Haftort des Terrors
4. Mai 2026
»Oranjehotel« – Gedenkstätte erinnert an NS-Verbrechen in den Niederlanden
Was in den Niederlanden in Anlehnung an das Haus Oranje königlich klingt, war in Wirklichkeit eine der brutalsten Haftstätten während der deutschen Okkupation. In den Jahren 1940 bis 1945 wurden im Oranjehotel Tausende eingekerkert. Sie wurden hier verhört und gefoltert, bevor sie entweder in ein Deportationslager verbracht, vor Gericht gestellt und abgeurteilt oder in der Nähe dieser Haftanstalt hingerichtet wurden. Wie in anderen Ländern auch übernahmen die deutschen Besatzer vorhandene Strafanstalten und andere kasernierte Gebäudekomplexe, um politische Gegner und andere Verfolgte einsperren zu können, wenn man sie verhören oder zur Deportation in deutsche Lager bringen wollte.
Im Katalog der Gedenkstätte heißt es: »Zwischen 1940 und 1945 sitzen mehr als 25.000 Menschen im Oranjehotel gefangen. Das sind Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung: Militärangehörige, Studenten, Arbeiter, Künstler, Beamte, Politiker, Geistliche, Männer und Frauen und sogar Kinder. Sie stammen aus dem ganzen Land. (…) Die meisten Gefangenen wurden wegen Widerstands oder Formen bürgerlichen Ungehorsams verhaftet.«
Diese Haftstätte spielte eine wichtige Rolle bei der Verfolgung von Kommunisten, aber auch von »Wirtschaftskriminellen«, die den deutschen Befehlen zur Abgabeverpflichtung und anderen Auflagen zuwiderhandelten. Gut 2.000 jüdische Häftlinge durchliefen diesen Ort. Zumeist wurden sie anschließend nach Westerbork und von dort in die Vernichtungslager im Osten verschleppt.

D-Flur mit Zelle 601 (die einzige Zelle des Oranjehotels, die in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben ist) in der Gedenkstätte Oranjehotel. In den Zellen des D-Flurs waren zum Tode verurteilte Häftlinge untergebracht, die hingerichtet werden sollten. Foto: Chris Booms/Wikimedia CC-BY-SA 4.0
In den ehemaligen Diensträumen und verschiedenen Zellen befindet sich die eindrucksvolle Dauerausstellung über das Oranjehotel. Sie erzählt vom Gefängnisleben, aber auch von der Besatzungszeit, dem politischen Widerstand, den Folgen für die Niederländer und dem Umgang mit der Vergangenheit nach dem Krieg. Denn auch dieser Ort wurde bis 1950 zur Internierung von Kollaborateuren genutzt.
Interessant ist, wie es der Ausstellung durch Visualisierung gelingt, die weltpolitische Chronologie mit dem historischen Ort zu verbinden. Im Herzen des Zellenkomplexes befindet sich die Zelle 601, eine der Todeszellen auf dem D-Gang. Die zum Tode Verurteilten verbrachten hier ihre letzte Nacht. Seit Kriegsende sind die Zelle 601 und ihre Einrichtung in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben. Die Wände zeigen die echten Aufschriften der Gefangenen.
Zu den baulichen Relikten gehören auch die kleine Pforte und das große Tor daneben an der Van-Alkemadelaan. Sie bildeten während der NS-Zeit den Zugang zum Oranjehotel. Durch die kleine Pforte wurden die zum Tode verurteilten Gefangenen geführt. Rund 250 Gefangene wurden in der nahen Waalsdorper Senke hingerichtet.
Zum Gedenken befindet sich an der Außenmauer eine Plakette mit der Verszeile eines ehemaligen Häftlings, Anthonie Donker: »Gedenke ihres letzten Ganges durch diese Pforte. Sie gaben ihr Leben für Freiheit und Recht. Setze ihren Kampf fort.« Am Eingang der Gedenkstätte hängt ein Relief von Albert Termote, das 1950 von Königin Juliana enthüllt wurde. Es zeigt den Zusammenhalt der Gefangenen: eine Gruppe von aneinander geketteten Menschen, die um einen Baumstamm stehen und von Stacheldraht umgeben sind. Darunter steht: »Sie waren einmütig« und »1940–1945«.
Nachdem auch in den Niederlanden viele Jahrzehnte die Erinnerung an diesen Ort eher nur spärlich behandelt wurde, war es einer zivilgesellschaftlichen Initiative zu verdanken, dass dieser Ort vor knapp einem Jahrzehnt als Nationaal Monument Oranjehotel als Gedenkstätte eingerichtet wurde. Am 6. September 2019 eröffnete König Willem-Alexander den Gedenkort mit einer symbolischen Geste, indem er das große Zugangstor einen Spalt breit öffnete.
Der Gedenkort ist mit einem umfangreichen pädagogischen Angebot verbunden. Mit vielfältigen Medien wird versucht, das Leben im Oranjehotel für heutige Generationen verständlich zu machen. Erzählungen von Überlebenden werden mit Fotos, Dokumenten und Filmen illustriert. In einer Audiotour kann man persönliche Erinnerungen von Zeitzeugen auf der Grundlage von Briefen, Tagebüchern und Memoiren hören.
Für Schulklassen und Jugendgruppen gibt es das »Oranjehotel Junior«. Dieser Zellenkorridor ist speziell für Gruppen und einzelne junge Besucher im Alter von 10 bis 16 Jahren konzipiert. In der Beschreibung heißt es dazu: »Eingesperrt in einer echten Zelle entdecken die Schüler anhand eines interaktiven Programms, was hier während der Besetzung der Niederlande durch die Nazis geschah. (…) Es regt sie dazu an, über Bürgerrechte, Freiheit und die Auswirkungen eines totalitären Regimes auf die Gesellschaft nachzudenken.«
Die Komplexität des Programms wird durch die Fragen, die die Jugendlichen während des Besuchs beantworten müssen, ihrem Niveau angepasst. Ein Besuch dieses Gedenkorts ist in jeder Hinsicht empfehlenswert. Texte und Erläuterungen findet man auf Niederländisch und Englisch; es gibt zudem einen deutschsprachigen Katalog.



























