Unbekannte Heldinnen
4. Mai 2026
100 Frauen im Widerstand – ein Buch über Erinnerung, Mut und blinde Flecken
Das Buch »Warum kennt ihr mich nicht?« ist mehr als ein einfaches Buch. Es ist eine Erinnerung an 100 Frauen, die im Kampf für eine bessere Welt ermordet wurden. Der Autor Ernst Volland, ein in Berlin lebender Künstler, setzt sich seit Langem mit Faschismus und Widerstand auseinander, unter anderem in zum Teil satirischen Plakaten. Im Vorwort beschreibt er die Entstehung des Projekts: »Als ein Motiv meiner Serie ›Eingebrannte Bilder‹ für eine Gedenkbriefmarke der Deutschen Post zum anstehenden 100. Geburtstag von Sophie Scholl 2021 in die engere Wahl kam, fragte ich mich: ›Wer sind die anderen Frauen des Widerstands?‹«
Für eine bessere Welt gekämpft
Volland beginnt daraufhin, zum Thema Frauen im Widerstand zu recherchieren. Zunächst konzentriert sich das Projekt auf Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – sie stellen auch den größten Teil der vorgestellten Persönlichkeiten dar. Auf Anregung von Freunden erweitert er das Projekt später auf Frauen aus anderen Ländern, die ermordet wurden, weil sie für eine bessere Welt gekämpft haben.
Jeder Frau ist eine Doppelseite gewidmet: Auf der linken Seite findet sich ein kurzer biografischer Text in Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Polnisch und Russisch. Auf der rechten Seite steht ein Porträt, versehen mit der Frage »Warum kennt ihr mich nicht?«, die – oft quer über die Fotografie gelegt – in der jeweiligen Muttersprache der Frau geschrieben ist.
Diese konsequente Gleichbehandlung der Frauen wirkt beeindruckend. Häufig war mein erster Gedanke beim Lesen der Namen und Kurzbiografien, dass ich mehr erfahren möchte – mehr über die Frauen und ihr Handeln. In dieser Form kann das Projekt diesen Wunsch jedoch nur bedingt erfüllen.

Ernst Volland: Warum kennt ihr mich nicht? Frauen im Widerstand gestern und heute. Edition Frölich, Berlin 2025, 224 Seiten 28 Euro
Während der Lektüre wird deutlich, wie wenige der Frauen, die im Widerstand gegen den Faschismus aktiv waren, bekannt sind. Zwar sind Widerstandsgruppen wie die Herbert-Baum-Gruppe oder die »Rote Kapelle« bekannt, doch die Namen der beteiligten Frauen sind es kaum. Noch geringer ist das Wissen über Frauen aus Widerstandsbewegungen in den von Deutschland besetzten Ländern.
Ein Beispiel ist Irma Bandiera, geboren am 8. April 1915 in Bologna. Sie war Mitglied der italienischen »Gruppo di Azione Patriottica« und wurde am 14. August 1944 in Bologna von der SS gefangen genommen, fünf Tage lang gefoltert, geblendet und schließlich ermordet.
Durch gezielte Internetrecherche lässt sich mehr über sie erfahren: 1943 trat sie der verbotenen Kommunistischen Partei Italiens und der Resistenza bei. Ihr Tarnname war »Mimmi«. Sie schmuggelte Waffen und versorgte verletzte Widerstandskämpfer. In Italien sind zahlreiche Straßen nach ihr benannt – Informationen, die das Buch leider nicht zur Verfügung stellt.
Die Aufnahme von Frauen aus Lateinamerika, Asien und der Sowjetunion stellt eine wertvolle Erweiterung dar. Zwischen der Ermordung der beiden brasilianischen Umweltaktivistinnen Dilma Ferreira Silva (2019) und Marinalva Manoel (2014) liegen fünf Jahre, und doch ähneln sich ihre Schicksale. Nach der Ermordung von Dilma Ferreira Silva, ihres Partners und eines Freundes veröffentlichte die Organisation CIDSE eine Erklärung: »Die Ermordung von Dilma Ferreira Silva ist ein Beweis für die schwerwiegende Situation von Menschenrechts- und Umweltverteidigern in Brasilien.« Über Marinalva Manoel heißt es auf der Internetseite von Survival International: »Die 27-jährige Marinalva Manoel wurde wahrscheinlich vergewaltigt und erstochen. Ihre Leiche wurde am Samstag im Graben neben einer Schnellstraße gefunden.« Sie stand kurz davor, mit einer Delegation in die über 1.000 Kilometer entfernte Hauptstadt Brasília zu reisen, um die Rückgabe von Land an die Guarani zu fordern. Zu den porträtierten Frauen gehört auch Nguyen Thi Minh Khai, geboren am 1. November 1910 in Vinh (Vietnam). Sie war Mitglied der Führung der Kommunistischen Partei Vietnams und wurde am 26. August 1941 in Saigon von den französischen Kolonialbehörden hingerichtet.
Crowdfunding für eine Ausstellung
Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof, schreibt über das Projekt: »Es ist eine kraftvolle Einladung, die Bedeutung von Erinnerung, Widerstand und Gerechtigkeit neu zu überdenken. Das Projekt widmet sich 100 Frauen, die weltweit und zu unterschiedlichen Zeiten gegen Diktatur, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gekämpft haben.« Neben dem Buch ist auch eine Ausstellung geplant. Für deren Finanzierung hat Ernst Volland bei drei Stiftungen angefragt, jedoch Absagen erhalten. Deshalb sammelt er derzeit Spenden, um die Ausstellung realisieren zu können. Darüber hinaus existiert mit ernstvolland.de eine Internetseite, auf der weitere Namen von Frauen aus politischen Bewegungen ergänzt werden können.



























