Rechte Wortmacht

geschrieben von Mareike Gronich

4. Mai 2026

Zur Kultur- und Literaturpolitik der extremen Rechten.

Wie ist es der extremen Rechten in den Jahren seit 2015 gelungen, ihre Deutungen der politischen Realität so wirkmächtig werden zu lassen, dass die Normalisierung ihrer Argumentationsmuster inzwischen weit fortgeschritten ist. Themen und Begriffe, die vor 15 Jahren klar dem Spektrum der extremen Rechten zugeordnet und weitgehend tabuisiert waren, finden sich heute wie selbstverständlich in der öffentlichen Debatte wieder. Die Wahlforschung bescheinigt einem größer werdenden Teil der Wähler*innenschaft der AfD eine inhaltliche Übereinstimmung mit den Zielen der Partei, wie der Rückabwicklung von Teilhabe und gesellschaftlicher Sichtbarkeit, von Diversität und geschlechtlicher Selbstbestimmung.

Am Beispiel des Begriffs »Remigration« lässt sich nicht nur lernen, wie die extreme Rechte mit Begriffen Politik macht. Der Fall zeigt auch, welche Bedeutung hegemoniepolitische Strategien für den Erfolg der extremen Rechten haben. »Remigration« wurde von der extremen Rechten als Kampfbegriff inhaltlich angeeignet, etabliert, und in den seit 2016 verstärkt geführten Diskurs um Migration eingespeist. Die »Identitäre Bewegung« (IB) etwa setzte ihn ein, um die Idee einer millionenfachen zwangsweisen Rückführung von Personen mit Migrationsgeschichte unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit zu plausibilisieren.

Aus der AfD in die öffentliche Debatte

Auch wenn führende AfD-Politiker*innen wiederkehrend beteuern, dass Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit selbstverständlich nicht von einer verschärften Migrationspolitik betroffen wären – der Begriff Remigration führt diese Bedeutungsdimension immer mit sich. Aus den rechtsintellektuellen Zirkeln fand er dann seinen Weg in die Migrationsdebatten der großen Medien. Dies gelang darüber, dass die AfD und ihr politisches Vorfeld ihn mit Hilfe gezielter politischer Provokationen und Tabubrüche in und außerhalb des Parlaments konsequent auf der Agenda hielten. Spätestens die Berichte über das sogenannte Potsdam-Treffen hatten in Bezug auf den Begriff »Remigration« den widersprüchlichen Effekt, dass damit einerseits breite antirassistische Proteste ausgelöst wurden, andererseits jedoch der Begriff »Remigration« inzwischen zum Bestandteil so gut wie jeder Debatte um Migration geworden ist, auch dort, wo er in ablehnender Absicht verwandt wird. Das ist gelungene Hegemoniearbeit.

Dies zeigt: um (Deutungs-)Macht geht es keineswegs nur in Parlamenten und in der Arbeit von Regierungen. Wer in der Lage ist, über Themen und Begriffe das Denken und, noch wichtiger, die politische Gefühlswelt der Menschen zu beeinflussen, übt indirekt Einfluss darauf aus, wie die politische Realität im Land wahrgenommen und gedeutet wird. Wir erleben seit etwa zehn Jahren, dass und wie es der AfD und ihrem politischen Vorfeld aus politischen Pressure-Groups, Medienprojekten und rechten Bewegungsmomenten, wie PEGIDA oder regionalen Protesten gegen Moscheen, gelingt, die politische Agenda zu bestimmen: Statt über soziale Infrastruktur, Mieten und Gesundheitsversorgung zu debattieren, ist es der extremen Rechten im diskursiven Bündnis mit Teilen der Konservativen gelungen, rechtsautoritäre Debatten auf der Agenda zu halten, und sie zuzuspitzen.

Kulturpolitik der AfD

Die Politik der AfD ist durchdrungen von der Ideo-logie des völkischen Nationalismus. Ihre gesellschaftspolitischen Leitbilder atmen den Geist des wilhelminischen Nationalismus, wie ihn Heinrich Mann in seinem Roman »Der Untertan« gültig bleibend skizziert hat: ein autoritärer Ständestaat, in dem die Deutschtümelei Leitstern allen kulturellen Ausdrucks ist. In einer solchen Gesellschaft sind Minoritäten aller Couleur – sofern sie überhaupt geduldet werden – zur Unsichtbarkeit und einer Rand-existenz verdammt. Doch selbst diese Version autoritärer Formierung findet bei Politikern wie Björn Höcke und seinem intellektuellen Stichwortgeber Götz Kubitschek in der Idee eines präfaschistischen Umbaus des Staates noch eine Steigerung.

Erste wirksame Schritte in Richtung der skizzierten Abkehr von den Standards einer auf Grundrechten basierenden Gesellschaft erhofft sich die AfD für die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, in denen im September dieses Jahres Landtagswahlen stattfinden. Hier will die AfD so stark werden, dass ohne sie keine Regierung gebildet werden kann. Gewiss, der Handlungsspielraum für fundamentale politische Änderungen auf der Länderebene ist begrenzt. Doch Schaden anrichten kann die AfD auch ohne direkt in der Regierung zu sein. Wenn es ihr gelingt, nur einige ihrer Kulturkampfthemen mit Hilfe der CDU durchzusetzen, wird die Tür zu anderen Themen, die die AfD politisch okkupieren will, wieder ein Stück weiter geöffnet.

»Straße des Reiches« und gegen Bauhaus

Geht es nach der AfD, sollen »Kinder früh mit dem kulturellen Erbe ihrer Heimat vertraut gemacht werden«. Cover und Zitat aus der Broschüre »Kulturpolitik« der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag.

Geht es nach der AfD, sollen »Kinder früh mit dem kulturellen Erbe ihrer Heimat vertraut gemacht werden«. Cover und Zitat aus der Broschüre »Kulturpolitik« der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag.

So verwundert es nicht, dass Kultur und Bildung für die AfD zu den wichtigsten Politikfeldern gehören. Denn in diesen Bereichen kann die Partei gestaltenden Einfluss auf das Bewusstsein gerade von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nehmen. Einen Vorgeschmack darauf, wie es aussehen soll, käme die Partei bei den Landtagswahlen des Jahres 2026 an die Macht, kann sich verschaffen, wer die Kultur- und Bildungspolitik der AfD im Bundesland Sachsen-Anhalt verfolgt. Im dortigen Landtag hat die AfD den Antrag eingebracht, die Kulturkampagne des Landes von »#moderndenken« in »#deutschdenken« umzubenennen. Auch eine »Straße des Reiches« analog zum touristischen Projekt »Straße der Romanik« wollte die AfD durchsetzen. In der vorherigen Legislaturperiode agitierte die AfD im Land gegen das Bauhaus Dessau und dessen Konzept der Moderne, das sie als dem Deutschen kulturell wesensfremd interpretiert.

Während diese Interventionen auf Landtagsebene bisher »nur« einen diskursiven Raumgewinn erzielen konnten, lassen sich auf Basis dieser hegemoniepolitisch motivierten Diskursverschiebungen auf Kreistagsebene inzwischen Mehrheiten für ganz konkrete Maßnahmen organisieren. In mehreren Kreistagen Sachsen-Anhalts hat die AfD kürzlich erst durchsetzen können, dass die Deutschlandfahne vor allen Schulen zu hissen sei. Der Musterantrag hierzu stammt aus der Feder eines AfD-Kreistagsabgeordneten im Landkreis Jerichower Land. Die dortige AfD-Kreistagsfraktion warb die Zustimmung der CDU ein, sodass nun vor allen Schulen des Landkreises die Deutschlandfahne aufgezogen werden muss. Dabei ist nicht die Deutschlandfahne vor der Schule an sich das, womit die AfD politisch punktet, sondern die Tatsache, dass die Partei damit eine ihrer Deutungen politisch durchsetzen konnte. Daran könnte die Partei nahtlos anknüpfen, wenn sie eines Tages über reale exekutive Macht verfügen sollte. Hier setzt die AfD in politische Praxis um, was sie in der Theorie als Kulturkampf postuliert: Alle Bereiche des öffentlichen und kulturellen Lebens werden dem politischen Primat des Patriotismus unterworfen.

Auch das »Regierungsprogramm« genannte Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl im September 2026 liest sich im Bereich der Kultur wie eine Bedienungsanleitung zum autoritären Staatsumbau. Ganz oben auf der Agenda der AfD-Programmatik steht die Streichung der Förderung historisch-politischer Bildung mit Bezug zu NS-Gedenkstätten. Geht es nach der AfD, sollen Schüler*innen nicht mehr die Euthanasie-Gedenkstätte Bernburg besuchen, sondern lieber zum Kyffhäuser fahren, um sich dort vom Wind nationaler Erweckungsmythen umwehen zu lassen. Die AfD will die Theater an die nationale Kandare nehmen und den gesamten Kulturbetrieb des Bundeslandes auf »patriotisch« umkrempeln. Multiperspektivische Zugänge zu Kultur und Kunst sollen einer Kulturpolitik weichen, die der nationalen Erbauung und der Stärkung der Heimatverbundenheit dient. Wer dahinter nur das kleinbürgerliche Spießertum einiger AfD-Provinzmandatare vermutet, liegt falsch. Die AfD übersetzt die kulturelle und geschichtspolitische Fundamentalagenda der extremen Rechten in aus ihrer Sicht erreichbare politische Ziele. Dabei hat sie feste Vorstellungen davon, was unter deutscher Kultur zu verstehen sei und was nicht und was dazu gehört. Goethe und Schiller, auch Gerhart Hauptmann können weiterhin gespielt werden. Peter Weiss, Elfriede Jelinek, und Yasmina Reza etwa dürften im nationalen Erbauungstheater der AfD keine Chance mehr haben.

Nationalistische Mobilisierung

Die Partei setzt für die Realisierung ihrer politischen Pläne nicht in erster Linie auf das Parlament, sondern auf eine langfristige, diskursiv wirkende Mobilisierung nationalistischer Gefühle, Stimmungen und Einstellungen, die hernach die Politik der AfD bestätigen. Wenn sie kann, wird die AfD die Kultureinrichtungen, Kirchen, Museen, Schulen und Hochschulen jener ostdeutschen Bundesländer, in denen 2026 Landtagswahlen stattfinden, in ein Musterbeispiel dafür umwandeln, wie sie eine nationalistische Vereindeutigung und Formierung der gesamten Gesellschaft plant. Wer verstehen will, welche kulturelle Gestalt ein Land nach den Vorstellungen der AfD annehmen soll, schaue in das Ungarn der Orbán- oder in das Polen der PIS-Ära. Für kulturelle Vielfalt, historiografische Deutungsoffenheit und Abweichung vom nationalen Narrativ ist im Land der AfD-Kultur kein Platz.

Das Feld rechter Kulturkämpfe ist jedoch breiter gefächert, als es die politischen Gestaltungsmöglichkeiten einer extrem rechten Partei wie der AfD zulassen. Eine langfristige Änderung des gesellschaftspolitischen Klimas im Sinne der extremen Rechten lässt sich nur über das Zusammenspiel von Partei und Vorfeld, Hegemoniearbeit und konkreten kulturpolitischen Aktivitäten umsetzen und politisch stabilisieren. Aus diesem Grund sind auch scheinbar politikferne kulturelle Formen rechter Ideologieproduktion in diesem Zusammenhang von Bedeutung.

Literaturpolitik im Vorfeld

Nicht nur die AfD, auch das extrem rechte Vorfeld der Partei drängt mit kulturpolitischen Interventionen immer stärker in die breite Öffentlichkeit. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese hegemoniepolitische Strategie mit der Buchmesse »SeitenWechsel«, die am 8. und 9. November 2025 (siehe antifa-Januar-/Februarausgabe 2026) in den Räumlichkeiten der Hallenser Messe in Sachsen-Anhalt stattfand. Geschäftsführer*innen der Halle Messe GmbH sind Roland und Beate Zwerenz, denen auch jene Messehalle in Gießen gehört, in der – ebenfalls im November 2025 – die Neugründung des AfD-Jugendverbandes »Generation Deutschland« stattfand.

Initiatorin der rechten Messe ist die Dresdner Buchhändlerin und Verlegerin Susanne Dagen, die seit 1995 das Buch- und Kulturhaus Loschwitz im gleichnamigen Dresdner Stadtteil betreibt. 2017 initiierte Dagen die »Charta 2017«, in der sie dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorwarf, durch seinen Umgang mit extrem rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse eine »Gesinnungsdiktatur« zu begünstigen, der Dagen mit ihrer eigenen Buchmesse nun etwas entgegensetzen will. Seit 2018 betreibt sie gemeinsam mit Ellen Kositza (Ehefrau von Götz Kubitschek), der verantwortlichen Literaturredakteurin der extrem rechten Zeitschrift Sezession, die bei YouTube gehostete Literatursendung »Aufgeblättert – Zugeschlagen. Mit Rechten lesen«. Als Mitglied der Freien Wähler sitzt Dagen außerdem seit 2019 im Dresdner Stadtrat, seit 2024 ist sie Teil der dortigen AfD-Fraktion und deren »Sprecherin für Kultur und Tourismus«.

Die Buchmesse »SeitenWechsel« ist aus zwei Gründen ein wichtiger Bestandteil extrem rechter Hegemoniepolitik im Feld der Kultur: Zum einen kommt der rechten »BücherMesse« Bedeutung zu, weil mit ihr erstmals der Versuch unternommen wurde, in relativ großem Stil das gesamte Spektrum extrem rechter Kräfte von nationalkonservativ (z. B. Junge Freiheit) bis neonationalsozialistisch (z. B. Aufgewacht, Magazin der Freien Sachsen) unter einem Dach zu versammeln. Glaubt man zentralen Protagonisten der rechtsintellektuellen Szene, wie dem Antaios-Verleger Götz Kubitschek oder Philipp Stein, dem Chef des Jungeuropa-Verlags und des Ein Prozent e. V., so konnte dieses Unterfangen einzig Susanne Dagen gelingen, und zwar gerade weil diese selbst nicht aus dem extrem rechten Milieu stammt, dem sie sich erst seit 2016 zugewandt hat. Zum anderen zeichnete sich die »BücherMesse« dadurch aus, dass sie – zumindest dem äußeren Erscheinungsbild nach – ganz gezielt (auch) an nicht-rechte Publika adressiert ist und diesen einen »sanften« Zugang zum extrem rechten Milieu bieten will. »Seht her«, so in etwa die Botschaft, »wir sind Leser*innen, wie ihr es auch seid. Uns liegen Bücher am Herzen, die Freiheit der Kunst und die Bildung unserer Kinder, wer dagegen etwas hat, der meint es nicht gut mit uns, und auch nicht mit euch.«

Damit folgt die öffentliche Kommunikation der Messe jener Strategie der »Selbstverharmlosung«, die Götz Kubitschek schon 2017 zu einem zentralen Aspekt gelingender Hegemoniearbeit erklärt hat. Selbstverharmlosung im Sinne Kubitscheks zielt darauf, »die Vorwürfe des Gegners durch die Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit abzuwehren und zu betonen, daß nichts von dem, was man fordere, hinter die zivilgesellschaftlichen Standards zurückfalle«1.

Susanne Dagen ist geradezu prädestiniert dafür, ein solches Selbstverharmlosungsprogramm im Bereich der Literatur und Kultur zu orchestrieren. Nicht nur, weil sie dieses Programm qua ihrer eigenen Biografie verbürgt, sondern mehr noch dadurch, dass sie auch über die extreme Rechte hinaus, auf ein über Jahrzehnte gewachsenes, politisch und ideologisch durchaus heterogenes Netzwerk von Kulturschaffenden und -interessierten zurückgreifen kann, das zum Beispiel auch ehemalige DDR-Dissident*innen wie Michael Beleites und Stephan Krawczyk, einstmals Linke wie Diether Dehm und prominente Autor*innen wie Monika Maron und Uwe Tellkamp umfasst.

Indem die »BücherMesse« einerseits als Branchentreff fungiert, der (extrem) rechte Buch- und Medienmacher*innen aller Couleur zusammenbringt, und sich andererseits als harmloses Kultur-event für nicht-rechte Publika inszeniert, verbindet sie zwei in der Kultur- und Literaturpolitik der extremen Rechten üblicherweise voneinander getrennt gehaltene kommunikative Sphären, die man als Binnen- versus Außenkommunikation bezeichnen kann.

Extrem rechte Gesinnungsarbeit

Susanne Dagen als Akteurin einer rechten Hegemoniestrategie, die Literatur, Medien und Politik gezielt miteinander verschränkt. 2019 ist sie über die Freien Wähler in den Dresdner Stadtrat eingezogen und 2024 zur AfD-Fraktion gewechselt.Foto: staDDrat/Wikimedia

Susanne Dagen als Akteurin einer rechten Hegemoniestrategie, die Literatur, Medien und Politik gezielt miteinander verschränkt. 2019 ist sie über die Freien Wähler in den Dresdner Stadtrat eingezogen und 2024 zur AfD-Fraktion gewechselt.
Foto: staDDrat/Wikimedia

Die literaturpolitische Binnenkommunikation der extremen Rechten richtet sich an Gleichgesinnte – insbesondere an den Nachwuchs. Sie zielt darauf, ausgehend von paradigmatischen Lektüren und Gesprächen über Texte des rechten Kanons politische Identitäten zu stiften und den Nachwuchs bei der Ausbildung eines intellektuellen Habitus anzuleiten. Austragungsort dieser »Gesinnungsarbeit« sind unter anderem die auf dem »Rittergut Schnellroda« stattfindenden Akademien, bei denen unter der Regie von Götz Kubitschek regelmäßig die extreme Rechte zu Vorträgen und Gesprächen zusammenkommt.

Diese Veranstaltungen dienen nicht nur der Gemeinschaftsbildung und Wissensvermittlung, sondern auch der Ausbildung einer ideologiegeleiteten Lektürepraxis, in der das Lesen und der Austausch über das Gelesene als Teil eines politischen Initiationsprozesses verstanden und inszeniert werden. Bemerkenswert ist dabei, dass zum rechten Kanon keineswegs nur genuin rechte Texte und Autor*innen gehören. Im Gegenteil sind im Band »Schlüsselwerke« des »Staatspolitischen Handbuchs«, in dem kanonische Texte der extremen Rechten vorgestellt werden, auch Werke von Autor*innen wie Hannah Arendt oder Walter Kempowski zu finden. »Das Buch im Haus nebenan«, in dem zentrale Akteur*innen der extremen Rechten ihre ganz eigenen literarisch-politischen Initiationserfahrungen schildern, verzeichnet neben rechten Klassikern auch Thomas Manns »Zauberberg«, Milan Kunderas »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« und Christoph Ransmayrs postmodernen Klassiker »Die letzte Welt«. Auch der Titel dieses Kanons, »Das Buch im Haus nebenan«, geht übrigens auf einen literarischen Text zurück, nämlich auf Ray Bradburys »Fahrenheit 451«, in dem es heißt: »Das Buch im Haus nebenan ist ein scharf geladenes Gewehr.«

In der literaturpolitischen Außenkommunikation, die sich in Teilen ganz gezielt auch an nicht-rechte Publika richtet, geht es, zumindest was das Vokabular angeht, weniger martialisch zu. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dieser öffentlich ausgestellte Umgang mit Literatur hegemoniepolitischen Zielen folgt. Es geht darum, schrittweise möglichst alle kulturellen und diskursiven Räume für die eigenen rechten Inhalte zu er-obern. Das lässt sich unter anderem dadurch bewerkstelligen, dass man etablierte mediale Formate, wie das der Literatursendung »Literarisches Quartett« oder jenes der literarischen Rezension, wie wir sie aus den Feuilletons kennen, adaptiert und mit eigenen Inhalten füllt. Ein bekanntes, eingeführtes Format verbreitet intellektuellen Stallgeruch. Es schafft emotionale Nähe, die wiederum eine gute Basis dafür ist, dass sich die Adressierten auch gegenüber den präsentierten Inhalten öffnen, zumal dann, wenn diese Inhalte rhetorisch elegant und in homöopathischen Dosen verabreicht werden.

Es sollte deutlich geworden sein, dass das Feld der Kulturpolitik keines ist, das man getrost der AfD oder anderen extrem rechten Akteuren überlassen könnte. Es ist im Gegenteil zentraler Austragungsort politischer Auseinandersetzungen, den es zu verteidigen gilt – am besten, indem man ihn mit klugen, reflektierten und entschlossen antifaschistischen Kulturangeboten bespielt.

Addendum

Anfang März wurde bekannt, dass Kulturstaatsminister Weimer drei linke Buchhandlungen von der Liste der Preisträger*innen des Deutschen Buchhandlungspreises hat streichen lassen, da gegen diese »verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse« vorlägen. Sowohl das grundgesetzlich umstrittene Überprüfungsverfahren gegen die drei Buchhandlungen wie auch die Entscheidung, ihnen die Preise abzuerkennen, und erst recht die mindestens als irreführend zu bezeichnende Kommunikation mit den von der Liste gestrichenen Preisträger*innen sind Ausdruck der Tatsache, dass rechte Kulturkampfagenden längst auch von Konservativen getragen und befeuert werden. Mit Wolfram Weimer ist der Modus Operandi rechter Kulturkämpfe auf Regierungsebene angekommen. Zwar bedient sich der neue Kulturstaatsminister nicht direkt neurechter Begriffe und Deutungsvorlagen, aber seine inhaltlichen Interventionen in den Kulturbetrieb lassen sich nicht anders verstehen, denn als Versuch der Durchsetzung einer rechtskonservativen Agenda. Ebendies ist Ausdruck von Hegemoniekämpfen.

Die gegenwärtig zu beobachtenden diskursiven Vorstöße gegen die gesellschaftliche Repräsentation von Geschlechtervielfalt und Migration kommen nämlich nur zum Teil aus der extremen Rechten, von der ohnehin nichts anderes zu erwarten ist. Sie kommen, wenn auch weniger aggressiv vorgetragen, aus der konservativen, vermeintlichen »Mitte«, die Wolfram Weimer vorgibt zu repräsentieren. Linke Buchläden raunend unter den Verdacht des Extremismus zu stellen, die Besetzung von Jurys kontrollieren zu wollen – also konkrete inhaltliche Eingriffe in die Arbeit von kulturellen Einrichtungen vornehmen zu wollen, bildet das Fundament für die autoritäre Formierung einer Gesellschaft, wie sie in jenen Staaten zu beobachten ist, in denen rechte Regierungen mit absoluter Mehrheit regieren.

Plurale und auf Diversität ausgerichtete Akteur*innen des Kulturbetriebs werden auf diese Weise nicht disruptiv, wie durch die extreme Rechte, sondern schrittweise durch institutionelle Mechanismen und Förderlogiken ihrer Handlungsfähigkeit beraubt. An die Stelle von Deutungsoffenheit und Freiheit tritt sodann schrittweise Bekenntniszwang und eine Verengung der kulturellen Perspektive. Wolfram Weimer ist kein extrem rechter Politiker. Aber er ist einer, der Brücken nach Rechtsaußen baut, einen extrem rechten Resonanzraum anspielt, ohne ihn selbst füllen zu müssen, und damit durchaus eine wichtige Figur in der Architektur rechter Kulturkämpfe.

Erklärung »Kulturelle Vielfalt in Gefahr«
Fast 30 Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt, darunter große Stiftungen bis zu kleinen Bühnen, schlagen Alarm: Sie warnten Mitte April in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Titel »Kulturelle Vielfalt in Gefahr« (siehe kurzlinks.de/vielfalt-Kultur) vor den kulturpolitischen Plänen der AfD. Hintergrund ist deren Programm für den Fall einer Regierungsübernahme, das eine »patriotische Kulturpolitik« vorsieht. Kritisiert wird vor allem ein grundlegender Wandel des Kulturbegriffs: Statt eines offenen, pluralen Raums drohe Kultur zum Werkzeug einer politisch definierten Leitidentität zu werden. Fördermittel sollen künftig bevorzugt an Projekte gehen, die zur »deutschen Identitätsfindung« beitragen. Die unterzeichnenden Einrichtungen sehen darin einen Angriff auf die Kunstfreiheit sowie auf die Vielfalt kultureller Praxis. Besonders besorgniserregend ist aus ihrer Sicht die angekündigte Neuausrichtung der Erinnerungskultur. Sie befürchten eine Abkehr von wissenschaftlich fundierter Auseinandersetzung hin zu geschichtsrevisionistischen Narrativen, in denen die NS-Vergangenheit relativiert und ein positives Nationalbild in den Vordergrund gerückt wird.

In Debatten einsickern

Die Hegemonie- beziehungsweise Diskurstheorie fragt danach, auf welche Weise Themen und Begriffe in gesellschaftliche Debatten einsickern, und sich dort als Deutungen der vorgefundenen Realität festsetzen. Der Bereich der Kultur ist in den letzten Jahren gerade für konservative, rechte und extrem rechte Akteur*innen zu einem der zentralen Austragungsorte hegemoniepolitischer Auseinandersetzungen geworden.

Diese Form der Politik nennt die extreme Rechte »Metapolitik«. Sie beschreibt damit die Absicht eines wirksamen strategischen Zusammenspiels politischer, medialer und kultureller Interventionen, um ihren Inhalten Resonanz und Zustimmung zu verschaffen. Die kulturpolitischen Aktivitäten der extremen Rechten richten sich im Wesentlichen auf zwei Sphären. Sie lassen sich ausgehend von den jeweils anvisierten Adressat*innengruppen als Außen- und Binnenkommunikation beschreiben. Für beide Sphären, die sich nach Adressat*innen, politisch-didaktischer Zielsetzung, Grad der Zugänglichkeit und inhaltlicher Ausrichtung unterscheiden, hat die extreme Rechte in den letzten Jahren spezifische kommunikative und mediale Formate entwickelt.

Zum Weiterlesen

  • David Begrich/Mareike Gronich/Jeannie Moser/Hans-Joachim Schott (2026): Literatur- und Kulturpolitik der ›Neuen Rechten‹. Lektüren, Schauplätze, Vokabular. Bielefeld: Transcript.
  • Mareike Gronich/Stephanie Marx (2025): »Seitenwechsel«: Wie die (extreme) Rechte Literaturpolitik betreibt. Ein Blick auf Netzwerke, Narrative und Mobilisierungsstrategien der (extremen) Rechten. https://www.derstandard.at/story/3000000297504/seitenwechsel-wie-die-extreme-rechte-literaturpolitik-betreibt
  • Nicolai Busch/Torsten Hoffmann/Kevin Kempke (2024): Neurechte Literatur und Literaturpolitik. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 98, S. 467–477. link.springer.com/article/10.1007/s41245-024-00259-4

Mareike Gronich ist Literaturwissenschaftlerin. Sie forscht unter anderem zum Verhältnis von Literatur und Politik und beschäftigt sich in diesem Kontext auch mit literaturpolitischen Strategien der (extremen) Rechten. Sie ist Mitautorin des Buches »Literatur- und Kulturpolitik der ›Neuen Rechten‹. Lektüren, Schauplätze, Vokabular«, das im Juni 2026 im transcript Verlag erscheint.