Geschichte von unten

geschrieben von Kristin Caspary

4. Mai 2026

Warum Rätebewegungen immer wieder neu entstehen und wirken

Die Geburtsstunde der Räte liegt in der Pariser Kommune – und seither hat es zahlreiche Rätebewegungen gegeben. Einen Eindruck von der beeindruckenden Dichte dieser rund 250-jährigen Geschichte vermittelt Christopher Wimmer in seinem Buch »Alles muss man selber machen – Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava«. Schon die im Titel benannten historischen Bezugspunkte – Paris und Rojava – lassen erahnen, dass die Geschichte der Rätebewegungen zwar einen vergleichsweise kurzen Zeitraum umfasst, sich in dieser Zeit jedoch über weite Teile der Welt erstreckt.

Während die Pariser Kommune, die Sowjets in Russland oder die Räte in Rojava gemeinhin als bekannte Beispiele gelten und etwa die ungarische Episode nicht zuletzt durch Hannah Arendts Rezeption neue Aufmerksamkeit erfuhr, lenkt Wimmer den Blick auch auf weniger bekannte Versuche rätedemokratischer Organisierung. So treten Episoden aus China, Tansania oder Bolivien hervor, die die globale Dimension dieser politischen Praxis eindrucksvoll unterstreichen.

Dass die jüngste Manifestation der Rätebewegung in Nordostsyrien – Rojava – zugleich den Rahmen des Buches bildet, erscheint dabei alles andere als zufällig. Bereits in seinem früheren Buch über seine Zeit vor Ort hat sich Wimmer intensiv mit dieser Region auseinandergesetzt. Gerade in einer Gegenwart, in der die Entwicklungen im Nahen Osten vielfach Anlass zur Sorge geben, wirkt dieser Fokus besonders gegenwärtig. Zugleich gelingt es dem Autor, die Balance zu halten: Er zeigt, dass jede Episode nur aus ihrem spezifischen historischen Kontext heraus verständlich ist – und dennoch verbindende Linien und Kontinuitäten erkennbar bleiben.

Eine solche Kontinuität liegt vor allem in der Entstehungsweise der Räte selbst. Sie bilden sich aus konkreten Situationen heraus, oft spontan, und greifen historische Vorbilder zwar auf, bleiben aber stets an die jeweiligen sozialen und politischen Bedingungen gebunden.

Christopher Wimmer: Alles muss man selber machen – Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava. Karl Dietz Verlag, Berlin 2026, 328 Seiten, 24 Euro

Christopher Wimmer: Alles muss man selber machen – Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava. Karl Dietz Verlag, Berlin 2026, 328 Seiten, 24 Euro

Entsprechend verfolgt das Buch keinen streng organisationstheoretischen Ansatz. Stattdessen beschreibt es die verschiedenen, zeitlich und räumlich weit auseinander liegenden Episoden der Rätebewegung in ihrer jeweiligen materialistischen und historischen Spezifität. Gerade diese Offenheit macht den besonderen Reiz der Darstellung aus.

Zugleich verweist Wimmer auf eine grundlegende Schwierigkeit: Die spontane, sich einer eindeutigen Systematisierung entziehende Natur der Rätebewegungen macht sie für die akademische Politik- und Geschichtswissenschaft schwer greifbar. Für einen »interessierten Beob-achter« mit »Sympathie für den Gegenstand«, als den sich der Autor selbst beschreibt, eröffnet sich jedoch eine andere Perspektive.

Aus ihr heraus gelingt es, zentrale Elemente der historischen Entstehung und Ausformung von Räten zu benennen – ohne sie in ein starres theoretisches Korsett zu pressen. Diese Herangehensweise erlaubt zugleich, sich auch internen Problemen und wiederkehrenden Schwächen zu widmen. Die Sympathie für den Gegenstand führt also keineswegs zu einer unkritischen Darstellung.

Im Gegenteil: Deutlich wird, dass selbst eine ideal gedachte Rätegesellschaft kein Garant für eine befreite Gesellschaft ist. Wie bereits im titelgebenden Sprichwort angelegt, hängt ihr Erfolg letztlich vom Grad der Mobilisierung und Organisierung der gesamten Bevölkerung ab. Spätestens nach der Lektüre wird klar, dass die Geschichte der Rätebewegungen historisch vor allem eine Geschichte von Niederlagen ist. Doch gerade daraus zieht das Buch keine resignative Schlussfolgerung. Im Gegenteil: Durch die Darstellung ihres immer wiederkehrenden Neuentstehens über die letzten Jahrhunderte hinweg bewahrt Wimmer seine Leserinnen und Leser vor Resignation. Er ermutigt – wenn nicht unmittelbar zur politischen Praxis, so doch zumindest zur Aufmerksamkeit und Unterstützung gegenwärtiger Versuche rätedemokratischer Organisierung.

So entsteht am Ende etwas, das über eine reine historische Darstellung hinausgeht: eine vorsichtige, aber spürbare Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass Menschen in revolutionären Situationen immer wieder Wege finden, sich zu organisieren, die Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten infrage zu stellen und für reale Freiheit zu kämpfen – selbst angesichts äußerer Gegner, die nicht vor Gewalt und Unterdrückung zurückschrecken.