Eva Mamlok sah dabei zum letzten Mal ihre Mutter, ihre Tante und ihre zweijährige Tochter Tana (Vater unbekannt). Alle drei wurden Ende 1942 deportiert und in Riga bzw. Auschwitz ermordet. Eva wurde in Riga in verschiedenen Arbeitskommandos eingesetzt, leistete aber auch dort weiterhin Widerstand. So organisierte sie eine Kamera, mit der NS-Verbrechen dokumentiert wurden. Nach der Auflösung des Ghettos war sie ab 1943 im KZ Riga-Kaiserwald interniert. Schließlich kam sie am 1. Oktober 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig, wo sie die Häftlingsnummer 94020 erhielt. Am 23. Dezember desselben Jahres verstarb sie laut Todesbescheinigung an »allgemeiner Körperschwäche« (sic!). Eva Mamlok wurde nur 26 Jahre alt.
Der Autor dankt Jutta Faehndrich – eine der Ausstellungsmacherinnen bzw. Forschenden zu Eva Mamlok – für ihre Unterstützung.



























